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Die gestohlene Erinnerung von Schmitzer, Ulrike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2015
  • Verlag: Edition Atelier
eBook (ePUB)
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Die gestohlene Erinnerung

Eine Frau und ihre Mutter brechen in die ehemaligen Siedlungsgebiete der Donauschwaben nach Nordserbien auf, um die Wurzeln ihrer Familie zu suchen. Am Telefon mit dabei: die alte Großmutter. Vor der Abreise hat sie ihrer Enkelin vom Alltag in ihrer Heimat, vom 2. Weltkrieg und der Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager erzählt. Im Auto hören sie sich diese Aufnahme an. Nach anfänglichem Widerstand beginnt auch die Mutter über den Krieg und die Flucht zu sprechen. Ihre Tochter reiht Stück für Stück aneinander und findet allmählich eine Spur in die Vergangenheit. 1967 in Salzburg geboren; Studium der Publizistik und Kunstgeschichte; Redakteurin bei Ö1, freie Filmemacherin und Autorin in Wien; zahlreiche Radiopreise, u. a. Inge Morath-Preis für Wissenschafts-Publizistik 2012. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2008; zuletzt erschienen: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt (2014), Die Flut (2013), Die falsche Witwe (2011), alle Edition Atelier. Als Co-Herausgeberin Bourdieus Erben (2006) und Susan Sontag. Intellektuelle aus Leidenschaft (2007), beide im Mandelbaum Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 16.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903005679
    Verlag: Edition Atelier
    Größe: 2478 kBytes
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Die gestohlene Erinnerung

DIE SIPPSCHAFT

Das also sind meine Großeltern. Beziehungsweise, das waren meine Großeltern.

Die Sippschaft ist fast komplett ausgestorben. Über Tote zu schreiben, ist keine leichte Angelegenheit. Sie spuken in meinem Kopf herum, sind nur Gespenster. Was bleibt von ihrer realen Existenz? Ist nicht alles reine Fantasie? Oder sehen manche einfach mehr als andere?

Es ist genauso wie damals, als ich meinen Bruder an einem ungewöhnlichen Ereignis teilhaben lassen wollte. Es war ein Sommertag, und ich rannte im Garten auf und ab, ich rannte ums Haus, und ich rannte die ganze Straße ab. Ich hatte eine magische Kraft in mir, ich wurde nicht müde, und ich rannte mindestens dreimal so schnell wie sonst. Ich konnte auch extrem hoch springen. Ich sprang so hoch, dass ich fast die Äste der Bäume berühren konnte. Das war offensichtlich. Mein Bruder konnte es nicht sehen. "Du spinnst", sagte er. Plötzlich war die magische Energie weg! Ich hab sie seitdem nicht mehr gespürt. Was hätte ich alles damit machen können!? Ich hätte Marathonläuferin, sogar Triathlonwettkämpferin werden können. Ich hätte Weltmeisterin im Stabhochspringen werden können, ich hätte die Wüste durchlaufen können.

So geht es mir nun mit den Gespenstern. Ich sehe sie strickend auf der Couch sitzen, ich sehe sie als Junge auf dem Feld arbeiten und ich sehe sie als Alte Kipferl backen. Sehe wirklich nur ich ihre Schatten? Heute vermute ich, dass ich eine Aura hatte. So was gibt's, wenn man einen Migräneanfall hat. Festnageln lass ich mich jetzt aber nicht, ob ich danach oder überhaupt je einen Migräneanfall hatte. Darum geht's hier doch gar nicht!

Die Vorbereitungen zur Reise waren schnell abgeschlossen. Oma hat irgendwann eingesehen, dass sie nicht mitfahren konnte. Dafür mussten wir ihr nochmals versprechen, sie telefonisch am Laufenden zu halten. Im Ort selbst gab es kein Hotel, aber in einer der Nachbarstädte - in Apatin. Dort haben wir gebucht. Direkt an der Donau.

Ich dachte mir, es ist eine gute Idee, wenn ich ein Interview mit Oma mache, bevor wir fahren. Dann weiß ich mehr über das Leben da unten. Sie setzte sich an ihren Küchentisch und erzählte, als ob sie ihr ganzes Leben nur darauf gewartet hätte, dass sie jemand fragt. Nicht, dass ich nicht alles schon tausendmal gehört hätte. Aber richtig zugehört habe ich davor noch nie.

"Was ist das für eine Kassette?", fragt meine Mutter im Auto. Sie hat die Straßenkarte auf dem Schoß und ist schon sehr aufgeregt.

"Die hab ich mit Oma aufgenommen", sage ich und lege sie ein.

Das klingt jetzt, als ob das schon lange her ist. Aber in einem alten Auto ist eben ein alter Kassettenrekorder, und der bleibt da auch, solange ihn niemand gegen einen MP3-Player austauscht.

"Als erstes erzählt sie von den 1960er-Jahren", sage ich.

Wir sind ins Haus reingekommen. Es war alles fremd und auch wieder nicht. Wie soll ich sagen: Jeden Stein, jedes Pflaster hab ich gekannt, durch und durch. Die Granitsäulen, und im Ganghäusl, da war der Name: Kühn Sebastian. Eingemeißelt, das hat man nicht rausmachen können. Wir haben ihnen den Pass gezeigt und gesagt, dass das unseres gewesen ist, und wir wollen nur nachschauen. Wir möchten nichts. Und dann ist einer gekommen, der hat gesagt, es haben schon drei Familien drin gewohnt. Das Haus war ja groß. Und das erste, was ich gefragt hab, war: Wer hat das Wohnzimmer gekriegt? Weil ein Wohnzimmer war das! Da ist ein Pfarrer gestorben, und die Großmutter hat das ersteigert. Es gab einen Fauteuil und eine Dreiersitzbank, und die Kredenz, eine ganz moderne und eine gedrechselte Stellage dazu. Und ich hab gleich gefragt, wo das geblieben ist. Da haben sie gesagt, das hat der Nacelnik 2 mitgenommen. Der Chef. Und sein Bruder hat das eine Schlafzimmer mitgenommen. Das an

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