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Die Hochzeit von Auschwitz Eine Begebenheit von Hackl, Erich (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Die Hochzeit von Auschwitz

Die Geschichte von zweien, die sich lieben, durch die politischen Ereignisse immer wieder getrennt werden und dann diese Liebe endlich legalisieren dürfen - unter den denkbar widrigsten Umständen: Für einen Tag und eine Nacht darf die Spanierin Marga Ferrer das KZ Auschwitz betreten, um mit dem Häftling Rudi Friemel den Bund fürs Leben einzugehen. Ein Buch in Stimmen erzählt, über Hoffnung und Verzweiflung, über die Niederlagen eines halben Jahrhunderts. Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und ein paar Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Madrid und Wien. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß Abschied von Sidonie

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257602401
    Verlag: Diogenes
    Größe: 1384 kBytes
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Die Hochzeit von Auschwitz

[7] 1

Das Gewitter

Heute nacht werde ich von Rudi Friemel träumen. Er wird ein weißes Gesicht haben, wie aus Wachs, und weit aufgerissene Augen, als sei er zu Tode erschrocken. Er wird eine dünne gestreifte Häftlingshose tragen, die seine Frostbeulen verbirgt, und ein weißes Hemd, das mit Rosen bestickt ist. Ein Geschenk, von wem? Er wird lächeln, wie er immer gelächelt hat. Ich werde das Grübchen an seinem Kinn sehen. Er wird sagen: Alle haben mich vergessen, die Frauen, die Freunde, die Genossen.

Blödsinn, werde ich sagen.

Ach Marina, kleine forsche Schwägerin. Kennst du mich noch, wird Rudi antworten.

Er war ein lieber Junge. Automechaniker, Motorradnarr. Ein überzeugter Sozialist. Ein bißchen verrückt. Ein Draufgänger, verwegen, abenteuerlustig. Im Februar vierunddreißig soll er sich in Wien tapfer geschlagen haben. Er ist dann nach Brünn geflohen. Später hat er bei uns in Spanien gekämpft. Was wohl aus ihm geworden wäre?

Seltsam, daß ich gerade von ihm träumen werde. Nach so vielen Jahren. Von Toten zu träumen bedeutet nichts Schlechtes. Aber wieso ist er mir nicht früher erschienen?

Soll ich seine Geschichte erzählen? Willst du sie hören? Ich warne dich: Da sind nur Bruchstücke seines Lebens, und in meinem Kopf ergeben sie kein klares Bild. Die Jahre [8] vergehen wie im Flug, und wenn man Rückschau hält, ist es zu spät, Einbildung und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Besser, du fragst andere nach ihm. Obwohl, viel werden sie dir auch nicht sagen können. Lebt überhaupt noch einer von denen, die ihn gekannt haben? Es sind so viele umgekommen. Und die nicht umgekommen sind, sind im Bett gestorben, wie es sich für Menschen gehört. Und die weder umgekommen noch im Bett gestorben sind, können sich nicht erinnern, weil sie sich nicht erinnern wollen. Aber auch unter denen, die sich nicht erinnern wollen, wirst du keinen mehr finden, der ihn gekannt hat.

Friemel. Friemel Edeltrude. Trude. Ich bin mit keinem Rudolf Friemel verwandt. Aber hier im Haus, auf Stiege 7, wohnt einer, der so heißt. Wie alt mag er sein, zweiunddreißig, fünfunddreißig? Eher zweiunddreißig, und sein Vater geht auf die Sechzig zu. Soviel ich weiß, haben sie kein Telefon.

- In unserer Verwandtschaft gibt es keinen Rudolf. Schon seit hundertfünfzig Jahren nicht. Achtundzwanzig Friemel, und kein einziger Rudolf. Ich betreibe Ahnenforschung, deshalb. Mich würde interessieren, ob er in Wien geboren ist. Alle meine Friemel stammen nämlich aus Schlesien.

- Friemel, Maria. Hat ihren Anschluß per 30. Juni abgemeldet.

- Nein, Therese. Therese Friemel. Ein Rudolf Friemel ist mir nicht bekannt. Ich kann ja nicht jeden Friemel kennen. Haben Sie es schon in Graz versucht? Dort soll noch eine Familie Friemel wohnen.

[9] - Friemel oder Frieml. Oder mit kurzem i, Frimmel. Spanien, Frankreich, Polen? Hören Sie, ich bin kein Reisebüro.

- Ich kann mich dunkel an einen Friemel erinnern. Nicht, daß ich ihm persönlich begegnet wäre. Aber sein Name ist mehrmals gefallen, bei konspirativen Zusammenkünften mit Jugendführern der Revolutionären Sozialisten. Wir haben uns auf der Straße getroffen, um gemeinsame Kampagnen abzusprechen, eine illegale Kundgebung zum Ersten Mai oder eine Streuzettelaktion am Jahrestag des Februaraufstandes. In diesem Zusammenhang ist der Name Friemel immer wieder aufgetaucht. Man hat gewußt, der existiert. Der treibt sich irgendwo in Favoriten herum. Vor sechsundsechzig Jahren.

- Ein Griff, und ich hab ihn. Freytag, Friedmann, Friedrich, Friemel. In der Archivbox ist alles enthalten, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte. In Spanien war er bei der Transmission, Kabel verlegen für die Nachrichtenverbindungen. Strippenträger hat das geheißen. Kennengelernt habe ich ihn aber erst in Frankreich, im Lager. Er ist mir nie unangenehm aufgefallen. Im Gegenteil, er war ein

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