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Die Halbseele von Brausewetter, Artur (eBook)

  • Erschienen: 30.03.2017
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Die Halbseele

Walter Merten, einziger Sohn des Landpastors, entscheidet sich gegen die Theologie und für die Medizin. Er wird Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus in Bernburg und gerät dort in eine persönliche Fehde zwischen seinem Vorgesetzten, Professor Westphal, einem Arzt von Weltruf, und dem Sanitätsrat Glasgow. Merten spürt schon bald, dass er sich vor Westphal besser in Acht nehmen sollte. Unerbittlich und rücksichtslos setzt dieser seinen Willen auch gegen jede medizinische Vernunft durch. Als er einen Patienten operiert, obwohl er selbst eine Handverletzung hat, stirbt dieser an einer Infektion. Merten hadert mit seiner Profession: Soll er sich gegen Westphal stellen? Wie bei allen großen Herausforderungen in seinem Leben spürt er seinen fehlenden Glauben als klaffendes Loch in sich ...

Produktinformationen

    Herausgeber: Saga Egmont
    Sprache: Deutsch
    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    ISBN: 9788711487723
    Erschienen: 30.03.2017
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Die Halbseele

Reisetagebuch des Doktor Walter Merten.

Konstanz, den 2. Juni.

Ich bin auf schnellem Wege hierher gelangt. Grosse Städte meide ich im Sommer. Nur mit München ist es etwas anderes. Da komme ich nie heraus, ob es Sommer oder Winter ist.

Auch jetzt, so mitgenommen von den Erregungen der letzten Tage ich mich noch fühlte, sowie mein Fuss diese unvergleichliche Stadt betrat, wehte mich der Hauch der Erfrischung an. Mir ist, als spürte ich hier Bergluft, selbst auf den belebten Strassen. Und dann diese einzigartige Vereinigung einer gross gewordenen Kunst mit bayerischer Behaglichkeit!

Dieses Mal tat ich mir Gewalt an und blieb nur einen Tag in München. Ich musste vorwärts. Meine Gesundheit ist jetzt die Hauptsache.

So fuhr ich vorgestern über den Bodensee, der mir der liebste aller schweizer Seen ist, und kam nach Konstanz.

Warum ich gerade Konstanz wählte?

Ein Freund von mir, der beste wohl, doch ich will lieber sagen, der einzige, ist hier der leitende Arzt einer bekannten Nervenheilanstalt. Da er nicht nur ein trefflicher Mensch ist, sondern auch zu den wenigen meiner Kollegen gehört, denen ich rückhaltlos vertraue, so habe ich mich wohl oder übel entschlossen, mich für die sechs Wochen meines Urlaubs in seine Heilanstalt zu vergraben. Sie scheint gut eingerichtet, hat einen prachtvollen Garten, der bis unmittelbar an den Bodensee reicht, und der behandelnde Arzt ist mein Freund. Das sind nicht zu unterschätzende Vorteile.

Den 3. Juni.

Aus der Nervenheilanstalt wird nichts! Kollege Kanzow machte ein ganz verdutztes Gesicht, als er mich heute plötzlich unter seinen Patienten im Wartezimmer traf, denn ich hatte mich nicht angemeldet.

Ich merkte ihm sofort an, dass er sich Mühe gab, seine Verwunderung über meine blasse Gesichtsfarbe und mein wohl verändertes Wesen zu verbergen. "Blühend siehst du nicht aus!" Weiter sagte er nichts und schritt sofort zur Untersuchung.

"Unsere Anstalt ist nichts für dich," meinte er entschieden, "so gern ich dich auch hier hätte. Aber du bedarfst gesunder, froher Menschen, damit du selbst gesund wirst und wieder lachen kannst wie früher. Gott sei Dank! Ausser einer freilich nicht unbedenklichen Gemütsdepression und einer leichten Neurasthenie fehlt dir nichts. Und das zu heilen ist nur die schöne Natur imstande und die frische Luft, ohne Bäder und geregelte Kur."

Nun musste ich ihm von mir und meiner Arbeit erzählen, und auch die Widerwärtigkeiten, die ich am Krankenhaus durchgemacht, mussten aufgewühlt werden. Ein Wunder erschienen ihm nach alledem meine angegriffenen Nerven nicht. Im Gegenteil, er fand, dass ich noch glimpflich fortgekommen wäre.

Wie gut es solch ein Mensch wie Kanzow doch hat!

Er hatte mich zum Mittagessen in seine in der Anstalt gelegene Häuslichkeit eingeladen, und ich lernte seine junge Frau kennen. Während wir auf dem grossen Balkon unter grünschimmernden Lindenbäumen speisten, berieten wir, was ich jetzt weiter beginnen sollte.

Da es für das Gebirge noch etwas früh ist und die trefflichen Menschen hier einen wohltätigen Einfluss auf meine Gemütsstimmung üben, so entschloss ich mich, vorläufig in der nächsten Umgebung am Bodensee zu bleiben.

Den 4. Juni.

Was ich suchte, habe ich gefunden! Es ist ein Gasthof, verbunden mit Garten, und steht malerisch und einladend auf der Höhe zwischen See und Wald.

"Waldhaus zum Jakob" las ich über seinem Eingang, und unter den Sprüchen, mit denen seine Aussenwand geziert war, fiel mir einer sofort ins Auge:

"Bist du des Wegs und Kampfes müde,

Komm, Wanderer, hier winkt dir Friede."

Es war ein recht mässiger Vers. Aber ich war des Weges und des Kampfes müde, und was suchte ich so sehnsüchtig als den Frieden?

Ich trat in den Garten; er war fast menschenleer. Nur an einem Platze war ein einsamer Gast zu sehen, der eine Flasche Wein trank. Ich ass ein einfaches, aber vorzügliches

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