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Der Himmel über Palermo Blandine von Bülows große Liebe - Roman von Neumann, Constanze (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.05.2017
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Der Himmel über Palermo

Palermo, 1881: Mit der ganzen Familie reist Richard Wagner nach Sizilien. Auch seine Stieftochter Blandine von Bülow ist dabei, Cosimas Tochter aus erster Ehe. Während Wagner sich zurückzieht, um den Parsifal zu vollenden, nehmen Cosima und ihre Töchter am gesellschaftlichen Leben teil. Vor allem Blandine sorgt für Aufsehen - und erliegt selbst dem Zauber der alten, prächtigen Palazzi, der prunkvollen Feste und einer Landschaft, die keinen Winter kennt. Auf einem Ball in der Silvesternacht begegnet sie Graf Biagio Gravina, Spross einer der ältesten Adelsfamilien der Insel, der ihr schon bald den Hof macht. Könnte sie glücklich werden in dieser fremden, exotischen Welt? Constanze Neumann, geboren 1973 in Leipzig, studierte Anglistik, Romanistik und Germanistik. Sie arbeitete 15 Jahre in verschiedenen Buchverlagen in München, Frankfurt und Hamburg und lebte vier Jahre als Übersetzerin aus dem Italienischen in Palermo.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 22.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641194536
    Verlag: Goldmann
    Größe: 1707 kBytes
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Der Himmel über Palermo

1

Die Toten

November 1897

Chi ti portaru i morti?

Rau klingt die Stimme des Verkäufers, fremd, als stammte sie aus einer anderen Welt. Weitere Rufe stimmen ein, ein heiseres Krächzen, das sich mit dem dichten Rauch mischt, der über die große Piazza treibt. Es riecht nach Maronen, gegrilltem Fleisch, gebrannten Mandeln, ein schwerer Duft, der den Gestank doch nur überlagert, der aus den engen Seitengässchen der Piazza dringt, aus den Eingeweiden der Stadt Palermo und einer Dunkelheit, die immer feucht ist, ein klammes, schmutziges Tuch, das an der Haut haftet.

Chi ti portaru i morti?

Was haben dir die Toten gebracht?

Blandine Gräfin Gravina zieht den Vorhang vor das Fenster der Kutsche, die sich ihren Weg über die Piazza Santa Teresa zum Stadttor Porta Nuova bahnt. Durch einen Spalt zwischen den staubigen Stoffbahnen sieht sie das Gesicht eines Verkäufers, es ist braun gebrannt, zerfurcht, der Mund, aus dem ein paar schiefe Zähne ragen, ist aufgerissen. Der Mann starrt sie an und lacht, hält eine der bunten Zuckerpuppen hoch, einen Paladin mit Rüstung und Säbel. Schild und Helm sind bunt, die schwarzen Augen puppenstarr, darunter ein blutroter Mund mit schwarzem Schnurrbart. Der Verkäufer schlägt mit seiner schmutzigen Faust gegen das Fenster der Kutsche, er streckt ihr den Paladin entgegen, dann zeigt er auf seinen Stand, auf dem Berge von bunten Zuckerpuppen liegen, Ritter zu Pferde, Edelfräulein und Prinzessinnen mit gelbem Haar und blauen Augen, dazu billiges Spielzeug, kleine sizilianische Karren, Tonpfeifen, Kasperlefiguren, auch sie schreiend bunt. Endlich sind sie an seinem Stand vorbeigefahren, Blandine atmet auf.

Chi ti portaru i morti?

Sie schließt die Augen und drückt sich in das lederne Sitzpolster, aber das grobe Gesicht des Verkäufers hat sich ihr eingebrannt, sein Grinsen, die schiefen gelben Zähne.

U pupu cu l'anchi torti!

Eine hinkende Puppe!

Die Stimmen der Kinder, die den Händlern antworten, klingen schrill. Sie sind aufgeregt und gierig, ihre Schreie gleichen denen der Möwen, die vom Meer heraufgeflogen sind und nach Müll tauchen, sie stürzen sich aus dem blauen Novemberhimmel hinab und wühlen im Unrat, der sich überall auf der Piazza türmt, unter den Ständen, an den Ecken, an den Stämmen der hohen Palmen.

Mit einem Ruck kommt die Kutsche zum Stehen, und Blandine öffnet die Augen. Sie hört den Kutscher fluchen, ein paar Kinder stieben kreischend auseinander, sie sind nicht zu bändigen an diesem Tag, an dem die Toten ihnen Geschenke bringen. Sie müssen sie nur auf den Friedhöfen an den Familiengräbern abholen. Alle - ob reich oder arm - tafeln an den Gräbern, bringen den Toten ihre Leibspeisen, und die Kinder können es kaum erwarten, auf den Friedhof zu gehen. Danach fahren sie zum Jahrmarkt der Toten auf der Piazza Santa Teresa. In all den fünfzehn Jahren auf Sizilien hat Blandine sich nicht an dieses Fest gewöhnt, das hier wichtiger ist als Weihnachten und Ostern. Heidnisch kommt es ihr vor, ein uraltes Ritual, das für sie nichts mit dem Christentum und Allerseelen, wie sie es kennt, zu tun hat. Auch ihre Kinder wollen das Fest feiern, sie verrenken sich die Hälse, wenn Ende Oktober in den Pasticcerien die bunten Zuckerpuppen auftauchen, sie wollen auf den Friedhof und dann auf diesen Jahrmarkt, wo sie die Rufe der Händler mit einer ihr nicht vertrauten Lautfolge beantworten und die Stände mit Spielzeug, Bergen von Nüssen und den crozzi i mottu, den Knochen der Toten, einem nach Nelken und Zimt schmeckenden Gebäck, bestaunen.

Sie schaudert.

Palermo ist eine Totenstadt, und heute feiern sie, die Toten tanzen durch die Straßen, ein gespenstischer Reigen durch die labyrinthischen Gassen, durch den Dämmer der unzähligen Kirchen, Klöster und Kapellen.

Ruckelnd fährt die Kutsche weiter, der Kutscher gibt dem Pferd die Peits

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