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Die Geschichte einer kurzen Ehe Roman von Arudpragasam, Anuk (eBook)

  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Geschichte einer kurzen Ehe

Die Geschichte eines Tages im Krieg. Dinesh, ein junger Mann, versorgt Verletzte in einem Lager im Dschungel, läuft ziellos umher, denkt an seine Mutter, die getötet wurde und an deren Gesicht er sich nicht mehr erinnert. Jede Nacht fallen Bomben, doch sie machen ihm keine Angst mehr. Ein Mann bittet ihn, seine Tochter zu heiraten, Ganga. Er hofft, dass Dinesh für sie sorgen wird. Ganga ist eine junge, ernsthafte Frau - und nun seine Frau. Die beiden versuchen, die Fremdheit zu überwinden, ihre unerwartete Nähe zu erkunden, bevor der Krieg sie wieder trennt. In unvergesslichen Szenen lässt Anuk Arudpragasam die menschliche Existenz inmitten der Finsternis in ihrer ganzen Würde aufscheinen. Anuk Arudpragasam, 1988 geboren, wuchs in Colombo, Sri Lanka, auf, wo er auch heute lebt. Er schreibt auf Tamil und Englisch und ist dabei, ein Doktorandenstudium in Philosophie an der Columbia University abzuschließen. Die Geschichte einer kurzen Ehe ist sein erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446257849
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1829 kBytes
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Die Geschichte einer kurzen Ehe

2

Als Dinesh durch die Vegetation zurück zum Lager ging, fühlte er sich innerlich angenehm leicht, unbelastet, eine Empfindung, die er sich dadurch erhalten wollte, dass er seine Schritte langsam und gezielt und möglichst ohne ruckartige Bewegungen setzte. Zum ersten Mal seit der Begegnung mit Herrn Somasundaram dachte er wieder an dessen Tochter, als würde ihm erst jetzt klar, dass verheiratet sein bedeutete, dass man den Rest seines Lebens mit einem anderen Menschen verbrachte und dass eine Ehe je nach der Natur dieses Menschen gut oder schlecht sein konnte. Sie hatten zwar noch nicht miteinander gesprochen, aber er hatte Ganga, die hager war und still und den Blick immer auf den Boden gerichtet hielt, schon ein paar Mal bei der Klinik gesehen. Beim ersten Mal, und nur aufgrund dieser Begegnung hatte er sie später überhaupt wiedererkannt, war er nach einem kurzen, aber heftigen Bombardement durchs Lager gegangen. Er war an einem Grüppchen vorbeigekommen, das etwas beobachtete, und um herauszufinden, was los war, hatte er sich auf die Zehenspitzen gestellt und in der Mitte des Kreises ein Mädchen gesehen, das auf dem Boden neben zwei Leichen hockte. Es bekam kaum Luft und keuchte, sein Oberkörper wippte vor und zurück, die langen Zöpfe tanzten schwerelos auf den Schultern. Ein Stück hinter dem Mädchen stand ein Mann, Herr Somasundaram, der ohne zu blinzeln mit großen Augen die beiden Leichen anstarrte, als wären sie nichts Besonderes. Die Umstehenden schauten ihn genauso an wie das Mädchen, eigentlich hauptsächlich ihn, und erst nach einer Weile verstand Dinesh, dass das daran lag, dass die Leichen auf dem Boden seine Frau und sein Sohn waren und das Mädchen seine Tochter. Während Dinesh Ganga beobachtete, wie sie die schlaffe Hand ihrer Mutter anhob und sich an die Wange hielt und mit leiser, zitternder Stimme vor sich hin murmelte, dass diese Hand sie gefüttert, geohrfeigt und gewaschen habe, versuchte Dinesh sich vorzustellen, wie es wohl war, gleichzeitig Mutter und Bruder zu verlieren. Es fiel ihm schwer, denn auch wenn ihm selbst vor einiger Zeit etwas Vergleichbares zugestoßen war, hatte er schon sehr lange keinen Zugang mehr zu diesem Gefühl. Es musste natürlich irgendwie schlimm sein. Sicher litt das Mädchen, denn die Granaten, die ihre Mutter und ihren Bruder getötet hatten, waren gerade mal zwei, zweieinhalb Stunden vorher explodiert. Aber zusätzlich zu dem Leid, vielleicht sogar im Kontrast dazu, nahm Dinesh in ihren verzerrten Zügen etwas seltsam Würdevolles wahr, etwas Ehrwürdiges, fast schon Strenges. In ihren feuchten Augen und darin, wie sie zwischen den Klagelauten die Lippen schürzte, meinte er ein Begreifen der Situation zu erkennen, eine fundamentale, wenn auch schmerzerfüllte Hinnahme. Ihre Mutter und ihr Bruder waren gestorben, aber sie schien zu verstehen, dass die Erde sich trotzdem weiterdrehen würde. Der Nachmittag würde zum Abend werden, die Granaten würden weiter fallen, und je eher sie hinnahm, was passiert war, und ihr Leben weiterlebte, desto besser. Wenn sie für den Augenblick zuließ, dass ihr Körper sich um die Leichen ihrer Mutter und ihres Bruders krümmte, wenn sie sich zittern, weinen und beben ließ, dann nicht etwa, weil ihr das nicht klar wäre, sondern vielmehr, weil sie wusste, dass ihr Körper auf seine Weise auf das Geschehene reagieren musste, ob sie wollte oder nicht, und dass es keinen Sinn hätte, ihn daran hindern zu wollen.

Ein paar Tage darauf sah Dinesh Ganga zum ersten Mal in der Klinik arbeiten, ihr Gesicht glatt wie ein weicher Stein, ausdruckslos und dabei, obwohl es so ausgemergelt war, irgendwie sanft. Sie hatte weder vergessen noch überwunden, was passiert war, noch immer überkamen sie die Nachbeben der Geschehnisse, und dann unterbrach sie, was sie gerade tat, und schien einen Augenblick lang zu zittern, fast zu zucken, doch diese Momente gingen schnell vorüber, und die meiste Zeit wirkte sie seltsam ruhig und entschloss

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