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Die Frankfurterinnen

  • Erscheinungsdatum: 14.08.2015
  • Verlag: Größenwahn Verlag
eBook (ePUB)
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Die Frankfurterinnen

Ein großes Thema unserer Zeit: verlassen werden, allein zurückbleiben, ungeliebt weiterleben müssen. Es gibt einen besseren Weg als diese Ängste zu verschweigen und die Phobien immer mächtiger werden zu lassen: darüber zu reden - oder zu schreiben. 'Mit tausend Pfeilen schießen die Sonnenstrahlen durch die Morgendämmerung und wollen die schlafende Frau in die Gegenwart holen.' Mit tausend Wortpfeilen schießen die Autorinnen durch die Seiten dieses Buches, denn sie sind Frauen, die sich nicht lähmen ließen, sondern aufgestanden sind und sich ihre Identität erkämpft haben. Ängste und Mutlosigkeit haben sie überwunden. Sie haben den Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V. gegründet - Frauen, die aus aller Herren Länder den Weg an den Main gefunden haben, Frauen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die aber Deutsch als ihre Literatursprache gewählt haben - und nun mit Stolz zu Frankfurterinnen geworden sind. Weltoffen, international, tolerant. So wie die Stadt, in der sie leben. Die 15 ausgewählten Geschichten, Erzählungen und Lyrikbeiträge der Mitgliederinnen des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt e.V. behandeln aktuelle Themen der Gesellschaft: Liebesbeziehungen, Verlustängste, Ideale und Idealisierungen. Eine literarische Anthologie von den Frankfurterinnen aus aller Welt. Zuhause in Frankfurt am Main.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 14.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957710543
    Verlag: Größenwahn Verlag
    Größe: 1594 kBytes
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Die Frankfurterinnen

Tamara Labas-Primorac

KIRSCHBLÜTEN

1 Der Mann reichte mir die Bücher, die er vom Boden aufgesammelt hatte. Sie waren mir aus den Händen gefallen, als wir versehentlich auf der Straße zusammenstießen. Seinen rechten Mundwinkel zog er nun leicht nach oben, zu einem zaghaften Lächeln, dann hob er seine Augenbrauen - die kräftig und struppig waren und so gar nicht in das Gesicht mit den weichen Zügen passen wollten - um anschließend, wie in einem Stummfilm, eine theatralische Pose einzunehmen und übertrieben eine Miene aufzusetzen, so als hätte er die Rolle eines Sünders zu spielen, der sich eben seiner Schuld bewusst wurde.

"Das hätte nicht passieren dürfen", sagte er jetzt grinsend, und als sich der Blick seiner ungewöhnlich hellen Augen mit dem meinigen traf, loderte in diesen Begehren auf. "Vielleicht darf ich mich mit einem Kaffee bei Ihnen entschuldigen?"

Die kleine Zeitspanne zwischen seiner Frage und meiner Antwort nutzte er, um auf einen der Buchdeckel zu schauen - vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aber erhoffte er sich, anhand meines Leseinteresses etwas über mich erfahren zu können.

"Sie mögen Razni?", fragte der Fremde. Ich nickte nur und griff endlich zu den Büchern. "Mir ist er zu langatmig. Er bewegt sich im Schneckentempo. Das macht ihn schwer zu lesen. Und seine Liebesgeschichten enden immer befremdend", fuhr er fort.

"Oh, mir gefällt gerade die Langsamkeit seiner Geschichten außerordentlich gut! Ich bewundere seinen Wortschatz, sein Sprachvermögen, verblüffend! Und finden Sie nicht, dass es auch im wahren Leben bizarre Liebesgeschichten gibt?", gab ich zurück und begegnete seinem Blick entgegenkommend.

Genaugenommen konnte ich ihm geradezu nicht widerstehen - so wie es manchmal geschieht, wenn zwei fremde Menschen wie im Rausch nur danach streben, das Fremdsein so schnell wie möglich abzulegen, um sich einander hinzugeben. Ich fühlte außerdem, dass diese Begegnung eine war, die etwas Schicksalhaftes hatte, dem man nicht entrinnen konnte - ohne dass ich genau sagen könnte, woran ich das festgemacht hätte.

"Also, wie wär's? Nehmen Sie meine Einladung an?"

Ich nickte. "Gerne. Darf es auch ein Latte Macchiato sein?"

Er lachte nun breit wie einer, der seine Trophäe endlich in den Händen hielt.

2 Ich tröpfelte etwas Kaffee vom Stiellöffel über den Milchschaum, während er kräftig in seinem Espresso rührte. Wir saßen draußen im lauschigen Garten eines Cafés, unweit von meinem Auto, aus dem ich ausgestiegen war, um die Bücher in der Stadtbücherei abzugeben, als mich der Mann anrempelte, dem ich nun gegenüber saß.

Ich betrachtete seine Hände, wie ich es bei Männern gerne tat. Lange, feingliedrige Hände, so wie sie zumeist bei Pianisten vermutet werden, waren mir bei einem Mann wichtig. Schon allein die Vorstellung von plumpen Händen berührt zu werden, löste bei mir ein körperliches Unbehagen aus, ähnlich einem Schaudern. Mir war bewusst, dass das eine dumme Marotte war; es gelang mir aber nicht, mich von dieser zu befreien. Die Hände meines Gegenübers waren grazil und die Finger lang, gleich schön und elegant wie der Silberlöffel, der in einer der beiden noch immer lag.

Gut gelaunt ließ ich nun das Amarettino, das zum Kaffee gereicht wurde, in den Glasbecher fallen. Das kleine Gebäck wurde vom Milchschaum aufgefangen. Mit dem Stiellöffel tauchte ich es kurz in das heiße Getränk ein, als der Mann mich fragte: "Wollen Sie auch mein Amarettino?"

"Gerne!", antwortete ich ohne zu zögern und schaute ihm in die Augen, um ihm anzudeuten, dass ich sein Spiel verstand und bereit war mitzumachen.

"Ok, Sie bekommen es. Aber nur, wenn ich dann Du zu Ihnen sagen darf!", entschied er.

"Na gut! Wenn ich dein Amarettino bekomme, verrate ich dir sogar meinen Namen!"

"Oh, schön! Nimmst du es oder darf ich es von meinem Löffel in deinen Kaffee kippen?"

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