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Die Finderin Roman in Zeit-Geschichten von Paech, Celia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.08.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Die Finderin

Die Finderin findet Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten vor ihren Augen und betrachtet mit schlichtem Blick das Besondere, Auffallende, Fremde, das so schockierend vertraut ist und tief berührt. "Die Finderin" ist ein Roman - in einzelnen Geschichten erzählt - über die Liebe in Zeiten zunehmender sozialer Kälte, über das Leben im materiellen Nichts - Armut, Obdachlosigkeit, Heimatlosigkeit - und über Menschen, die sich verlieren und wieder finden. Celia Paech ist Jahrgang 1945, Medienpädagogin im Ruhestand und lebt an der Ostsee-Steilküste in Schleswig-Holstein. Sie schreibt für ihre Kinder und Enkel und für die Menschen, die ihre Sinne schärfen wollen für Fragen und Probleme unserer Zeit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 268
    Erscheinungsdatum: 30.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741269516
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 551kBytes
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Die Finderin

Wie ein Freund

Blitzeis. Ich trage Pumps mit Pfennigsabsätzen. Den Swing in den Beinen. Das Trompetensolo im Ohr. Sinnenrausch durchtanzter Nacht. Kein Alkohol. Keine Drogen. Nur Leidenschaft. Ich lache und schlittere auf glatter Ledersohle, rutsche aus, setze mich auf den Popo, umhüllt von Wollmantel, Rock und Petticoat, dämpft den Stoß. Der Versuch, am Laternenpfahl Halt zu finden, sich wieder hoch zu hangeln, scheitert. Vor Lachen.

Die Nacht ist schwarz. Pechschwarz glänzend der Straßenteerbelag im schwachen Schein der wenigen Laternen. Hauchdünn überzieht eine Eisschicht alles was Figur, was Form hat und die entsprechende Temperatur. Nieselregen, eiskalter Ostwind frischt mein Gesicht, besprüht mit glitzernden Tropfen meine schwarze Fellmütze, den dunklen Stoff meines Mantels. Bäume, Büsche - jedes Ästchen, jedes Blättchen glänzt, konserviert in Kälte für die Ewigkeit. Die Laterne verwehrt den sichernden Griff ohne Handschuhe. Aalglatt, feuchtkalt gefroren die zarte Eishaut um den Eisenpfahl. Ich atme tief die nassklare Luft. Kein Auto auf der Straße. Gegenüber wackelt eine männliche Gestalt, ein Fahrrad schiebend, unsicher über dem Gefrorenen, sonst kein Mensch in dieser Winternacht in den 1960er Jahren. Nur wir.

Vier junge Leute auf dem Nachhauseweg. Zu Fuß etwa zehn Kilometer durch die schlafende Stadt. So spät fährt kein Bus mehr. Wir bringen uns gegenseitig Heim. Erst die Mädchen, dann die beiden Jungen. Erprobt so viele Male zu jeder Jahreszeit. Frisch verliebt. Ich rutsche auf die Knie, erfasse das Hosenbein meines Freundes, der noch schwankend steht. Heftiges Lachen erschüttert meinen Körper. Ich kann mich kaum beherrschen. Mein Zwerchfell schmerzt. Zu komisch diese Situation. Werden wir nun Millimeterweise nach Hause robben müssen? Bis zum Morgengrauen, wenn endlich Streuwagen fahren. Ich finde dies lustig, ängstige mich nicht. Zuversicht - meine Jugend-Wegbegleiterin.

Und siehe da: Es klappt. Mir gelingt, mich aufzurichten. Ich ziehe meine Gamaschen so über die Schuhe, dass ich stumpf und weich gehen kann. Die werden hin sein danach, denke ich, egal, ist ersetzbar. Ich muss irgendwie heile in mein Bett kommen. Ich balanciere. Der Mensch passt sich erstaunlich geschickt den natürlichen Widrigkeiten an. Viele Meter weiter bewege ich mich elastisch biegsam wie eine Schlittschuhläuferin, an den Gamaschen klebt dick das Eis, beherrsche fast das eisige Element unter meinen Füßen. So geht es auch den Anderen. Fröhlich schnatternd schaffen wir den Weg zu Fuß in unsere Zuhauses. Dreimal so lang, doch was ist Zeit?

Vier dunkle Gestalten in mondloser eiskalter Nacht, die sich winden sich krümmen lang dehnen hoch strecken wie Würmchen auf brikettschwarzem silbrig schimmerndem Asphalt. Warm ist uns innerlich in dieser Eisesnacht. Wohl fühlen wir uns in unserer Heiterkeit. Erst im geheizten Zimmer im kuscheligen Bett werden die Glieder schwer. Der Schlaf ist tief und fest. Das Erinnern bleibt gegenwärtig.

Es hätte ein lustiges Erlebnis bleiben können, gefolgt von Muskelschmerz und ein paar blauen Flecken. Schwarz auf Weiß lasen wir zwei Tage später, was neben uns geschehen war. Ein Mann - tot auf einer Parkbank in unserem Liebeswäldchen, erfroren, im Suff, mit eingeschlafenem Arm. Penner-Tod.

Der Obdachlose war fast wie ein Freund. "Sagt Olli zu mir", klingt noch in meinen Ohren mit norddeutschem Slang. Zur See ist er gefahren, bei der Marine im vernichtenden Krieg. Überlebt. Nur ein Bein verloren. Die verwundete Seele heilte nie.

Manches hat er uns erzählt. Wir hockten uns neben ihn auf dem Schulweg durch den Park oder setzten uns auf die Steinmauer zur Bahnunterführung, wo er meist saß auf einem schmuddeligen Kissen, ein Pappschild und einen Blechnapf vor sich hielt: "Habe fürs Vaterland gekämpft." Nicht jeder der Vorbeieilenden hatte Verständnis. Manche schimpften: Eine Schande ist das, hier zu sitzen und zu betteln. Geh nach Hause. Du k

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