text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Hälfte von allem Roman von Zanón, Carlos (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.09.2014
  • Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Hälfte von allem

Barcelona von unten: Ein Trio von Desesperados, kleine Fische, denen der Mut zum großen Verbrechen fehlt, späht in Stundenhotels Pärchen nach - und bittet dann mit entsprechenden Beweisen zur Kasse. Bis sie an Max geraten, dem sich mit dem unverhofften Erpressungsversuch plötzlich ein Ausweg aus seiner eigenen verzweifelten Lage zu bieten scheint. Carlos Zanón, in Spanien als neuer Stern am Literaturhimmel gefeiert, hat ein dunkles Meisterwerk über die Abgründe von Liebe und Gesellschaft geschrieben - ungezügelt, brutal und voll zerstörerischer Leidenschaft. Carlos Zanón, 1966 in Barcelona (Spanien) geboren, ist Dichter, Romancier, Drehbuchautor und Literaturkritiker. Für seine Gedichtbände und seine Romane wurde er vielfach ausgezeichnet. Die Hälfte von allem ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 29.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783312006410
    Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
    Originaltitel: No llames a casa
    Größe: 3950 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Hälfte von allem

0

Leute, die nicht gut vergessen, schaden sich selbst. Denn Leute, die nicht gut vergessen, biegen sich die Wahrheit zurecht, verschludern Namen, blenden Menschen und Orte aus und erinnern sich am Ende nur noch an das Gute.

Cristian ist so einer, der nicht gut vergisst. Deshalb wird er sie vermissen, wenn er an sie denkt, egal, wie sehr er sich jetzt einredet, dass sie nur ein schlechter Witz ist, eine alte Jungfer, die Gott weiß was auf sich hält, eine erfundene Stadt in einem Land, das es nicht gibt.

Weil er nicht gut vergisst, wird er sich nur noch an die Momente erinnern, in denen er und Barcelona gut miteinander auskamen. Wird sich erinnern an jene Luken und Rutschen, die sich plötzlich unter seinen Füßen auftaten, nachts, in dieser flüssigen Stadt. Wird sich erinnern an die Zeiten, als Drogen flossen wie ein wild gewordener Fluss und alle lachten und sich was einwarfen und wieder lachten und sich was einwarfen. Wird sich erinnern an röhrende Motorräder in den Gassen des Barrio Gó;tico. Wird sich erinnern an den Mond, der in seinem Glas Gin gefangen war. Woran er sich jedoch nicht erinnern wird, ist die Kälte im Februar. Die Gleichgültigkeit. Die Arroganz des überlegenen Anderen. Die Typen mit Hornbrille, Lederjacke und NGO -Ausweis, die ihre chinesischen Töchter spazieren führen. Die Yuppieweiber mit frisch gewaschenen Haaren, Skipass und Katalonien im Herzen, die partout nichts anziehen wollten, was ihren Reichtum verraten könnte. Nein, an nichts davon wird Cristian sich erinnern, sehr wohl aber an die verlassene Stadt im Morgengrauen, wenn er nach Hause ging. An die Stadt der nassen Straßen. Die ewige Besiegte. Nicht an die Stadt mit dem erhobenen Arm, die Stadt der faulen Absprachen, des Reden wir drüber? Nein, nach der anderen Stadt wird er sich sehnen, der Stadt mit den dunklen Ecken, der anonymen Metropole, an der einst die Helden an die Wand gestellt wurden, der Stadt der Rumbitas und Elektrosongs und der Dreikönigsnächte. Nach Barcelona, der Stadt, die pünktlich zum Morgen die Kaffeemaschinen anwirft. Der Stadt der Plätze mit den Brunnen ohne Wasser. Der Stadt der Märkte über Schichten aus Eis, Blut und grauem Fisch. Der Stadt der leeren Kirchen, der Blumen, die ohne Sauerstoff in ihren Plastikgräbern liegen.

Cristian – dunkler Teint, schlank, leicht schielender Blick – schlendert die Plateria entlang, die Via Laietana, die Ferran, die Hände in der Jacke, den Henkel seiner Reisetasche unter die Achsel geklemmt, auf der Suche nach einem Café, in dem er vor seinem Treffen mit Max noch schnell was frühstücken kann. Er kommt an einem vorbei. Alt, neu, schwer zu sagen. Kurz darauf macht er sich über einen Milchkaffee und ein leckeres Croissant her. Seine Finger kleben regelrecht am Karamell. Manche Leute machen ihre Arbeit halt noch gut, denkt er. Wenn du für so ein Croissant dasselbe zahlst wie für eines dieser Kleisterhörnchen, die sie dir sonst andrehen, wozu sich groß anstrengen? Aus demselben Grund wie sonst auch, hat sein Vater immer zu ihm gesagt. Wenn du etwas gut machen kannst, Cristian, warum solltest du es dann schlecht machen? Schon komisch, verheddert sich Cristian weiter in seinen Gedanken, dass man alles, was Mütter einem sagen, vergisst, während man das, was Väter einem sagen, nie wieder aus dem Schädel kriegt. Vielleicht kann einfach nichts den bitteren Likör der toten Eltern ganz auflösen, der Eltern, die gegangen sind, der Eltern, die entweder du verlässt oder die dich verlassen.

Der Kratzer, der ihm quer über die Wange bis zur Lippe reicht, brennt nach wie vor. Gerade ist seine Zunge zum Mundwinkel gewandert, und weil es gebrannt hat, musste er an Mireia denken. Er hat ihr nicht sagen wollen, dass er

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen