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Die Geheimnisse der Welt von O'Donnell, Lisa (eBook)

  • Erschienen: 22.07.2015
  • Verlag: DUMONT Buchverlag
eBook (ePUB)
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Die Geheimnisse der Welt

Der elfjährige Michael Murray kann zwei Dinge am allerbesten: Ballhochhalten und Geheimnisse bewahren. Seine Familie findet, dass er für Erwachsenenangelegenheiten noch zu jung ist, also lauscht er an Türen. Es ist der einzige Weg, um irgendetwas mitzubekommen. Und Michael hat ein Geheimnis mitbekommen - eines, das vielleicht die Prellungen im Gesicht seiner Mutter erklärt. Als das Flüstern zu Hause und in der Nachbarschaft zu laut wird, um es zu ignorieren, fragt sich Michael, ob hinter der ganzen Sache doch mehr steckt, als er dachte. Also macht er sich daran, die Wahrheit herauszufinden, in der Hoffnung, dass dann endlich alles wieder normal wird. Er darf dabei nur ein paar Sachen nicht vergessen: sich auf den bevorstehenden Talentwettbewerb im Dorf vorzubereiten, ein Auge auf seine Erzfeindin "Dirty Alice" zu haben und auf jeden Fall die wässrigen Eintöpfe seiner Granny zu vermeiden. ?Die Geheimnisse der Welt? beschwört in einfühlsamer Weise die Ängste und Freiheiten der Kindheit. Es ist ein eindringlicher Roman über die Liebe, den Verlust der Unschuld und die Bedeutung der Familie in schwierigen Zeiten. 'O'Donnell zeigt, wie eine versehrte Familie sich neu erfinden kann, aufmerksam, nachdenklich, witzig und vollkommen glaubwürdig.' SUNDAY TIMES 'Es ist enorm schwierig, die Stimme eines heranwachsenden einzufangen. Lisa O'Donnell ist eine Meisterin darin.' NEON

Lisa O'Donnell wurde für ihr Drehbuch ?? e Wedding Gift? mit dem Screenwriting Prize ausgezeichnet. Für ihren Debütroman ?Bienensterben? (DuMont 2013) erhielt sie den Commonwealth Writers' Prize. Lisa O'Donnell lebt in Schottland. Stefanie Jacobs überträgt englische und französische Literatur ins Deutsche, u. a. von Miranda July, Benjamin Kunkel, Mark Watson, Nick Cave und Rajesh Parameswaran.

Produktinformationen

    Größe: 1701kBytes
    Herausgeber: DUMONT Buchverlag
    Untertitel: Roman
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 256
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783832188412
    Erschienen: 22.07.2015
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Die Geheimnisse der Welt

4

Ich bin aufgewacht, es ist noch Nacht. Alle reden durcheinander, meine Ma schreit, und Granny ruft nach Gott. Meinen Pa höre ich auch, aber er klingt nicht ganz wie mein Pa. Eher wie jemand anderes. Seine Stimme ist höher als sonst, und ich frage mich, ob es bei uns brennt. Ich ziehe Hausschuhe an und renne nach unten, aber sie hören mich auf der Treppe, und Pa ist in null Komma nichts auf dem Treppenabsatz.

"Michael, geh zurück ins Bett", sagt er. Sein Gesicht ist rot und ängstlich. Das gefällt mir überhaupt nicht. Ich höre meine Ma weinen, und im Hintergrund flüstert Granny, ganz sanft, wie zu einem Kind, das hingefallen ist.

"Was ist los, Pa? Warum weint Ma?", frage ich.

"Geh ins Bett, Michael." Er klingt verzweifelt und will wieder zurück in die Küche. Er guckt andauernd zur Tür. Irgendwas ist dahinter, was ich nicht sehen soll.

"Bitte, Michael. Geh einfach wieder hoch", bettelt er, und dann stützt er sich gegen die Wand, als hätte er Angst, dass er gleich umfällt oder so.

Pa redet sonst nie so mit mir, deshalb gehe ich hoch, aber ich zeige ihm, dass mir das eigentlich gar nicht passt. Pa sieht mir nach. Ich spüre seinen Blick. Er wartet unten an der Treppe, bis er sich sicher ist, dass ich in meinem Zimmer bin, dann lässt er die Wand los, geht wieder in die Küche und macht die Tür sorgfältig hinter sich zu. Ich warte fünf Minuten, dann geht es unten wieder los. Das reicht mir jetzt, und ich gehe runter. Diesmal passe ich gut auf, dass ich nicht auf die knarrende Stufe trete. Ich schaffe es bis zur Küchentür, ohne dass mich jemand hört. Ich bin stolz auf mich und lehne mich an die Tür.

"Du musst doch irgendwas gesehen haben. Denk nach!", fleht Granny.

"Er hatte ein Goldkettchen am Handgelenk. Und er war schwer", sagt Ma weinend.

"Was sonst noch?", fragt Pa.

"Groß war er", flüstert Ma. "Mehr weiß ich nicht. Es war dunkel. O Gott, und er hat mich erst gehen lassen, nachdem er eine geraucht hatte." Sie fängt an zu schreien. Granny muss sie beruhigen. Wahrscheinlich macht sie sich Sorgen wegen den Nachbarn. Granny macht sich dauernd Sorgen wegen den Nachbarn.

"Wir müssen zur Polizei", sagt Pa.

"Nein!", schreit Ma.

"Bist du noch ganz gescheit?", fragt Granny. "Da draußen läuft ein Verrückter rum."

"Nein, Shirley", bettelt Ma. "Ich will nicht, dass irgendjemand davon erfährt."

Granny und Pa sagen nichts mehr. Ma schluchzt und flüstert noch irgendwas, aber ich verstehe es nicht.

"Nein", sagt Pa. "Du weißt ja nicht, was du redest!"

"Ich will es aber so. Wir sagen einfach, ich bin gestürzt. Ich geh nicht zur Polizei. Auf gar keinen Fall. Sie werden über mich reden. Schreckliche Dinge sagen. O mein Gott", schreit Ma. Sie weint weiter, hört gar nicht mehr auf. Ich frage mich, was wohl mit ihr los ist. Dann sagt Pa zu Ma, sie hätte gar nicht erst durch den Park gehen dürfen. "Ich weiß nicht, wie oft ich dir schon gesagt hab, du sollst die Hauptstraße nehmen. Warum gehst du überhaupt durch den Park? Da ist es stockdunkel." Er weint wie ein kleines Kind. Ich habe meinen Pa nicht weinen hören, seit John Lennon gestorben ist, und ich muss wohl irgendeinen Laut von mir gegeben haben, denn auf einmal wird die Tür aufgerissen und Pa steht vor mir, das Gesicht nass von Tränen.

"Was hast du hier zu suchen?"

Ich schaue an ihm vorbei zu Ma. Ihr ganzes Gesicht ist voller Blut, und Granny drückt sie so fest an sich, dass ich mich frage, ob Ma überhaupt noch Luft kriegt.

"Was ist mit Ma passiert?", frage ich und will zu ihr stürmen, aber Pa lässt mich nicht vorbei. "Was ist passiert, Ma?", frage ich, aber Ma drückt das Gesicht an Grannys Brust. Sie kann mich nicht mal angucken.

Auf einmal sagt Granny zu mir, dass Ma einem Exhibitionisten begegnet ist. Pa guckt Granny ganz böse an, so als ob sie was total Verrücktes gesagt hätte.

"Was ist ein Exhibitionist?", frage ich.

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