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Die Frau von gegenüber Roman von Schenk, Herrad (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.11.2017
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Die Frau von gegenüber

Irene Voigt und der emeritierte Hochschullehrer Rüdiger Wolters sind seit Jahren Nachbarn. Sie haben aber noch nie ein Wort miteinander gewechselt.
Irene Voigt genießt nach dem Tod ihres Mannes ihr unabhängiges Leben, trifft ab und zu ein paar Freundinnen, neigt zu einer gewissen Trägheit und lebt in den Tag hinein. Wolters hingegen widmet sich seiner Forschung und plant, ein größeres Standardwerk abzuschließen. Mit seinen Mitmenschen hat er nicht viel am Hut, selbst die Beziehung zu seinem Sohn gestaltet sich schwierig. In einem heißen Sommer zieht eine junge Mutter mit ihrem Sohn in Irene Voigts Haus ein - und beide ahnen nicht, wie sich ihr Leben durch die junge Frau verändern wird ... Herrad Schenk, geboren 1948, hat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln und York (England) studiert und war wissenschaftliche Assistentin am Institut für Sozialpsychologie der Universität Köln. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht und lebt als freie Autorin in der Nähe von Freiburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 13.11.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458752332
    Verlag: Insel Verlag
    Größe: 1707 kBytes
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Die Frau von gegenüber

1.

Es versprach wieder ein sonniger Tag zu werden. Doch das freute ihn nicht. Im Gegenteil, die triumphalen Auftritte dieses Frühlings, der sich schon wie der Sommer aufführte, erhöhten seinen Lebensüberdruss. Sybille hätte diese Formulierung amüsiert belächelt - wie gut, dass dem Frühling deine schlechte Laune egal ist! Sie hatte es verstanden, ihn freundlich zurechtzustupsen, seine Übellaunigkeit an ein paar ironischen Bemerkungen zerplatzen zu lassen. Ohne ihr Korrektiv steigerte er sich manchmal in miese Stimmungen hinein. Er verrannte sich in Düsternis, verbiss sich in der Negation, genoss sogar das Selbstzerstörerische daran.

Es war neun Uhr früh, und wahrscheinlich fühlte er sich vor allem deswegen schlecht, weil er in der vergangenen Nacht nicht besonders gut geschlafen hatte. Er blinzelte in die Sonne, als er die Jalousie nur zur Hälfte hochzog, bevor er sich mit dem Frühstückstablett am kleinen Tisch beim Fenster niederließ.

Zu viel Sonne, wirklich, zu viel Sonne!, hörte er sich Sybille gegenüber klagen.

Freu dich doch, dass die kalten Tage vorüber sind, mit ihrem ewigen Grau. Für mich kann es nicht genug Sonne geben.

Sybille war längst jenseits allen Wetters, und dass Grau zurzeit seiner Lebensstimmung besser entsprach, hätte auch sie eingeräumt.

Seit Wolters allein war, nahm er fast alle Mahlzeiten am Fenster ein. Anfangs hatte er sein Tablett noch wie gewohnt zum Esstisch im Wohnzimmer getragen, doch er hielt den Blick auf den leeren Stuhl gegenüber nicht aus, erst recht nicht, seit auch Lili, die Airdale-Terrier-Hündin, auf ihrem Stammplatz fehlte. Am Küchentisch zu essen fühlte sich leicht verwahrlost an. Jetzt aß er schon lange in seinem Arbeitszimmer - dem Studierzimmer, wie Sybille es genannt hatte. Das wäre früher undenkbar gewesen. Die Bezeichnung "Studierzimmer" behielt er in seinem Kopf bei, obwohl sie ihm schon immer etwas pompös erschienen war, heute mehr denn je. Er hatte den kleinen Bistrotisch, der ihm früher als Zeitschriftenablage diente, direkt vor das Doppelfenster des Studierzimmers gerückt, das bis zum Fußboden hinunterreichte. Keine Vorhänge. Wenn man die Fensterflügel öffnete, was er nur selten tat, konnte man auf einen winzigen, etwa einen halben Meter tiefen vergitterten Mauervorsprung hinaustreten, eher Zierrat als Balkon. Zu Sybilles Zeit hatten hier Blumenkästen gestanden. Wolters fand Blumen lästig. Doch am Tisch beim Fenster verbrachte er viele Stunden des Tages damit, durch das filigrane schmiedeeiserne Geländer hindurch die gegenüberliegenden Häuser zu beobachten, anfangs noch mit einem Buch auf dem Schoß oder einer Zeitschrift in Reichweite, gewissermaßen als Rechtfertigung vor sich selber, die er jetzt nicht mehr brauchte. Neuerdings benutzte er sogar häufig das Fernglas.

Bodentiefe Fenster ermöglichen grenzenlose Ausblicke. Woher war ihm dieser alberne Werbespruch zugeflogen?

Rushhour vorüber. Wenn er auf die Straße hinuntersehen wollte, musste er aufstehen und dicht an das Fenster herantreten. Die Sonne stand schon hoch über dem Wertherplatz und leuchtete ihn bis in den kleinsten Winkel aus, eine grelle unbarmherzige Frühjahrssonne. Während der Spitzen des Berufsverkehrs schob sich da unten Auto an Auto vorüber, obwohl dies eigentlich keine Durchgangsstraße war. Früher, als die schönen Jugendstilfassaden noch rechts und links von Kastanien gesäumt wurden, hatte sie als gehobene, ruhige Wohnlage gegolten. In jüngster Vergangenheit waren einige der alten Häuser abgerissen worden, seit einem Jahr klaffte schräg weiter unten, in Richtung Friedrichring, eine hässliche Lücke, auch direkt gegenüber waren die imposanten Bauten vom Ende des 19. Jahrhunderts zwei seelenlosen Neubauten gewichen, und die Straße war zu jeder Tages- und Nachtzeit von parkenden Autos verstopft. Er selber hatte schon länger einen Stellplatz im Parkhaus gemietet. Heute fiel ihm gleich die autofreie Stelle auf

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