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Der Gutshof im Alten Land Die Vorgeschichte - Eine E-Only-Kurzgeschichte von Jary, Micaela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.05.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Der Gutshof im Alten Land

Die Vorgeschichte zu Micaela Jarys großer Familiensaga 'Der Gutshof im Alten Land'.
Frühling 1914: Die Familie von Voss herrscht seit Jahrhunderten über einen großen Gutshof im Alten Land. Als Lennart von Voss, der jüngste Sohn und Erbe, volljährig wird, wird ihm zu Ehren ein glanzvolles Fest ausgerichtet. Während der Feierlichkeiten kommt es jedoch zum Eklat, da Lennart seine Zeit lieber mit der jungen Fabrikarbeiterin Jenny verbringt. Derweil wird von Lennarts älterem Bruder Gerrit eine folgenschwere Entscheidung verlangt. Doch der Sturm, der die Familie von Voss zu zerreißen droht, ist nichts gegen den großen Sturm, der in ganz Europa aufzieht - denn der 1. Weltkrieg wirft seine Schatten voraus.

Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben begibt sie sich aber auch in ein kleines Landhaus nahe Rostock.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 70
    Erscheinungsdatum: 01.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641226718
    Verlag: Goldmann
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Der Gutshof im Alten Land

Altes Land, April 1914

3

"Sind Sie verletzt?"

Die Männerstimme klang freundlich, ein wenig besorgt, vor allem fürsorglich. Er roch nach Pferdeschweiß, aber auch nach Lavendel - und dieser Duft brachte Jenny zu den Träumen zurück, die sie vor ihrem Unfall gesponnen hatte. Wie herrlich hatten sich der Wind in ihrem Haar und die Gedanken an ein besseres Leben angefühlt! Doch von diesem Zauber war nichts geblieben, ebenso wenig von dem Abenteuer der rasanten Fahrradfahrt.

Nun lag sie buchstäblich im Dreck, und das blassrosa Gewand der Obstbäume über ihr erinnerte so gar nicht mehr an einen Brautschleier, sondern daran, dass ihr Haar aufgelöst, ihre Bluse vermutlich mit Flecken übersät war und sie Glück hatte, wenn sie keinen Riss in ihrem Rock fand. In dieser Aufmachung durfte sie weder zur Arbeit gehen noch ihrer Mutter unter die Augen kommen, und ein feiner Herr würde sich bestimmt nicht in ein junges Mädchen verlieben, das aussah wie ein Halbwüchsiger nach einem Boxkampf. Und diese Schmerzen in ihrer Schulter ... Zum Schock gesellte sich Selbstmitleid. Eine Träne rollte wie von selbst über Jennys Wange.

"Um Himmels willen, nicht weinen! Ich kann nicht ertragen, wenn eine hübsche Frau weint."

Der Ausruf war reinste Verzweiflung, aber so aufgesetzt, dass Jenny plötzlich zornig wurde. Der Reiter hatte ihren Weg gekreuzt, er hätte besser aufpassen müssen! Oder nicht? War sie etwa schuld an dem Unfall? Egal. Sie brauchte sein Mitleid, nicht umgekehrt. Ihr Aussehen und ihre Kleidung waren hinüber, von dem Fahrrad ganz zu schweigen.

Sie blinzelte, sah ein schmales Gesicht über einem Halstuch aus burgunderroter Seide. Er kniete neben ihr, war ihr ganz nah. Was für ein attraktiver Mann! Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie ihn bei seiner Ankunft im Schützenhaus nur flüchtig wahrgenommen hatte. Es handelte sich um Lennart von Voss, niemand Geringerer als der Sohn des Gutsbesitzers hatte sie über den Haufen geritten. Was dachte er sich nur? Dass ihm der Feldweg gehörte, den sie entlanggeradelt war? Na ja, womöglich gehörte das Land hier tatsächlich seiner Familie. Vielleicht sollte sie es als gegeben hinnehmen, dass er sich eben alles erlauben durfte - und sie so gut wie gar nichts. Doch Jenny gab nicht so leicht klein bei.

Als sie sich aufzurichten versuchte, stach ihr der Schmerz in die Schulter. Es tat so weh, dass sie unwillkürlich nach Luft schnappte. Daraufhin quollen die Tränen wie Sturzbäche aus ihren Augen.

"Großer Gott!", rief Lennart von Voss aus. Diesmal klang er wirklich aufgewühlt. "Sie sind schwer verletzt, nicht wahr? Was soll ich denn jetzt tun?"

Jenny zog die Nase hoch. "Sie könnten mir aufhelfen", schlug sie vor.

"Ja. Ja. Natürlich ..." Er rang um Fassung. Ansonsten tat er - nichts.

Sein Verhalten ärgerte Jenny. Waren vornehme Männer so wenig hilfsbereit? Oder war Lennart von Voss nur ein bisschen einfältig? Vielleicht ein Geburtsschaden ... Jenny konnte sich jedoch nicht erinnern, dergleichen von Tante Gertrud gehört zu haben. Jedenfalls schien er nicht hochnäsig zu sein, denn als er unvermittelt in Bewegung geriet, nestelte er in seiner Jackentasche und förderte ein blütenweißes Tuch zutage, mit dem er ihr - ohne zu fragen - im Gesicht herumwischte. Sanft zwar, aber völlig sinnlos. Sie schob seine Hand fort.

"Das ist nicht nötig." Jenny fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchten Lider.

"Schade", murmelte er, steckte sein Taschentuch aber gehorsam wieder ein. "Sie sehen ein wenig derangiert aus."

"Was?" Er benutzte eine Sprache, die sie nicht kannte.

"Flusig", antwortete er auf Plattdeutsch. Die Erklärung kam ihm jedoch nicht überheblich über die Lippen. Er lachte fröhlich.

Spontan fiel sie in sein Lachen ein. Dabei war so gar nichts komisch daran, dass sie keine Fremdwörter beherrschte und darüber hinaus ziemlich zerzaust war. Außerdem plagten sie nach wie vor starke Sch

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