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Der See von Yoshimoto, Banana (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Der See

Zwei junge Menschen, die in der Großstadt Tokio zueinander- und dabei zu sich selbst finden. Eine Reise führt sie zunächst an einen geheimnisvollen See, wo all die Verletzungen wieder zu schmerzen beginnen, die ihnen das Leben schon zugefügt hat. Eine zarte Reifungs- und Liebesgeschichte. Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch Kitchen red banana flower

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257604238
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Mizuumi
    Größe: 1815 kBytes
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Der See

[5] In jener Nacht, als Nakajima zum ersten Mal bei mir blieb, träumte ich von meiner verstorbenen Mutter. Vielleicht, weil ich lange nicht mehr mit jemandem im selben Zimmer geschlafen hatte?

Das letzte Mal war es in Mamas Krankenzimmer gewesen, zusammen mit Papa.

Wenn ich aufwachte, war ich erleichtert, dass Mama noch atmete. Dann fiel ich wieder in meinen Dämmerschlaf. Der Fußboden war für ein Krankenhaus ungewöhnlich schmutzig. Während draußen im Flur die Schritte geschäftiger Krankenschwestern hallten, blieb mein Blick an den Staubflocken hängen, die sich in immer den gleichen Ecken sammeln. Ich war umgeben von sterbenskranken Menschen. Aber eigenartig, dachte ich, hier fühle ich mich geborgener als draußen.

Für Menschen, die ganz am Ende angelangt sind, hat ein Ort wie dieser auf seine Art etwas Tröstliches.

Seit ihrem Tod hatte ich erstmals von Mama geträumt.

[6] Bisher war sie in meinen Träumen nur flüchtig und schemenhaft aufgetaucht, doch diesmal war es wie ein richtiges Wiedersehen nach langer, langer Zeit.

Bei einer Toten klingt das vielleicht komisch, aber so empfand ich es.

Meine Mutter - das waren zwei Seelen in einer Brust. Es kam mir wirklich vor, als gingen bei ihr zwei vollkommen verschiedene Wesen ein und aus.

Einerseits war sie eine fröhliche, den Verlockungen des Hier und Jetzt zugetane lebenserfahrene Frau, der man nichts vormachen konnte; andererseits konnte sie sehr zart und zerbrechlich sein, wie eine Blume, die beim geringsten Lufthauch hin- und herschwang und zu knicken drohte.

Ihre fragile Seite verbarg Mama jedoch meistens. Sie zeigte sich lieber als temperamentvolle Frau, die gerne ihre Gäste verwöhnte. Zahlreiche Liebschaften, Komplimente und überhaupt das Gefühl, geschätzt zu werden - das war sozusagen der Nährboden, auf dem ihr offenes, großherziges Wesen gedieh.

Mama hatte mich zur Welt gebracht, ohne Papa zu heiraten.

Papa war der Chef einer kleinen Handelsfirma in einer kleinen Stadt in der Nähe von T ky , während Mama, die zwar keine Schönheitskönigin, aber [7] schon ziemlich hübsch war, im Vergnügungsviertel derselben Kleinstadt eine Bar für die gehobene Kundschaft führte.

Ein Kollege hatte ihn eines Abends dorthin eingeladen, und es verschlug ihm den Atem - es war Liebe auf den ersten Blick. Auch Mama war von Papa angetan. So sehr, dass sie nach der Arbeit nicht direkt nach Hause, sondern mit Papa in ein koreanisches Restaurant ging, wo die beiden in ausgelassener Stimmung ein Gericht nach dem andern bestellten. Am nächsten und übernächsten Abend kam Papa wieder in Mamas Lokal, und dann jeden Abend, auch bei Regen und Schnee. Zwei Monate später waren die beiden ein unzertrennliches Liebespaar. Wenn man bedenkt, wie sie sich kennengelernt hatten, war das doch ein Zeichen für die Ernsthaftigkeit ihrer Beziehung.

Als ich sie fragte, warum sie denn damals so gelacht hätten, sagten Mama und Papa wie aus einem Mund: "In jene Kneipe hatte sich offenbar noch nie ein Japaner verirrt. Wir entdeckten sie durch Zufall, als wir spätnachts durch die Straßen streiften, in der Hoffnung, noch etwas zu essen zu finden. Die Speisekarte konnten wir nicht lesen, also bestellten wir aufs Geratewohl, und da bekamen wir Sachen serviert, die ich noch nie gesehen hatte, extrem scharf, und auch mit der Menge hatten wir nicht [8] gerechnet... Es war lustig, wir amüsierten uns bestens."

In Wahrheit wird es aber wohl etwas anderes gewesen sein. Ich denke, sie waren einfach deshalb so vergnügt, weil sie wie durch ein Wunder miteinander in diesem Lokal saßen und ihr Glück nicht fassen konnten. Ihrem gesellschaftlichen Ansehen mochte die Beziehung nicht gerade förderlich gewesen sein, doch in meinen Augen waren sie ein reizendes Paar. Sie str

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