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Der schwarze Handschuh Erzählungen von Odoevskij, Vladimir (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.02.2014
  • Verlag: Manesse
eBook (ePUB)
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Der schwarze Handschuh

Eine bezaubernde russische Trouvaille Charmanter Feingeist und scharfzüngiger Kritiker skandalöser Zustände, erzählt Vladimir Odoevskij stets mit der Eleganz des formvollendeten Stilisten. Dieser Auswahlband ist eine Trouvaille für alle, die sich mit Felicitas Hoppe von der "Leichtigkeit, Geistesgegenwart und Beobachtungsgabe" dieses russischen Klassikers bezaubern lassen möchten. Neu zu entdecken: ein Hochkaräter der russischen Literatur und ein Großmeister der kleinen Form. Vladimir Odoevskij (1803-1869) hat die Erzählkunst seiner Heimat mitbegründet und sie mit seinen Novellen in weltliterarische Sphären geführt. Sprachlich souverän und in unbefangenem Fabulierton vermittelt er uns ein launig- heiteres Zeit- und Sittenbild der spätaristokratischen Welt. Kaum ein gesellschaftlicher Missstand und kaum ein menschlicher Makel, den der versierte Satiriker nicht auf seine spitze Feder gespießt hätte. Habgier, Eitelkeit, Ruhmsucht, Trägheit des Herzens, Standes- und Geistesdünkel, nichts ist vor seiner Polemik sicher. Der Enge gesellschaftlicher Konventionen und des schönen Scheins entkommen am Ende weder die Privilegierten noch die Habenichtse, weder die Berechnenden noch die, die angeblich reinen Herzens sind. Wie das Zwillingsstück um die zauberhaften Prinzessinnen Mimi und Zizi, das den Beginn der psychologischen Analyse in der russischen Literatur markiert, sind auch die anderen Erzählungen des Bandes eine tiefgreifende Kritik an ausgehöhlten Traditionen. Romantische Motive, spätromantische Brechung und ein modern anmutender Scharfblick finden sich hier meisterhaft miteinander verschränkt. Bei den hier von Peter Urban gehobenen Prosaschätzen handelt es sich durchwegs um Erst- bzw. Neuübersetzungen, die den Nimbus dieses großen Erzählers belegen. Vladimir Odoevskij (1803-1869) zählt mit Gogol und Pu?kin zum Dreigestirn der frühen Blüte russischer Erzählkunst. Den Schilderer des Märchenhaft-Phantastischen verbindet eine innige Seelenverwandtschaft mit der deutschen Romantik. Seine Lebensbilder aus der spätaristokratischen Adelswelt bezaubern durch Unmittelbarkeit und Esprit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 03.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641140311
    Verlag: Manesse
    Größe: 465 kBytes
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Der schwarze Handschuh

Der schwarze Handschuh

Gew. Jul. Mich. Duhamel (Kozlovskaja)

In meiner Jugend war ich Brautführer bei einer sehr interessanten Hochzeit. Bräutigam und Braut, so schien es, waren füreinander geschaffen... Gleichermaßenjung , gleichermaßen voller Leben, gleichermaßen schön, beide aus guter Familie und – kaum zu glauben! – beide gleichermaßen reich. Das waren zwei Geschöpfe, welche das Schicksal, so schien es, in die Welt gesetzt hatte, damit man es nicht immer unbarmherzig nennen kann. Es hatte das junge Paar von der Wiege an mit allen Gaben des Glücks überhäuft; es war, so schien es, selbst bei der Wahl dieser Gaben launenhaft gewesen und hatte sich bemüht, jeder von ihnen die vollkommenste Form zu geben. So, zum Beispiel, hatte das junge Paar viele Besitztümer und keinen einzigen Prozess am Hals, es hatte einige gute, wahrhaftige Vertraute, und nicht die Kette jener zweitrangiger Verwandten, von deren Existenz ein anständiger Mensch nur durch Visitenkarten und aus Bittbriefen und Empfehlungsschreiben weiß.

Die Väter und Mütter unserer Liebenden existierten schon lange nicht mehr auf dieser Welt. Graf Vladimir und seine Braut waren aufgewachsen im Hause ihres gemeinsamen Vormunds und Oheims Akinfij Vasiljevi? Ezerskij, den Sie, denke ich, gekannt haben; erinnern Sie sich: ein recht wohlbeleibter, rotwangiger Mann, stets im weiten braunen Frack, ein wenig gepudert, mit einem so ernsten und entschlossenen Gesicht, noch ein wenig an Franklin 1 gemahnend. Bei ihm lebten meine jungen Leute! beinahe von den Windeln an waren sie unzertrennlich und schon im Vorhinein, im Kopfe des Vormunds, zu Mann und Frau bestimmt. Akinfij Vasiljevi? Ezerskij war ein in vieler Hinsicht höchst bemerkenswerter Mensch; die Natur hatte ihm Verstand und ein gutes Herz geschenkt. Leider schenkt uns die Natur nur die Augen, zwingt uns aber, die Gläser selbst zu erfinden, die ein wenig weiter sehen lassen als das natürliche Sehvermögen; diese Gläser hatte Akinfij Vasiljevi? in seiner Kindheit nicht erhalten; man unterrichtete ihn auf alte Art: man ließ ihn geografische Namen aufsagen, historische Daten, moralische Sentenzen und Maße von Fortifikationen, 2 vergaß indessen, ihn das eine zu lehren: über das, was man ihn lehrte, nachzudenken. Und solche Lehre, wie das stets zu sein pflegt, prägte ihn fürs ganze Leben: was der natürliche Verstand sah und was das Herz fühlte, vermochte seine Bildung nicht zu erkennen; deshalb dachte er nur mit der Hälfte des Kopfs, fühlte nur mit der Hälfte des Herzens und begriff deshalb oft nur die Hälfte der Gegenstände. Mit solch einer sonderbaren Erziehung verschlug ihn das Schicksal nach England, wo er einige Jahre seines Lebens verbrachte; diese neue Welt nun konnte nicht anders, als ihn zu verblüffen; doch, wie einen Wilden, verblüffte ihn das Gute gleichermaßen wie das Schlechte; das eine wie das andere vermischte sich für ihn; im einen wie im andern durchschaute er vieles nicht, übersah vieles und übertrug das eine wie das andre auf die russische Scholle. So, zum Beispiel, ungeachtet des Spotts der Ignoranten, auch des Spottes der Schriftsteller, die sich nicht schämten, mit ihrer Feder die Meinung der Analphabeten zu bekräftigen und in ihren Werken den Triumph der eingefleischten Dummheit über notwendige Verbesserungen herauszustellen, führte Ezerskij auf dem Besitztum seiner Zöglinge die vervollkommnete Landwirtschaft 3 ein, und zum Ärger der analphabetischen Nachbarn, analphabetischen Novellen und Komödien zum Trotz, verzehnfachte er dort seine Einkünfte; doch damit zugleich übertrug er auch die Auswüchse jener trockenen Methodik, die sich meh

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