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Der Letzte von uns Roman von Clermont-Tonnerre, Adélaide de (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.02.2018
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Der Letzte von uns

Während der Bombennächte in Dresden bringt die schwer verwundete Luisa ihren Sohn zur Welt. Kurz darauf stirbt sie. Ihr letzter Wunsch ist es, ihn in Sicherheit zu wissen, denn sie ahnt: Er ist der Letzte von ihnen. Manhattan, fünfundzwanzig Jahre später. Wern ist jung, ambitioniert und unsterblich in Rebecca verliebt, enfant terrible und Tochter einer reichen New Yorker Familie. Die beiden verbindet eine außergewöhnliche Liebe: leidenschaftlich, inspirierend und bedingungslos, so zumindest scheint es. Doch plötzlich bricht Rebecca ohne weitere Erklärungen den Kontakt zu ihm ab. Und Wern muss sich einer schmerzhaften Wahrheit stellen. 'Absolut atemberaubend!' Tatiana de Rosnay, Autorin von 'Sarahs Schlüssel'. 'Der Stoff, aus dem eine Saga gemacht ist!' Elle. Adélaïde de Clermont-Tonnerre, 1976 in Neuilly-sur-Seine geboren, ist Journalistin und Autorin. Ihr Roman "Der Letzte von uns" erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs, den Grand Prix du Roman de l'Académie Française.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 16.02.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841214676
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Originaltitel: Le Dernier des Notres
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Der Letzte von uns

Sachsen, Deutschland, 1945

E s war eine Nacht im Februar, eine weitere Nacht des Verderbens für die Menschheit. Auf Hunderten von Hektar brannten die Ruinen unter einem beißenden Ascheregen. Dresden hatte sich in ein endloses Flammenmeer verwandelt, das Körper, Hoffnungen und Leben zunichtemachte, eine Inkarnation des Chaos, so weit das Auge reichte. Der Beschuss war so massiv gewesen, dass im Zentrum kein einziges Gebäude mehr stand. Die Detonationen hatten die Häuser weggeblasen wie tote Blätter. Dann waren die Brandbomben gefolgt und hatten eine gierige Feuersbrunst entfacht, die Männer, Frauen und Kinder verschlang. Emporlodernde Flammen erhellten prasselnd die Finsternis, nach und nach waren die vereinzelten Feuer zu einem glühenden Strudel zusammengeflossen, und der Himmel hatte mitten in der Nacht die scharlachrote und goldene Färbung eines herbstlichen Sonnenuntergangs angenommen. Selbst in 22 000 Fuß Höhe spürten die Piloten, die den Tod säten, in ihren Kabinen die Glut dieses Infernos.

Im Lauf der Nacht stiegen Rauch und Asche bis in den Himmel und bedeckten die einst so strahlende Stadt wie ein Leichentuch.

Im trüben Zwielicht des nächsten Tages erhob sich nur noch die barocke Silhouette der Frauenkirche gespenstisch aus den Trümmern. Eine Handvoll Rot-Kreuz-Helfer hatte hier zahllose Verletzte versammelt. Victor Klemp, der Chirurg, der die behelfsmäßige Krankenstation eingerichtet hatte, versuchte das Grauen zu organisieren. Eine Zeitlang hatte er gedacht, Gott bestrafe sein Volk für eine Schuld, die Victor zwar erahnte, der er aber nicht ins Gesicht zu sehen wagte. Doch seit der Tod ihn stündlich hundertfach verhöhnte, glaubte er nicht mehr, dass Gott ein solches Leid gewollt hatte. Er glaubte nicht mehr, dass Gott sich überhaupt noch für diese Welt interessierte, und die Kirche, die sich als einziges Gebäude aus den Trümmern emporreckte, erschien ihm weder wie ein Wunder noch wie ein göttliches Zeichen, sondern wie eine letzte, empörende Provokation.

Victor hatte seit zweiundsiebzig Stunden nicht geschlafen. Sein Kittel, sein Gesicht, sein Hals waren mit dem Blut seiner Niederlagen befleckt. Vor Müdigkeit zitterten ihm die Finger. Er hatte längst jegliche heiklen Operationen aufgegeben, und es überraschte ihn, wie sehr er abgestumpft war. Wenige Sekunden mussten für eine Diagnose genügten: Kämpfen konnte er nur noch für diejenigen, die die beste Überlebenschance hatten. Ihm wurden so viele Schwerverletzte gebracht, und die medizinischen Mittel, die ihm zur Verfügung standen, waren so gering, dass er gezwungen war, mit einem einzigen Blick zu entscheiden, wen er retten konnte. Die meisten musste er aufgeben. Er hatte nichts mehr, um die Schmerzen der Sterbenden zu lindern oder derer, die er operieren musste. Weder Morphin noch Alkohol, noch ein tröstendes Wort. Bei manchen blieb als einzige barmherzige Geste nur der Tod. Er hatte sich an den Hauptmann eines der wenigen vor Ort stationierten Regimenter gewandt und war selbst entsetzt gewesen, als er sich sagen hörte:

"Schießen Sie allen, die ich Ihnen schicke, eine Kugel in den Kopf. Man kann nichts mehr für sie tun."

Der Hauptmann hatte ihm direkt in die Augen gesehen und mit einer absoluten, verzweifelten Ruhe, die Victor niemals vergessen würde, geantwortet: "Wir haben nicht mehr genug Munition, Doktor, um Mitleid zu üben."

In Schüben von trostloser Regelmäßigkeit brachten ihm Soldaten und Zivilisten neue Opfer. Für ihn waren sie nur mehr Wunden, Brüche, zerfetzte Organe, zukünftige Amputierte. Bis der Blick auf eine behelfsmäßige Trage in der Flut namen- und gesichtsloser Verletzter ihn innehalten ließ. Es war in der Nacht vor der dritten Angriffswelle. Zwei junge Männer in Uniform brachten die darauf liegende Frau. Schlamm und Staub in ihrem Gesicht konnten die Harmonie ihrer Züge nicht verbergen, und ihr Haar, so verdreckt es auch war, leuchtete in all der Düsternis

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