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Die Illusion des Getrenntseins von Van Booy, Simon (eBook)

  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Die Illusion des Getrenntseins

Eine kleine Bäckerei in Paris, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Ein unbekannter Soldat übergibt einer jungen Frau ein Neugeborenes ohne Namen und verschwindet. Mit sieben Jahren erfährt Martin von seinen Zieheltern, dass er ihnen in den Unruhen des Krieges von einem Fremden anvertraut wurde. Von nun an lässt ihn die Frage nach seiner Herkunft nicht mehr los. Er braucht Jahre, um sein Schicksal zu begreifen - und er braucht sein ganzes Leben, um dem Mann zu begegnen, der ihn einst gerettet hat. In einer wunderbar zarten, eleganten Prosa erzählt Simon Van Booy davon, wie unsere Leben untrennbar miteinander verbunden sind. Davon, dass die Welt nur scheinbar ein fremder Ort ist und die Menschen darin uns näher sind, als wir ahnen. Simon van Booy, geboren und aufgewachsen in Wales, lebt mit seiner Frau und Tochter in Brooklyn. Er ist der Autor von zwei Erzählungsbänden und zwei Romanen sowie drei Philosophiebüchern und schreibt u. a. für die New York Times , den Guardian und die BBC. Sein Werk wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 205
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458735946
    Verlag: Insel Verlag
    Originaltitel: The Illusion of Separateness
    Größe: 4801 kBytes
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Die Illusion des Getrenntseins

MARTIN

Los Angeles, 2010

I

Allein der Gedanke an ihn war ein Trost. Sie glaubten, dass er alles konnte und dass er sie beschützte.

Er hörte sich schweigend ihre Sorgen an.

Er erfüllte seine Pflichten, wenn sie noch schliefen, wenn er über sein Leben nachdenken konnte wie ein Kind, das aufs Meer hinausschaut. Bei Tagesanbruch stand er auf, füllte seinen Eimer und wischte mit Kiefernseife durch die Flure. Dort, wo er den Griff hielt, hatte er Schwielen. Der Eimer war blau und schwer zu tragen, wenn er gefüllt war. Das Wasser wurde schnell schmutzig, aber das störte ihn nicht. Wenn er fertig war, lehnte er den Mopp an die Wand und ging hinaus in den Garten.

Manchmal fuhr er zum Pier in Santa Monica. Allein.

Vor langer Zeit hatte er dort einer Frau einen Heiratsantrag gemacht.

Es war ein nebliger Morgen, und um sie herum wurden ihre Leben geschmiedet. Sie hörten die Wellen gegen die Mauer schlagen, aber sie sahen nichts.

Damals war Martin Bäcker im Café Parisienne. Er trug einen Schnurrbart und stand sehr früh auf. Sie war Schauspielerin, kam eines Morgens auf einen Kaffee herein und schaffte es dann nicht mehr zu gehen.

Das Starlight Retirement Home hätte ihr gefallen. Viele der Bewohner waren früher beim Film. Die Bademäntel, in denen sie zum Frühstück kommen, sind mit Monogrammen verziert. Sie nennen ihn Monsieur Martin , wegen seines französischen Akzents. Nach dem Abendessen sitzen sie um den Flügel herum und schwelgen in Erinnerungen. Sie haben dieselben Leute gekannt, aber ihre Geschichten sind verschieden. An der Häufigkeit, mit der ein Bewohner Gäste empfängt, bemisst sich sein Status.

Martin wird oft für einen Bewohner gehalten.

Es wäre einfacher, wenn die Leute wüssten, wie alt er ist, aber die Umstände seiner Geburt sind rätselhaft.

Aufgewachsen ist er in Paris. Seine Eltern hatten eine Bäckerei, und sie wohnten in den drei Zimmern darüber.

Als Martin alt genug war, um zur Schule zu gehen, setzten seine Eltern ihn mit einem Glas Milch an den Küchentisch und erzählten ihm die Geschichte, wie jemand ihnen ein Baby gegeben hatte.

"Es war Sommer", sagte seine Mutter. "Damals war noch Krieg. Ich weiß nicht mal mehr, wie der Mann aussah, aber plötzlich hatte ich ein Baby in den Armen. Es ging alles so schnell."

Martin gefiel die Geschichte, und er wollte mehr erfahren.

"Dann brachte sie das Kind in meine Bäckerei, damit es etwas zu essen bekam", sagte sein Vater.

"Genau", fügte seine Mutter hinzu. "So haben wir uns kennen gelernt."

Sein Vater stand vor der dunklen Fensterscheibe und erzählte dem Spiegelbild seines Sohnes, dass sie Jahre gewartet hatten, bevor sie zu den Behörden gegangen waren.

Die Tränen seiner Mutter malten Punkte auf die Tischdecke. Martin betrachtete ihre Hände. Ihre Fingernägel waren glatt, mit aufsteigenden Monden. Sie drückte seine Wange, und er errötete. Er stellte sich die raue Hand eines Fremden vor und spürte das Gewicht eines Babys in seinen eigenen Armen.

Als er fragte, was aus dem Kind geworden war, mussten sie direkter werden. Martin starrte auf die Milch, bis ihm die Tränen kamen. Seine Mutter stand vom Tisch auf und kam mit einer Flasche Schokoladensirup zurück. Sie gab etwas davon in sein Glas und rührte es mit einem großen Löffel um.

"Unsere Liebe zu dir", sagte sie, "wird immer größer sein als irgendeine Wahrheit."

Ein paar

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