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Deutsches Haus Roman von Hess, Annette (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2018
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)

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Deutsches Haus

Von der Erfinderin der TV-Serien Weissensee und Ku'damm 56 / 59 "Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit." Iris Berben
Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort geho?rt hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verändern wird. Annette Hess stammt aus Hannover und studierte zuna?chst Malerei und Innenarchitektur, spa?ter Szenisches Schreiben. Sie arbeitete als freie Journalistin, Regieassistentin sowie Drehbuchlektorin. Seit 1998 ist sie ausschließlich als Drehbuchautorin ta?tig. Bekannt wurde sie durch ihre Fernsehserien Weissensee , Ku'damm 56 und Ku'damm 59 . Annette Hess lebt in Niedersachsen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Grimme-Preis, den Frankfurter Preis der Autoren sowie den Deutschen Fernsehpreis. Deutsches Haus ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 21.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843718165
    Verlag: Ullstein
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Deutsches Haus

Teil 2

"Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, einen reinen Eid."

Es war der 23. Verhandlungstag, und an diesem Tag sollte mit der Anhörung der Polnisch sprechenden Zeugen begonnen werden. Eva saß nicht mehr ganz hinten und am äußersten Rand der Zuschauertribüne, sondern stand nun am Tisch der Zeugen mitten im großen Saal des Bürgerhauses. Flankiert wurde sie von zwei älteren Herren in dunklen Anzügen, dem Übersetzer für Tschechisch und dem Übersetzer für Englisch. Eva hatte ihre linke Hand, an der sie neuerdings einen Ring mit einem blauen Stein trug, auf ein schweres schwarzes Buch mit einem kleinen eingeprägten Goldkreuz gelegt, ihre rechte Hand hielt sie hoch erhoben. Eva sprach zum Vorsitzenden Richter, der sich ihr freundlich zuwandte, und seinen beiden Beisitzern. Ihre Finger zitterten leicht in der Luft. Ihr Herz schlug schnell und hart bis hinauf in den Hals.

"Sprechen Sie etwas lauter bitte, Fräulein Bruhns."

Eva nickte, holte Luft und begann noch einmal von vorne. Sie sagte, sie würde alle in polnischer Sprache verfassten Dokumente und Aussagen, die im Prozess behandelt würden, treu und gewissenhaft übersetzen. Sie würde nichts hinzufügen oder weglassen. Während Eva sprach, glaubte sie im Augenwinkel eine Bewegung von David Miller aufzufangen, der sich wie missbilligend abwandte, der Hellblonde dagegen folgte ruhig ihrem Schwur. Eva spürte auch die Blicke von der linken Seite. Von der Anklagebank. Manche der Männer und deren Verteidiger betrachteten sie wohlwollend. Weil sie ein junges, gesundes Fräulein war mit starkem blonden Haar, weil sie anständig und ehrbar aussah in ihrem hochgeschlossenen, dunkelblauen Kostüm und ihren flachen Schuhen.

"Das schwöre ich bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden", endete Eva. Der Vorsitzende Richter nickte ihr knapp zu. Dann sprachen die beiden anderen Übersetzer nacheinander ihren Eid. Evas Nervosität ließ etwas nach, ihr Blick fiel auf die große Schaukarte hinter dem Richtertisch. Aus der Nähe konnte sie jetzt auch die Aufschriften lesen. Block 11. Stammlager. Krematorium. Gaskammer. 'Arbeit macht frei' stand ganz unten. Einer der beiden Übersetzer hatte eine scharfe Alkoholfahne. Bestimmt der Tscheche. 'Gott erhalte mir meine Vorurteile', dachte Eva in komischer Verzweiflung. Ihr eigener Atem roch sicher schal und säuerlich, denn sie hatte kaum etwas zum Frühstück essen können. Heute Morgen - das schien so lange her zu sein. Und doch waren erst zwei Stunden vergangen. Um halb acht hatte Eva mit Annegret und Stefan am Tisch in der Küche gesessen und nervös mit einem Löffel in ihrer Kaffeetasse geklimpert. Die Mutter war aus dem Keller heraufgekommen, ein Glas Marmelade mit dem Etikett 'Brombeer '63' in der Hand. Sie hatte Annegret das Schraubglas gereicht, die es, ohne von ihrer Zeitung aufzusehen, mühelos aufgedreht hatte. Es zischte unter dem Deckel, und Stefan versuchte minutenlang, das Geräusch nachzumachen. 'Pfiiiifffffff' hatte es am besten getroffen. Edith kratzte mit einem Messer die Schicht grünlich weißen Schimmels in den Abfalleimer. Sie setzte sich mit an den Tisch und schmierte Stefan ein Brot mit der Marmelade. Dann erinnerten sie sich gegenseitig daran, wie Edith im Spätsommer des letzten Jahres mit dem Fahrrad auf den Hausberg hinaufgefahren war, zwei Blecheimer links und rechts am Lenker, einen großen auf den Gepäckträger geklemmt. Dort oben hatte Edith die drei Eimer voller sonnensatter, tiefschwarzer Beeren gesammelt. Als sie von ihrem Ausflug zurückgekommen war, waren die Schwestern, die in der Stube bei der Fernsehsendung 'Am Sonntag lade ich dich ein' saßen, erschrocken aufgesprungen. "Mutti! Was ist mit dir passiert? Hast du einen Unfall gehabt?!" Eva lief zum Telefon und wollte einen Arzt rufen. Annegret machte Anstalten, Ediths Puls zu fühlen. Nur Edith verstand den Aufruhr nicht, bis sie ihr Gesicht im Flur im Spiegel entdeckte: Sie sah furchterregend aus.

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