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Der Gutshof im Alten Land Roman von Jary, Micaela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.08.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Der Gutshof im Alten Land

Frühling 1919: Edzard von Voss, der Patriarch eines herrschaftlichen Gutshofs im Alten Land, liegt im Sterben. Seine Söhne sind im Krieg vermisst und wahrscheinlich gefallen, der Erbe wäre nun sein raffgieriger Neffe Roland, den Edzards Tochter Finja aus Familienraison heiraten soll. Unerwartet steht jedoch ein Kamerad des jüngsten Sohnes Lennart vor der Tür, der diesem ähnlich sieht. Edzards Frau beschließt, den angenehmen Fremden als ihren Sohn auszugeben. Der Schwindel gelingt, Finja ist frei - sehr zum Ärger von Roland. Doch dann taucht plötzlich eine junge Frau auf, die behauptet, Lennart sei der Vater ihres kleinen Kindes ...

Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben begibt sie sich aber auch in ein kleines Landhaus nahe Rostock.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 20.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641203702
    Verlag: Goldmann
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Der Gutshof im Alten Land

Fort Oglethorpe, Georgia, USA

13

Ein warmer Wind strich über die Straße und wirbelte Staub und Schmutz auf, bog die in der Hitze verdorrten Halme eines Unkrauts am Wegesrand. Er trieb Sandkörner in Gerrits Augen, schien beim Einatmen seine Lunge zu verkleben und kroch unter die Kleidung, um auf seiner Haut zu kratzen. Die vergangenen drei Jahre hatte er mehr mit dem Wetter gekämpft als mit den Unannehmlichkeiten der Internierung. Doch als er jetzt auf eine Mitfahrgelegenheit wartete, die ihn zum nächstgelegenen Bahnhof nach Chattanooga auf der anderen Seite des Tennessee River bringen sollte, empfand er die Brise und ihre Begleiterscheinungen seltsamerweise als angenehm. Sie waren ein Beweis dafür, dass er die Haft bei relativ guter Gesundheit überstanden hatte, dass er stark und mutig war - und dass er lebte.

Die Sommer in den Südstaaten waren lang und heiß. Da sich auf dem Gelände des Camps kein einziger Baum befand, gab es auch keinen Schatten. Anfangs war es Gerrit von Voss würdelos erschienen, aber nach einer Weile war er wie die meisten seiner Mitgefangenen unter die auf Pfählen erbauten Baracken gekrochen, um den einzig möglichen Schutz vor der sengenden Sonne zu finden. Er lernte es als Wohltat zu schätzen, obgleich als kurze, denn natürlich war die Zeit, über die er frei verfügen konnte, begrenzt. Dennoch genoss er mehr Vorteile als die meisten anderen Gefangenen.

Er wusste nicht genau, welcher glückliche Umstand ihn in die Abteilung A des Lagers gebracht hatte. Vielleicht half ihm eine Verwechslung, möglicherweise war auch das Adelsprädikat für die Unterbringung verantwortlich. Einen anderen Grund konnte es nicht für das Privileg geben, seine Kameraden in Block A verfügten ansonsten in der Regel über eine deutlich höhere Reputation als er: Der Dirigent des Philharmonischen Orchesters in Boston, Karl Muck, war ebenso darunter wie eine Reihe renommierter Wissenschaftler aus dem Deutschen und dem Habsburgerreich, die an amerikanischen Universitäten gelehrt hatten, darüber hinaus die Leiter von Unternehmensniederlassungen aus der Heimat. Fünfundzwanzig Mann teilten sich eine Baracke. Man musste sich selbst verpflegen, was gar nicht so schlecht war, denn zu den Insassen gehörten auch Chefköche des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie; auf Letzterer hatte Gerrit damals seine Überfahrt gebucht. Er arbeitete in der Tischlerei und in der Schmiede und schickte täglich ein Dankgebet in den Himmel, weil er nicht auf den nahen Feldern eingesetzt wurde, um Baumwolle zu pflücken. Diese und andere schwere Arbeiten oblagen den Bewohnern von Lager B. Die Männer dort wurden häufiger krank, litten an Darminfektionen, Nierenstörungen, Rheumatismus oder bekamen Malaria, als hätten sie zu den Schutztruppen in den afrikanischen Kolonien gehört. Gerrit erkundigte sich und erfuhr, dass Fort Oglethorpe auf dem Breitengrad von Marokko lag. Zumindest hatte er nun eine Erklärung für das Wetter.

Bereits ein Jahr vor seiner Verhaftung war er von der Polizei verhört worden. Er arbeitete damals als Reporter für die Freie Presse im New Yorker Stadtteil Brooklyn, einer der noch verbliebenen deutschsprachigen Zeitungen im Land, viele der Blätter waren aufgrund der von Anfang an kritischen Haltung der USA gegenüber den Mittelmächten bereits in den ersten beiden Kriegsjahren eingestellt worden. Für Gerrit war die Tätigkeit für die Freie Presse ein Glücksgriff, er hatte hier gleich nach seiner Einreise einen ersten Job als Bürobote gefunden und war rasch zum Reporter aufgestiegen. Seine gute Erziehung, seine Bildung, das Studium am Kolonialinstitut in Hamburg und seine daraus resultierenden hervorragenden Englischkenntnisse waren gewiss ebenso hilfreich wie sein Talent, mit anderen Menschen umzugehen. Er war gut aussehend, intelligent, vornehm, freundlich und ehrgeizig - eine brillante Mischung, um Türen zu öffnen oder Gesprächspartner zu gewinnen, ganz gl

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