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Die Kirschendiebin Eine Erzählung von Schütz, Helga (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.03.2017
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Die Kirschendiebin

'Es weiß sowieso niemand, was Liebe ist'. Eine leichte Melancholie liegt über dieser Geschichte, die von einem Abschiednehmen in den Zeiten der Teilung erzählt, den Wendungen des Schicksals und von der einzigen großen Liebe, für die es nie zu spät ist. "Diese magische Erinnerin erzählt Weltgeschichte, wie sie der Einzelne erfährt." Christoph Dieckmann, Die Zeit. "Wie Helga Schütz das schreibt, hat man so noch nirgends gelesen: weise und verspielt zugleich - erfahrungssatt und neugierig." Berliner Zeitung. Thomas Falkenhain ist in dem Alter, in dem man aufräumt und sich erinnert, selbst wenn man sich nicht erinnern will. Zum Beispiel an eine heimliche Studentenliebe in den 60ern, die abrupt endete, als Mela, seine "Kirschendiebin", mit Mann und Sohn in den Westen fliehen musste. Erst aus den Stasi-Akten weiß er, dass sie ihm später Briefe geschrieben hat. Unerwartet erhält er ein Stipendium für eine römische Künstlervilla. Kaum dort eingetroffen, ertappt er eine Frau im Park, die eine Orange pflückt und sogleich isst: Mela. Als wären nicht Jahrzehnte vergangen, beginnt die Liebe von neuem. Es ist schön, schwach zu sein und bejahrt. Nur Mela müsste ihm endlich auch von Angst und Ohnmacht erzählen. Helga Schütz wurde 1937 in Falkenhain/Schlesien geboren. 1944 übersiedelte sie nach Dresden. Sie erlernte den Beruf der Gärtnerin, anschließend studierte sie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg und schloß als Diplom-Dramaturgin ab. Sie schrieb Drehbücher und Szenarien für Spiel- und Dokumentarfilme. Seit 1962 ist sie freie Autorin, 1993 erhielt sie eine Professur für Drehbuchschreiben an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Unter anderem gewann sie den Stadtschreiber-Literaturpreis des ZDF und der Stadt Mainz und den Brandenburgischen Literaturpreis. Helga Schütz lebt in Potsdam. Zuletzt erschienen die Romane Grenze zum gestrigen Tag (2000), Knietief im Paradies (2005) und Sepia (2012).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 17.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841212900
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Größe: 2115 kBytes
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Die Kirschendiebin

2
Ich, Melina

Wie nennst du mich?

Habe ich einen Namen. Heiße ich wie die Zeit, die es strenggenommen gar nicht gibt. Bin ich der Augenblick zwischen Hell und Dunkel. Siebenundsiebzigmal bin ich mit der Erde um die Sonne gezogen. In einer Wiege, in Holzschuhen, barfuß, in Igelitsandalen, in Schuhen vom VEB Rotes Banner, in High Heels aus Wien oder jetzt in Turnschuhen mit Einlagen auf Orthopädenrezept.

Neuerdings, wenn ich eine volle Runde gedreht habe, an einem Tag im Oktober, während ich unterm Baum das letzte Fallobst auflese, die Boskop, die aus der hohen Krone gefallen sind, denke ich: Kann das sein? Ist das wahr? Schon wieder Oktober. Ich schau auf die Uhr. Wie schnell wir sind, die Erde und ich. Und ich denke an meine Mutter. Sie hat mich auf die Welt gebracht. Wahrscheinlich unten in der dunklen Kammer mit dem kleinen Fenster zum Berg, in der später Kostgänger August die Kriegsjahre bis zur Flucht mit uns lebte.

Ich bin unehelich auf die Welt gekommen. Meinen Vater kenne ich nicht, aber ich denke manchmal an ihn, nicht an einen Menschen, sondern an ein Schicksal. Er war nicht allein nur mein Vater, denn er hatte sich in einem Nachbarstädtchen ziemlich zur gleichen Zeit ein zweites Mal zum Vater gemacht, dort sogar amtlich, sogar aktenkundig. Während er für mich nur ein Sprichwort war. In unserer Stube wurden manchmal Andeutungen gemacht, sie hatten hohe Bedeutung, aber keine Gestalt.

Er lebte unter anderen Leuten, in anderen Kreisen, in einem Haus, das nicht Stube und Kammer hatte, sondern Erker und Salon.

Im mütterlichen Nest wohnten Waschfrauen und Waldarbeiter, sie lebten zusammen mit stolzestem Kleinvieh, fleißigen Bienen, dazu einer hochtalentierten Kuh, die Furchen ziehen, Heufuder deichseln, Milch liefern und kalben konnte. Sie ging selbständig auf die Weide, wenn sie an die Krippe wollte, steckte sie ihren mit Weinlaub umkränzten Kopf durch das Stubenfenster. Dann machte ihr einer die Stalltür auf.

Die Mütterlichen hatten mich erst einmal ohne Urkunde als neues Lebewesen aufgenommen und irgendwie unter- und durchgebracht. Meine Wiege passte in die Stubenecke. Im anderen Winkel stand der neue, mein Dasein behütende Dauerbrandofen, ein Koksfresser einerseits, aber andererseits ein Wunder, ein Gerät, das den Zwischendampf auffing und den Abdampf nutzte. Die Alten knieten staunend davor, eine Innovation. Sie beobachteten, wie sich die Klappen langsam bewegten, auf und zu. Alles von selber. So musste es sein. Neues Leben und Wärme. Ich spürte Geselligkeit, wie in Bethlehems Stall, Kommen und Gehen. Wenn einer die Vordertür aufmachte, stürmte der Wind ins Haus, er fegte Schnee durch den Söller und tobte aus der Hintertür wieder hinaus.

Ich wusste, dass der Wind hinter dem Haus direkt in die Hölle fuhr.

Ich hörte das Ticken der Wanduhr über der Wiege und die Stimmen. Geld nehmen wir nicht. Die Schweinchen quiekten, denn bei Dauerfrost wurden die Jungtiere in der Nähe des Ofens einquartiert, die Glucke saß hinter dem Rohr.

Der Ofen war Unservater.

Den Winter musste man sich mit Schießgewehr und verschneiter Soldatenmütze vorstellen, breit und grimmig, so marschierte er durch die Welt. Die Leute flüsterten, der Drahtfunk meldete in der Nacht: Es sei aber noch viel schlimmer. Großmutter nähte schwarze Trägerschürzen, sie nähte mit schwarzem Garn, Schnittmuster auf schwarzem Stoff, für unter der Woche, und die schwarzseidene Suntichschürze , schwarze Bänder zum Schleifenbinden. Jegliche Väter starben in Stalingrad, so auch der doppelte von uns.

Sie lagen dort, bekannt und unbekannt, ganz tief unterm Schnee.

Man konnte sich an den Frieden vor dem Krieg vielleicht noch erinnern. Vielleicht an Liebe. Es konnte geschehen, dass ein Kerl, also mein Vater, zwei Mädchen liebte, zwei Frauen. Dass zwei in einen verliebt waren. Er wird wohl ein charmanter Lümmel gewesen sein. Mutter war achtzehn Jahre alt.

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