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Der Wunschring / Schloimale Mit einem Vorwort von Martin Walser von Abramowitsch, Scholem Jankew (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.09.2019
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Der Wunschring / Schloimale

Ein Klassiker der jiddischen Literatur - zum Wiederentdecken In"Schloimale" erfahren wir von einem armen Jungen, der auf Holzpritschen hungern musste, bis er ein freier Mann und Mensch wurde. Hier begegegnen wir vielleicht sogar Mendele selbst."Der Wunschring" ist ein Abenteuerroman, ein Märchen aus der verlorenen Welt der osteuropäischen Juden. "Die Romane von Abramowitsch sind eine einzige Zärtlichkeitsfülle. Seine Menschen, eine gewaltige Schar der Bedürftigkeit und Liebe. Ich kenne keine Literatur, in der die Menschen in jedem Augenblick durchströmt und bewegt werden von einer solchen Gott-Seligkeit." Martin Walser Mendele Moicher Sforim (geb. 2. Januar 1836 in Kopyl bei Minsk; gestorben 8. Dezember 1917 in Odessa), eigentlich Scholem Jankew Abramowitsch, war ein vor allem jiddischer Schriftsteller. Er gilt als 'Großvater' der neujiddischen Literatur und hat ihr mit seiner geschliffenen Prosa Weltruf verschafft. Mendele ist, vor Scholem Alejchem (der sich stets als Mendeles 'Enkel' bezeichnet hat) und Jitzchok Leib Perez, der älteste der sogenannten drei Klassiker der jiddischen Literatur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 02.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492990950
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 55038
    Größe: 2819 kBytes
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Der Wunschring / Schloimale

VORSPIEL

1.

Also spricht Mendele der Buchhändler: Gibt es denn jemanden, der heil an allen Gliedern von der Reise käme, der nicht Seitenstechen fühlte, dem der Rücken vom eng aneinandergepressten Sitzen der Passagiere im Wagen nicht wehtäte? Sobald man nur den Wagen besteigt, gibt man gleich seine Knochen als vogelfrei dran: Wer da Lust hat, mag einem nun auf die Füße treten. Das ist ja etwas ganz Gewöhnliches. Aber war das ein schrecklicher Schmerz, den ich in allen meinen Gliedern spürte, als ich nach einer langen, schweren, unangenehmen Reise nach Schwarza kam - mög' es Euch nicht zustoßen, liebe Leser! Damals fühlte ich es unwiderleglich in mir, wie wahr die Worte unserer heiligen Weisen über den Vers "ich habe das Gute vergessen" sind.

"Das Gute", sagen sie, "bedeutet das Bad." Ganz einfach ein Bad, so wie es sich gehört, mit allem Drum und Dran, mit den obern breiten Bänken, mit den langen Stangen, auf die man um Vergebung! - die Hosen, die Strümpfe und dergleichen hängt; mit dem Bader, der bei einer brennenden Kerze in einem Winkel sitzt, die Leute schert und zur Ader lässt. Dieses "Gute" hatte ich damals lebensnötig. Aber ach, all diese Dinge, mit denen die Kleinstädte unserer Gegend gesegnet waren - in der großen Stadt Schwarza waren sie ganz unbekannt. Schon darum allein ist das Leben in den großen Städten gar kein Leben, das unsere Juden aus Dümmingen und Schnorringen aushalten könnten. Als ich erkannte, dass ich hier das gewünschte Heilmittel nicht bekommen würde, nahm ich die übliche Arznei, die ein Jude gewöhnlich im Notfall gebraucht: das heißt, ich tat, als ob ich nichts wüsste, schlug mir die Schmerzen aus dem Kopf - "bah, 's ist nichts!" - und ging nach dem Marew-Gebet aus dem Gasthof, um in Geschäften Kaufleute zu sehen und auch bloß Bekannte zu treffen.

Ein besonderes Ungewitter kam plötzlich vom Norden daher. Es wurde dunkel und finster. Schwarze Wolken rundum. Die Menschen wurden von Panik ergriffen und liefen wie von Sinnen umher. In unsern Zeiten hat sich das Klima überhaupt geändert, das Wetter ist wirr und toll geworden, grade wie die Papiere an der Börse, die an einem Tage zehnmal steigen und fallen, und wie das ganze nette heutige Geschlecht. Schon zu Sommerende war plötzlich eine Änderung in die Luft gekommen, es gab Wolken, Kälte und Wind, die Sonne verschwand, die Welt wurde öde, Finsternis begrub sie. Ziegen und Böcke sprangen in den Gärten herum, zertraten und vernichteten alles, was noch dort war. Es war rein eine göttliche Heimsuchung. Die Schweine wühlten und rissen jedes Stücklein Gemüse aus, die Arbeit der Menschen ging zugrunde. Die Bäume verloren ihren Schmuck, den ihnen der Frühling geschenkt hatte. Sie waren in einem jämmerlichen Zustand, wie Melamdim ohne "Blätter". Sie bogen sich, bebten, zitterten, schlugen sich mit den Ästen den kahl gewordenen Kopf. Man sah es ihnen gar nicht an, dass sie einst geblüht und den Menschen gute Früchte gebracht hatten. Die kleinen Tiere suchten Löcher, um sich in die Erde, die Fliegen, sich in irgend eine Spalte an der Wand zu flüchten. Manche Geschöpfe gingen auf die Wanderung, über weite Meere bis ans Ende der Welt. Die Erde trauerte, alles war voll Schwermut, alles fühlte: Im nächsten Nu wird der Winter da sein, der böse Herrscher, und wird die Erde öde machen. Aber Jomkipper war vorbeigegangen, dann war auch Ssikkes vorüber, gottlob. Endlich kam der Winter. Aber es wurde nicht so arg, er kam ohne Sturm und ohne Getobe. Er war ja gar nicht ein solch böser Wüterich, wie es geschienen hatte, im Gegenteil, er war gutmütig und wandte der Erde ein freundliches Antlitz zu. Das Herz wurde ruhig. Es war so wie süß und sauer zusammen. Die Fliegen zeigten sich wieder, sie bewegten sich wie trunken und tanzten auf dem Fenster ein Kosakentänzlein. Auch die Mücken krochen scharenweise aus ihren Löchern hervor und flogen summend in wirbelnden Tänzen durch die Straßen. Eine Akazi

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