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Der halbe Mond Roman von Cobanli, Hasan (eBook)

  • Verlag: LangenMüller
eBook (ePUB)
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Der halbe Mond

Ein Herrenhaus in Mecklenburg, ein Palais am Bosporus ... Frauen waren seine Leidenschaft. Inmitten zweier unterschiedlicher Kulturen wächst der junge Feridun auf. Als Sohn des Dardanellen-Helden Cevat Pascha wird er im Kadettenkorps in Berlin zum Gardejäger gedrillt und ist Gast auf den Gütern adliger Familien in Preußen. Als Diplomat, protegiert von Atatürk, Frauenheld und charmanter Exot erlebt er die bewegende Weltgeschichte zwischen 1920 und 1960. Sein Sohn Hasan, wie der Vater weder in der Türkei noch in Deutschland wirklich zu Hause, erzählt diese wechselvolle Familiengeschichte und schlägt den Bogen über hundert Jahre bis in das Jahr 2013, als er am Gezi-Park eine unerwartete und berührende Bekanntschaft mit einer jungen Demonstrantin macht ... Hasan Cevat Cobanli, geboren 1952 in Istanbul, wo er seine Kindheit verbringt. Studium der Amerikanistik und Romanistik, Absolvent der Deutschen Journalistenschule. Schrieb u. a. für Stern, Wirtschaftswoche und Capital. Als TV-Reporter, Moderator und Produzent drehte er zum Teil preisgekrönte Reisedokumentationen. Der Autor lebt in München. Stephan Reichenberger, geboren 1957 in Bayreuth. Drehbuchautor und Ghostwriter. Er entwickelte TV-Sendungen wie Leo's Magazin, Frontal, Leute heute, drehte zahlreiche TV-Dokumentationen für ARD und ZDF und schrieb Drehbücher für TV-Komödien. Für seine Arbeit erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. Stephan Reichenberger lebt in München.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783784482309
    Verlag: LangenMüller
    Größe: 1464 kBytes
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Der halbe Mond

1920 Hadije Soraya

V om Bosporus herauf schmeichelte sich das Tuten eines englischen Panzerkreuzers in sein Ohr.

"Feridun!", rief die Mutter.

Unten auf der Terrasse vor dem alten, hölzernen Herrenhaus stand für den Sohn des Paschas das Frühstück bereit. Silberne Teekanne, Porzellantasse aus Limoges, Toast, Orangenmarmelade, ein Schälchen mit Gurken, eins mit Oliven, eine Schale frischer Joghurt, den die Haushälterin allmorgendlich vom Straßenhändler mit dem Joch über der Schulter kaufte, wenn er sich am Tor mit seinem Ruf "Yogurtcuuuu!" meldete.

Milder Morgenwind stieg vom Bosporus herauf, strich durch den Park, fing sich in der Fassade des Paschasitzes, griff in die Zweige dreier riesiger Zedern und ließ die Blätter der beiden Palmen vor Feriduns Fenster rascheln. Im Sonnenschein warfen die Palmenblätter riesige Schattenspinnen, die über Holzfassade und die aufgeklappten Fensterläden hoch und höher krochen. Die Luft roch nach Erde und Wasser, rund um einen Kreis aus mannshohen Rosenbäumen sprengte der Gärtner seine Beete. Im kriegsgezeichneten Konstantinopel erweckte das Anwesen auf den Hügeln von Nisantasi den Eindruck einer ungefährdeten Idylle.

"Feridun, Frühstück!"

Hadije Soraya erwartete ihren Sohn auf der Terrasse, neugierig auf weitere Geschichten von deutschen Aristokraten, den Roons und den Bassewitzens. Mit Frontabenteuern brauchte Feridun ihr nicht zu kommen. Der große Krieg war verloren, und Hadije Soraya froh, Mann und Sohn wieder heil um sich zu wissen. Doch von den preußischen Grafen auf ihren Gütern hörte sie den Heimkehrer aus dem untergegangenen Reich des Kaisers gar zu gerne erzählen. Feridun tat ihr den Gefallen nach Kräften, erfand notfalls hinzu, wenn ihm der Stoff ausging, er sprach sogar freundlich von den Comtessen. Das Magdolna-Kapitel ließ er weg, seine Mutter brauchte nicht alles zu wissen.

Feridun war noch nicht wirklich zu Hause angekommen. Er sprach und träumte Deutsch. Sein Türkisch war das eines Zehnjährigen, es machte ihn verlegen, wenn die Eltern ihn verbesserten wie einen Abc-Schützen. Lieber war es ihm, wenn zu Hause Deutsch oder Französisch konversiert wurde, was zum Glück häufig der Fall war. Nachhilfe in Straßentürkisch holte er sich lieber vom Dienstpersonal.

Der Vater war heute schon sehr früh ins Ministerium gefahren. Es gab wieder Ärger. Die Demobilisierung der Sultansarmee schien ins Stocken zu geraten, was die Aliierten auch dem zuständigen Generalstabschef anlasteten. Engländer, Franzosen und Italiener hatten die Stadt in Zonen aufgeteilt, um - jeder auf seine Weise - die Forderungen der Siegermächte durchzusetzen. Hunderte Carabinieri, aus Italien herübergeholt, nahmen in allen Sektoren die Polizeiaufgaben wahr.

Der Sultan ließ alle Demütigungen über sich ergehen.

In den Weiten Anatoliens jedoch verpufften die Drohgebärden der Sieger. Dorthin hatte sich der Kriegsheld Mustafa Kemal Pasa mit seinen Getreuen zurückgezogen, ins fünfhundert Kilometer östlich gelegene Ankara. In seinem Hauptquartier tagte die von ihm einberufene "Nationalversammlung" und versuchte auf das Parlament des Sultans am Bosporus Einfluss zu nehmen. Auch auf seinen Weggefährten Cevat Pasa konnte er dabei zählen.

"Feridun, nun komm doch endlich!"

"Oui, Maman!"

Er blieb im Bett liegen und blinzelte in den Morgen. Versuchte sich zu erinnern, wie es früher hier oben ausgesehen hatte, wenn er als Kind die Augen aufschlug. Sein Zimmer im dritten Stock war nun für Gäste eingerichtet, die über Nacht blieben. Die beiden Palmen in Feriduns Alter, die der achtjährige Junge einst mithilfe des Gärtners vor dem Hauptgebäude gepflanzt hatte, waren in den vergangenen zwölf Jahren zu stolzer Höhe emporgewachsen und spendeten nun den oberen Stockwerken des Konak ihren Schatten. Ihre Blätter nestelten an den Fensterläden und schreckten Feridun manchmal nachts aus dem Schlaf. Das Geräusch machte ihm

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