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Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten Roman von Pfister, Kristina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.02.2017
  • Verlag: Tropen
eBook (ePUB)
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Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

" ?Und wo zieht es dich danach hin? Hast du Pläne??, fragte sie, als wüsste sie nicht längst, dass ich hier gestrandet war wie einer dieser fetten Blauwale, die überall in Neuseeland an den Stränden lagen und langsam verreckten." Jeden Abend betrachtet Annika durch das Fenster ihres Apartments die junge Frau gegenüber. Marie-Louise scheint all das zuzufliegen, wonach Annika sich sehnt: Freunde, Liebhaber, Geselligkeit. Sie lebt aus vollen Zügen, während Annika von Praktikum zu Praktikum driftet und nichts mit sich anzufangen weiß. Doch eines Nachts klingelt Marie-Louise an Annikas Tür. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird enge Freundschaft, als Annika nach Hause zurückkehrt, um endlich herauszufinden, was sie eigentlich mit sich anfangen will. Und unversehens ihre alte Nachbarin wiedertrifft. Bald stellt sich jenes Gefühl von Schwerelosigkeit ein, das Phasen des Umbruchs begleitet, und für die beiden Frauen beginnt ein Sommer in der Provinz, wo Humor und Verzweiflung nah beieinander liegen. Kristina Pfister, geboren 1987 in Bamberg, war Teilnehmerin der Bayrischen Akademie des Schreibens und der on3-Lesereihe. Sie lebt in München und Wiesbaden. "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 11.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608100914
    Verlag: Tropen
    Größe: 2813 kBytes
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Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

King Louie

Ihr Zimmer lag meinem gegenüber, Block G und Block H, zwei Gebäude mit identischer Raumaufteilung. Dasselbe Mobiliar, ein Einbauschrank, ein Bett aus heller Birke, ein Schreibtisch mit Glasauflage, eine Kochnische mit zwei Herdplatten, eine große und eine kleine.

Einzelapartments. Ich war immer allein, sie nie.

Über ihrem Bett hingen Poster und jeden Abend saßen drei bis vier Leute auf ihrem Fußboden, hielten Teller auf den Knien und tranken Bier aus Flaschen. Wenn ich das Fenster öffnete, wehte Musik zu mir herüber. Sie hörte, was ich hörte, nur dreimal so laut.

Dazu das Lachen der Freunde und das Klirren von Geschirr, auch heute.

Ich stand am Fenster im Dunkeln und blickte hinüber.

Mir war zum Heulen.

Ich rief meine Mutter an. Sie sagte: "Es sind doch nur drei Monate."

Es waren drei Monate hier, dann drei dort, dann drei woanders, vierzig Wochenstunden und vierhundert Euro, während meine ehemaligen Kommilitonen Fotos von neuen Freunden, die sie auf Auslandssemestern kennengelernt hatten, von ihren neuen Errungenschaften, die sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft hatten, Bilder von Reisen und Partys zum Studienabschluss ins Internet stellten. Soundso lebte jetzt in New York und XY war verlobt.

Das Leben der anderen war immer toll, immer bunt, immer laut.

Ich wohnte in Wohnblöcken am Rande der Stadt und war ständig erkältet. Das Wetter war schlecht, das ganze Jahr schon war das Wetter schlecht gewesen.

Ich bekam eine Praktikumsbescheinigung nach der anderen, auf der stand, dass ich gute Arbeit geleistet hatte, allgemeine Unterstützung des Bürobetriebs, Bearbeiten von Datenbanken, Redigieren und Verfassen von Pressetexten, Brezeln für die Teeküche besorgen.

Irgendwann hatte ich aufgehört, die anderen anzurufen, E-Mails zu schreiben, Nachrichten zu hinterlassen, und meldete mich nur noch bei meiner Mutter.

"Hallo, Spatz, wie geht's dir?", sagte sie jedes Mal und ich antwortete: "Gut", aber meine Stimme war schwach und leise, und sie musste merken, dass ich log.

Jetzt saß ich da, die Stirn an die Fensterscheibe gelehnt, und erzählte von meiner Arbeit und dass mein Kollege wieder zweideutige Bemerkungen gemacht hatte. Ich sagte meiner Mutter nicht, dass ich kaum noch schlief, sondern die Nächte damit verbrachte, Sitcoms zu schauen, fröhliche Menschen, die mit ihren Freunden in einer Bar saßen und Bier tranken, Staffel 1 bis 9 auf illegalen Websites, ein flimmernder Bildschirm und rote Augen und Werbung für Sexseiten, die ich wegdrücken musste, um die Serien sehen zu können.

Du willst ficken? Schlafe mit zehn willigen Frauen täglich!

Wenn man auf eines der Mädchen klickte, erschienen weitere, gespreizte Beine. Was dazwischen war, sah unnatürlich aus, rot und fleischig, als könnte man es braten und essen. Männer spritzten ab auf verdrehte Augen und geöffnete Münder.

Früher hatte ich gedacht, miteinander zu schlafen bedeute, sich zu lieben.

Ich klickte das Kreuzchen, während meine Mutter sagte: "Das klang doch anfangs so klasse dort ..."

Die barbusigen Mädchen, die breitbeinig dasaßen, zwei Finger in ihren rosa Höschen, und mich mit Schmollmund anblickten, verschwanden und ich sagte: "Es ist ja bald vorbei. Wie geht's dir?"

Meine Mutter hatte genauso wenig zu erzählen wie ich. Sie hatte Ausschlag von ihrer selbstgerührten Creme bekommen, eine Kollegin war gemein gewesen, die neuen Schuhe drückten an der Ferse und Rupert hatte ein neues Video, in dem er Fragen beantwortete. Sie würde mir den Link schicken.

Ich hob den Blick und sah hinüber zum Fenster, ein hell erleuchtetes Rechteck in diesen Bauklötzen aus Beton, meinem genau gegenüber, wie ein buntes Spiegelbild, dieselben Möbel, dieselbe Anordnung.

Ihr Leben sah genauso aus, wie ich mir meines ausmalte, nachts, wenn ich nicht schlafen konnte

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