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Der Tag, an dem der Sommer begann Roman von Cohen, Julie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.03.2017
  • Verlag: Diana
eBook (ePUB)
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Der Tag, an dem der Sommer begann

Großmutter, Mutter und Tochter unter einem Dach - ob das gut gehen kann? Nur widerwillig gibt die achtzigjährige Honor ihre Unabhängigkeit auf und zieht zu Schwiegertochter Jo und Enkelin Lydia. Bald stellt sich heraus, dass die drei so unterschiedlichen Frauen mehr verbindet als geahnt: Jede von ihnen hütet ein Geheimnis um Liebe und Schuld. Doch was passiert, wenn sie den Mut finden, einander zu vertrauen? Julie Cohen wurde in Maine, USA, geboren und verbrachte ihre Kindheit zwischen Büchern in der Bibliothek. Sie studierte Literatur an der Brown und der Cambridge University, und wenn sie nicht gerade an ihren Romanen arbeitet, leitet sie Schreibworkshops. Sie lebt mit ihrer Familie und ihrem Hund in Berkshire, England.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 13.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641200343
    Verlag: Diana
    Originaltitel: Falling
    Größe: 1260 kBytes
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Der Tag, an dem der Sommer begann

KAPITEL 1

Honor

Honor Levinsons letzte Lebensphase begann am oberen Treppenabsatz in ihrem Haus in Nordlondon.

Vor zwei Tagen waren die Fenster von dem jungen Mann geputzt worden, der jedes Frühjahr mit Eimer und Leiter vorbeikam. Die Sonne schien durch die Scheiben, warf einen hellen Streifen auf Teppich und Wand, und als Honor die Stelle auf dem Weg zur Treppe passierte, einen Korb mit Schmutzwäsche in den Händen, wärmte sie ihre Wange.

Sie dachte an die Wäsche, die sie früher immer zu machen hatte: die Sportkleidung, immer schlammverkrustet. Schuluniformen und Gartenkleidung, Hemden, die gebügelt werden mussten, Unterwäsche und Taschentücher. So viele Ladungen jede Woche, eine nach der anderen, es hörte nicht auf. Und das nur für ein Kind und eine Frau. Manchmal hatte sie das Gefühl, das Haus sei ständig mit Girlanden aus tropfender Kleidung dekoriert gewesen. Sie musste einen Dschungel aus trocknenden Strümpfen und Strumpfhosen durchqueren, nur um ins Badezimmer zu gelangen. Für etwas, das so viel Zeit und Mühe in Anspruch nahm, fand das Waschen von Kleidung in der Literatur zu wenig Erwähnung.

An diesem Nachmittag befanden sich zwei Blusen, ein Unterhemd, ein Rock und drei Unterhosen in ihrem Korb. Richtig schmutzig war nichts davon. Was tat sie dieser Tage schon, das ihre Kleidung dreckig machen würde? Die schweißtreibende Arbeit, das Herumwühlen in Erde, das ewige Verschütten und Bekleckern, all das war endgültig vorbei. Jetzt war ihr Korb leicht, so leicht wie der Sonnenschein seitlich in ihrem Blickfeld.

Honor stemmte den Korb in die Hüfte und legte die Hand ans Geländer. Das Holz war auch von der Sonne erwärmt. Unten im Erdgeschoss läutete das Telefon. Sie machte einen Schritt, um die erste Stufe zu nehmen - und trat daneben.

Schockierend war nicht, dass sie stürzte, sondern dass sie daneben getreten war, dass ihr Körper die Sprache des Hauses vergessen hatte, die sie den Großteil ihres Lebens so sicher beherrscht hatte. Honor versuchte, den Sturz aufzuhalten, aber das Geländer entglitt ihr. Sie fiel auf die Hüfte und rutschte die Holzstufen auf dem Rücken hinunter.

"Stephen!", rief sie ins Leere.

Keine Schmerzen, noch nicht, bloß die dumpfen Aufschläge, während sie die restliche Treppe hinunterglitt, ohne dass jemand sie auffing. Sie landete mit dem Hinterkopf auf einer Stufe und sah Sterne. Sah sie deutlich wie schon lange nichts mehr.

Sie kannte dieses Gefühl, als hätte sie es sich schon oft in Gedanken ausgemalt. Der letzte Moment. Vertraut wie ein Kind oder wie ein Geliebter.

Sie blieb unten am Boden liegen, alle viere von sich gestreckt. Das Telefon läutete ein zweites Mal. Zweimal Läuten , dachte Honor. Es ist alles in der Zeit zwischen zwei Klingeltönen passiert.

Jetzt spürte sie es, jedenfalls teilweise: ihr Hinterkopf, die Hüfte, der Rücken, das Gesäß, die Ellbogen - eher die Wucht des Aufpralls anstatt Schmerzen. Ihr Kopf lag auf der untersten Stufe, ihr Körper in einer weiteren Lache aus Sonnenschein und blendendem Licht. Aber sie war am Leben. Bei ihrem Aufschrei war sie noch sicher gewesen, dass sie nicht überleben würde.

Honor fasste sich an den Hinterkopf. Er war warm und feucht, und als sie ihre Hand betrachtete, zitterte diese und war blutverschmiert.

Bei dem Anblick setzten die Schmerzen ein.

"Stephen", sagte sie wieder. Es war die Stimme einer Fremden, einer Frau, die alt und gebrechlich war.

Honor setzte sich auf, ohne auf das Aufheulen ihres Rückens und der Hüfte, den pochenden Schmerz im Kopf zu achten. Sie holte tief Luft und versuchte, sich am Geländer hochzuziehen.

Sofort sackte sie wieder zu Boden, und der Schmerz in der Hüfte ließ sie laut aufschreien.

Das Telefon läutete ein drittes Mal, oder vielleicht war es das vierte Mal. Gebrochene Hüfte, alte alleinstehende Frau - wie klischeehaft das war. All diese Jahre

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