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Die Berlinreise von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.05.2014
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Die Berlinreise

Das neue Reisetagebuch des jungen Hanns-Josef Ortheil. Anfang der sechziger Jahre hat Hanns-Josef Ortheil zusammen mit seinem Vater eine Reise in das geteilte Nachkriegsberlin unternommen. Es ist eine Reise zurück an die Orte, an denen sein Vater und seine Mutter als junges Paar während des Zweiten Weltkriegs gelebt haben. Geduldig und fasziniert hört er zu, was der Vater ihm von dem Leben damals erzählt. Instinktiv begreift er, welche Bedeutung Berlin für das Leben seiner kleinen Familie hatte und für ihn immer noch hat. Tag für Tag notierend und schreibend, sucht der gerade einmal zwölfjährige Junge sehnsüchtig nach einer Verbindung zu dieser Welt. Im Sommer 1964 reist der damals zwölfjährige Hanns-Josef Ortheil mit seinem Vater nach Berlin. Wenige Jahre nach dem Mauerbau und ein Jahr nach Kennedys Berlin-Besuch führt der Berlin-Aufenthalt Vater und Sohn die Gegenwart des Kalten Kriegs vor Augen und wird gleichzeitig zu einer Zeitreise in die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs. Im Oktober 1939 waren die Eltern frisch verheiratet aus einem kleinen Westerwald-Ort in die damalige Reichshauptstadt gezogen, wo der Vater bei der Deutschen Reichsbahn als Vermessungsassessor tätig wurde und wo sie bei Luftangriffen ihr erstes Kind verloren. Tag für Tag erkunden Vater und Sohn die Spuren dieser Zeit, besuchen die frühere Familienwohnung, treffen Bekannte und Freunde und lesen die Haushaltsbücher, die die Mutter in den Kriegsjahren geführt hat. Über seine Eindrücke schreibt der Zwölfjährige ein in seiner Art unvergleichliches Reisetagebuch, in dem er auf dramatische Weise vom Nachempfinden der Vergangenheit am eigenen jungen Körper erzählt. Nach "Die Moselreise" legt Hanns-Josef Ortheil mit der "Berlinreise" das zweite Reisetagebuch seiner frühen Kinderjahre vor, in denen er mit seinem Vater wochenlang allein unterwegs war, um sehen, schreiben und für alle Zeit sprechen zu lernen. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 26.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641125226
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 2485 kBytes
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Die Berlinreise

30. April 1964

Im Bahnhof, nachts

D ie Einfahrt des Zuges nach Leipzig,
mit Kurswagen nach Berlin

Die leeren Abteile des Kurswagens

Die allein reisenden Männer mit sehr viel Gepäck

Die Abfahrt nach Berlin mit über 15 Minuten Verspätung

Mit Papa in einem sonst leeren Abteil

Ich: Was machen wir jetzt?

Papa: Schlafen, so schnell wie möglich.

Ich: Wann kommen wir in Berlin an?

Papa: Morgen früh, gegen 7 Uhr.

Ich: Ich kann noch nicht schlafen.

Papa: Dann lies doch etwas.

Ich: Ich habe Winnetou III dabei, das könnte ich lesen.

Papa: Ja, lies Winnetou III.

Ich: Soll ich gleich loslegen?

Papa: Du kannst auch erst mal durch den Zug laufen und dir alles genauer anschauen. Lauf nur, ich bleibe hier beim Gepäck.

Zum ersten Mal bin ich eine ganze Nacht lang mit einem Zug unterwegs. Ich habe unser Abteil verlassen und bin langsam von Wagen zu Wagen gegangen. Unser Kurswagen war nicht stark besetzt, aber die anderen Wagen waren sehr voll. In vielen Abteilen war gar kein Platz mehr, so dass die Menschen auch draußen, auf den Gängen, standen. Kurz nach der Abfahrt war es sehr laut, viele sprachen aufgeregt miteinander oder hantierten noch an ihrem Gepäck, und es gab auch Menschen, die gleich nach der Abfahrt zu trinken oder zu essen begannen. Einige hatten dicke, aufgequollene Taschen mit vielen Flaschen und Esssachen dabei, und die besonders gut gelaunten fingen auch an, etwas davon an die anderen Fahrgäste zu verteilen.

Ein älterer Mann, der besonders laut sprach, fragte mich, ob ich eine Stulle wolle. Ich antwortete, dass ich nicht wisse, was das sei. Da lachte er laut und rief den anderen, die in seiner Nähe standen, zu, ich wisse nicht, was eine Stulle sei. Ich musste mitlachen, weil er so fröhlich war, da zeigte er mir eine Stulle. Er holte sie aus seiner Tasche, wickelte sie aus hellem Butterbrotpapier und hielt sie mir hin. Sie bestand aus zwei halben Schwarzbrotscheiben, zwischen denen sich viel roher Schinken befand. Er hing an den Seiten der Brotscheiben heraus und pendelte in der Luft herum. "Das ist eine Stulle, mein Junge", sagte der Mann, "oder wie würdest Du dazu sagen?" Ich sagte, dass ich die Stulle ein Pausenbrot nennen würde. Da lachte der Mann noch lauter und rief den anderen wieder zu, in Köln nenne man eine Stulle ganz vornehm ein Pausenbrot, in Berlin aber nenne man es richtiger eine Stulle. Dann drückte er mir die Stulle mit dem Butterbrotpapier in die Hand und sagte, dass er ein Berliner sei und dass ich von ihm Berlinerisch lernen könne. Ich antwortete, dass ich vielleicht später wieder zu ihm kommen werde, um noch mehr Berlinerisch von ihm zu lernen. Danach ging ich weiter durch die vielen Wagen. Ich hatte vorgehabt, sie zu zählen, aber ich kam immer wieder durcheinander, außerdem achtete ich wohl zu sehr auf die Stulle in meiner Hand, denn ich dachte laufend darüber nach, was ich mit ihr anfangen sollte, essen wollte ich sie nämlich auf gar keinen Fall.

Ich ging durch den ganzen Zug, bis zur Lok. Zweimal wollte mir jemand zeigen, wo das Klo sei, und jedes Mal musste ich sagen, dass ich ein Klo gar nicht suche. Schließlich wickelte ich die Stulle fest in das Butterbrotpapier ein und steckte sie vorsichtig in die rechte Hosentasche. Danach ging ich nur noch sehr langsam, um sie nicht zu quetschen. Zum Glück begegnete ich auf dem Rückweg dem älteren Mann nicht mehr, so dass ich, ohne länger aufgehalten zu werden, in unserem Abteil ankam. Ich zeigte Papa die Stulle und erklärte ihm, dass mir sie jemand geschenkt habe. Papa fragte mich, warum ich sie nicht esse, und ich antwortete, dass ich keinen Hunger habe und sie auch s

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