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Die drei Leben der Tomomi Ishikawa von Constable, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.09.2013
  • Verlag: script 5
eBook (ePUB)
9,99 €
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Die drei Leben der Tomomi Ishikawa

Tomomi Ishikawa ist tot. Sie hat sich umgebracht, so steht es in dem Abschiedsbrief an ihren Freund Ben Constable. Doch Tomomi weigert sich hartnäckig, in Frieden zu ruhen. Stattdessen hinterlässt sie Ben eine Menge rätselhafte Botschaften, die ihn, ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd, durch Paris, New York und Tomomis Vergangenheit führen. Bald weiß Ben nicht mehr, was Fiktion und was Realität ist. Benjamin Constable wurde 1968 in Bristol geboren. Erst nachdem er in Bars und Clubs gearbeitet, in Bands gespielt, Bilder gemalt und Musik aufgenommen hatte, begann er, sich für Literatur zu interessieren. Im Alter von zweiunddreißig Jahren schrieb er sich für ein Creative-Writing-Studium ein, das er erfolgreich abschloss. Nun lebt er in Paris, wo er Englisch unterrichtet, Bücher schreibt und Cocktails genießt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 16.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732000623
    Verlag: script 5
    Originaltitel: Three Lives of Tomomi Ishikawa
    Größe: 1079 kBytes
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Die drei Leben der Tomomi Ishikawa

2

T OMOMI I SHIKAWAS C OMPUTER

Als ich aufwachte, fühlte ich mich einen Moment lang wie neugeboren. Die Sonne war über die Gebäude auf der anderen Straßenseite gestiegen und die schmiedeeisernen Ziergitter vor den Fenstern warfen scharfe, klare Schatten auf den Stoff der Vorhänge. Ich wusste nicht, wo ich war. Die Luft war kühl, roch aber trocken, nach Heizung. Die Bettdecke war sauber und ich mochte das Gefühl von Baumwolle auf meiner Haut. Ich mochte den ganzen Raum. Ich weiß nicht, woran er mich erinnerte. Er wirkte exotisch. Von irgendwoher hörte ich Autos, nicht allzu nah, und Vögel. Es klang nach Frühling. Alles war ruhig. Alles war in Ordnung.

Es war kein Flüstern, denn es machte kein Geräusch, aber irgendetwas riet meinem Kopf lautlos, genau so zu bleiben. Nicht bewegen. Nicht denken. Gar nichts. Antworten (auf Fragen, die ich nie gestellt hatte) sickerten durch den Schleier und formten sich zu Tropfen. Sie klatschten mir ins Gesicht. Ich war in meiner Pariser Mietwohnung, das Zimmer war mein Schlafzimmer. Schhh. Es war Samstag, der 17. März 2007. Schhh, nicht weiter. Ich hatte lange geschlafen, bestimmt zehn Stunden. Nein, noch nicht, warte noch, warte. Ich sah auf mein Handy, aber es war ausgeschaltet. Das überraschte mich. Dann riss der Schleier auf und mein Leben strömte zu mir herein. Ich schloss die Augen. Ich wünschte, ich würde wieder schlafen. Tomomi Ishikawa war tot und wir würden nie wieder zusammensitzen und reden und lachen.

Ich blieb im Bett, so lange es ging, ohne etwas zu sehen oder an etwas zu denken. Sie hatte mir mehrmals erzählt, sie sei depressiv. Irgendwann stand ich auf, weil ich Hunger hatte. Manchmal hatte ich ihr zugehört oder sie in den Arm genommen. Ich machte mir Rührei und schmierte Butter auf ein paar Scheiben Brot vom Vortag. Manchmal hatte ich Witze darüber gerissen. Ich goss mir ein Glas Grapefruitsaft ein, trank es in einem Zug aus und schenkte nach. Einmal hatte ich ihr gesagt, sie solle sich zusammenreißen. Ich suchte im Badezimmerspiegel nach Antworten, aber da war nichts. Ich blickte aus dem Fenster und das Wetter war schöner, der Himmel blauer, als erlaubt sein sollte. Ich grub mir die Fingernägel in den Arm, um zu testen, ob ich den Schmerz spürte. Ich spürte ihn, aber er hatte keine Bedeutung. Ich kniff die Augen zu. Überlegte, ob ich irgendetwas zerschlagen sollte, den Spiegel zum Beispiel, doch der Gedanke, hinterher alles wieder auffegen zu müssen, hielt mich davon ab. Außerdem wollte ich nicht in eine Glasscherbe treten und mir den Fuß verletzen. Ich legte mich wieder ins Bett, zog die Decke über meinen Körper und starrte an die Decke. Am Tag zuvor noch hatte sie einen Brief unter meiner Tür hindurchgeschoben. Sie war hier gewesen, lebendig. Sie war die Straße entlanggekommen und hatte vielleicht jemandem zugelächelt, der ihr die Tür aufhielt. Sie hatte jemandem, der sie danach fragte, am Eingang zur Metrostation eine Zigarette gegeben und etwas in einem Laden gekauft.

Um zwei Uhr nachmittags zog ich mich an. Ich fand noch etwas Hummus im Kühlschrank und Kräcker im Küchenregal. Ich fing die Krümel in der Handfläche auf und schlenderte planlos ins Wohnzimmer. Dort setzte ich mich hin, zog Tomomi Ishikawas Laptop auf meinen Schoß und klappte ihn auf. Der Bildschirm war glänzender als meiner. Ich drückte auf den Startknopf. Der Monitor leuchtete für ein paar Sekunden auf und wurde gleich darauf wieder dunkel – der Akku war leer. Ich hatte das Ladekabel vergessen. Ich versuchte es mit dem meines eigenen Laptops, aber das passte nicht. Nun konnte ich entwede

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