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Der Gnom Ein Lichtenberg-Roman von Boëtius, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.10.2014
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Gnom

Henning Boëtius' außergewöhnliche Romanbiographie über den Gnom, der 'Göthe' morden wollte: Georg Christoph Lichtenberg, 1741-1799, war sicher einer der brillantesten und witzigsten Köpfe der Aufklärung - und ohne Zweifel hatte er das schärfste Mundwerk seiner Zeit. Als Aphoristiker und Kunstkritiker ist er daher auch heute noch berühmt. Dass er allerdings auch ein hervorragender Naturwissenschaftler war, ist weitaus weniger bekannt. Henning Boëtius begleitet seinen buckligen Helden, den Pfarrerssohn, Göttinger Studiosus, Aristokratenerzieher und Professor der Mathematik, in Salons und Gelehrtenzirkel, ins englische Königshaus, in wissenschaftliche Kabinette und Universitäten. Er erzählt von Liaisons, ehelichen Pflichten, Himmelsbeobachtungen , physikalischen Experimenten und Entdeckerfreuden, von spöttischer Gesellschaftskritik und dem Mut, die Sache der Aufklärung voranzutreiben. Henning Boëtius, geboren 1939, wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn. Boëtius ist Verfasser eines vielschichtigen Werkes, das Romane, Essays, Lyrik und Sachbücher umfasst. Sein Roman 'Phönix aus Asche' wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen niederländischen Kommissar Piet Hieronymus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Erscheinungsdatum: 30.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641121969
    Verlag: btb
    Größe: 850 kBytes
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Der Gnom

I. Die Gartentreppe 1742 - 1763

G eorgs Abschied von Mutter und Schwester war still und ohne äußere Anzeichen einer heftigen Gemütsbewegung verlaufen. Auch von Bellos, seinem Hund, hatte er Abschied genommen, als würde er gerade nur in die Stadt gehen wollen.

Der aber hatte sich nicht täuschen lassen. Bellos war in wilden Sprüngen hinter der Kutsche hergelaufen und hatte Anstalten gemacht, nach den Fesseln der Pferde zu schnappen. Erst als ihn die Peitsche des Kutschers traf, gab er auf.

Nun rollten sie auf der Poststraße nach Norden. Georg hatte einen der außengelegenen Plätze ergattert und sah zu der offenen Seite der Kutsche hinaus. Um einen besseren Blick zu haben, hatte er ungeniert vor den Augen der Mitreisenden die große Decke mehrmals zusammengefaltet und unter sich auf seinen Sitz gelegt.

Die Decke war ein Abschiedsgeschenk seiner Mutter. Sie hatte nichts gesagt. Nicht einmal "Damit du nicht frierst". "Vielleicht ist es ein Abschied auf immer", dachte er. "Das würde seine Wortlosigkeit am besten erklären."

Es war ein schöner Maitag. Obwohl die Sonne schien, kam es ihm vor, als gäbe es draußen keine Schatten.

Noch etwas anderes war höchst eigenartig: Die Bäume und Hecken im Vordergrund flossen, wie zu erwarten, gegen die Fahrtrichtung vorbei, und zwar um so schneller, je näher sie dem Betrachter waren. Die im Hintergrund liegenden Merkmale der Landschaft jedoch schienen sich mit der Kutsche vorwärts zu bewegen, und das um so schneller, je weiter sie entfernt waren. Die Gegenläufigkeit der beiden Bewegungen legte den Schluß nahe, daß es irgendwo zwischen Vorder- und Hintergrund eine Stelle geben mußte, wo die Dinge stillstanden.

"Es wäre interessant, diese Stelle zu berechnen", sagte er laut. Mit sich selbst zu sprechen, war eine Angewohnheit von ihm, wenn er einen schwierigen Gedanken dachte.

Natürlich war es Unsinn, denn sie fuhren ja vorwärts durch die Landschaft und ließen alles in ihr Stück für Stück hinter sich.

Aber die Augen täuschten eine andere Wirklichkeit vor. Zum erstenmal hatte er dies erfahren, als er kaum älter als fünf Jahre war.

Es war an einem Wintertag gewesen. Sein Vater hatte ihn auf einen Spaziergang vor die Stadt mitgenommen. Dies war ein seltenes Ereignis, denn sein Vater hatte fast nie Zeit. Georg war daher aufgeregt und bereit, alles, was es zu sehen gab, für ein Wunder zu halten.

Es schneite stark. Sein Vater legte den Kopf zurück und sah den Flocken entgegen. Der Sohn ahmte dies nach.

"Was siehst du?" fragte sein Vater.

"Den Schnee. Die Flocken kommen aus dem Himmel."

"Sieh es dir genau an. Von wo kommen die Flocken?"

"Sie kommen alle aus der gleichen Stelle."

Der Vater hatte ihn gelobt und dann aufgefordert, nun den Schneefall von der Seite zu betrachten und seine Eindrücke zu schildern.

Da sah er ganz deutlich, daß die Flocken gar nicht aus einem Punkt herausfielen, sondern in parallelen Linien zu Boden schwebten. Kaum blickte er jedoch wieder zum Himmel empor, wirkten die Flocken wieder wie feine, weiße Blütenblätter, die im Kreis aus einem Punkt herauswuchsen und nach allen Seiten auseinanderstoben.

"Es ist eine Frage der Blickrichtung", sagte sein Vater. "Das eine ist so wahr wie das andere."

Diese Erklärung hatte sich Georg tief eingeprägt. Heute fragte er sich, ob die eigenartige Frömmigkeit seines Vaters auch eine Folge der Blickrichtung gewesen war. Wenn man das Gesicht hob und in den Himmel sah, war Gott im Zentrum, wenn man ihn jedoch von der Seite betrachtete, löste er sich in das Nebeneinander einzelner Teile der Schöpfung auf. Sein Vater hatte die Sterne über alles geliebt. Sie waren das Schneegestöber des Nachthimmels, das aus dem göttlichen Zentrum fiel. Auf der Erde gab es Menschen, zwischen denen kein Zusammenhang bestand, wenn man sie von der Seite betrachtete.

"Es wäre interessant, diese Stelle zu bere

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