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Die Kunst der Bestimmung Roman von Wunnicke, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2016
  • Verlag: Männerschwarm Verlag GmbH
eBook (ePUB)
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Die Kunst der Bestimmung

Verführung und Gegenwehr: der 'queere' Lord und der Meister der Bestimmung London im Jahre 1678. Die berühmte Royal Society, Gesellschaft zur Beförderung der experimentellen Gelehrsamkeit, bestellt den schwedischen Professor Dr. Simon Chrysander zum Kurator ihrer naturkundlichen Sammlungen. Dr. Chrysander ist ein Meister darin, die Dinge der Schöpfung zu bestimmen; seit dem Pfarrerssohn eines Tages der liebe Gott abhanden kam, ordnet er die Welt, stets auf der Flucht vor dem Chaos, nach den Gesetzen der Mathematik. Mit eisernem Besen kehrt er aus in der verlotterten Wunderkammer der Royal Society. Und macht sich damit nicht nur Freunde. Für Lord Fearnall, einen exzentrischen jungen Mann im Gefolge des Königs, ist die Welt eine Bühne. In immer neuen Rollen und Verkleidungen schlingert dieser frühe Vorläufer einer queeren Existenz durch die grandiose Wirrnis des barocken London, getrieben von der unklaren Sehnsucht nach einem Gegenüber, das ihn bändigt und erkennt. Als Lord Fearnall Dr. Chrysander begegnet, prallen zwei Welten aufeinander. Ein Spiel von Anziehung und Abstoßung, von Verführung und Gegenwehr beginnt. 'Ein klug kompoinierter, intelligenter und spannender Roman mit Sinn fürs Skurrile und philosophischen Tiefgang.' (Bayerischer Rundfunk zur Buchausgabe 2003) Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München. 2002 erhielt sie für ihre Biografie des Kastratensängers Filippo Balatri, 'Die Nachtigall des Zaren', den bayerischen Staatsförderpreis für Literatur. Für den Roman 'Serenity' bekam sie 2008 den Tukan-Preis. Ihr Roman 'Der Fuchs und Dr. Shimamura' kam auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 31.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863002138
    Verlag: Männerschwarm Verlag GmbH
    Größe: 920 kBytes
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Die Kunst der Bestimmung

I

"MIT DEM MORGENURIN", sagte Mr. Hooke bei der Sitzung der Royal Society am 15. Juli 1678, "habe ich heute einen Stein ausgeschieden, welcher jenem, den uns Sir William Throgmorton gütigst für das Kabinett überlassen hat, vielleicht in Größe und Gewicht ein wenig nachsteht, nicht aber in allgemeiner Merkwürdigkeit."

Josiah Blane, der Stenograph, nahm dies zu Protokoll. Er schrieb es in die Experimentalkladde und nicht in die Vermischten Bemerkungen, obschon Mr. Hooke den Stein nicht herzeigte. Er würde noch nach ihm schicken, dessen war sich Josiah gewiss, und dann wäre der Stein ein Ding und kein Wort mehr und gehörte somit in die empirischen Vermerke.

"Ich wüsste gerne", sagte Dr. Croune versonnen, "woher der Schleim der Aale kommt."

"In Kensington", sagte Mr. Aubrey, "wo einer im Pranger stand, leckten Hunde von seinem putriden Eiter und starben, und einem Mann, der die Schuhe eines Toten auftrug, faulten die Füße ab. Quid mirum, nicht wahr, und zum Wohl!"

Mr. Aubrey hob sein Glas. Er trank Wein, als Einziger, und er trug Rot, Feuerrot, wie ein junger Stutzer. Voriges Jahr hatte er Josiahs Horoskop gestellt und gesagt, er habe Geistesgaben. Dann hatte er ihm gezeigt, wie man mit der rechten Hand schreibt und mit der linken zeichnet. Einer mit Geistesgaben müsse vieles auf einmal tun. Mr. Aubrey konnte sogar reiten und zeichnen zugleich, und dabei noch denken und sprechen und trinken. Josiah schrieb die Sache mit dem Eiter nieder und zeichnete dabei, mit der Linken, Mr. Hooke. Er zeichnete ihn in ein Koordinatensystem, damit sein schiefer Wuchs besser zur Geltung kam. Seit er sich mit Mr. Newton über die Lichtbrechung gestritten hatte, wurde Mr. Hooke immer schiefer. Er trug schon keine Perücke mehr, weil sie rutschte. Er trug sein eigenes Haar, braun, lang und fettig. Sein Kopf war zu groß, sein Mund zu klein, seine Knochen drückten von innen gegen die Haut wie bei den morschen indianischen Affen, die im Kabinett ihrer Beschriftung harrten.

Mr. Hooke wusste alles. Mr. Hooke war die Royal Society. Die Royal Society war Mr. Hooke. Bisweilen träumte Josiah, Mr. Hooke verdopple und potenziere sich, bis lauter Hookes das Sitzungszimmer füllten, Allwissen und Affenknochen unendlich gespiegelt, als blicke Josiah durch das Prismenauge der Gemeinen Stubenfliege, wie es dargestellt war auf Mr. Hookes mikroskopischen Tafeln.

"Die Aufklärung der Herkunft des Schleimes an Aalen", bemerkte Dr. Croune, "läge mir durchaus am Herzen."

Josiah Blane setzte den Schleim der Aale auf die Liste der Disputanda und zeichnete gleichzeitig ein wenig schmeichelhaftes Membrum zwischen die Beine des Mr. Hooke. Josiah bewohnte eine Kammer, die Wand an Wand mit Mr. Hookes Schlafzimmer lag, oben im Ostflügel des Gresham College. Dort wurde er stets Zeuge von Mr. Hookes Erfreuungen. Bis zu drei Erfreuungen pro Nacht gelangen Mr. Hooke, mit Doll, seiner Magd, oder Grace, seiner Nichte. Letzte Woche hatte sich Mr. Hooke eine Totgeburt aus Blackfriars kommen lassen, wegen Gaumenspalte und doppelten Rückgrats. Die lag nun im Kabinett und stank. Josiah hätte sie gerne präpariert. Vielleicht wäre es ihm gelungen. Vielleicht zufriedenstellend. Vielleicht gut. Vielleicht hätte Mr. Hooke genickt. Vielleicht hätte er "brav" gesagt. Josiah Blane traute sich nicht zu fragen, ob er die Totgeburt aus Blackfriars präparieren dürfe.

"Der Trigonalaspekt zwischen Mars und Saturn begünstigt die Fäulnis", sagte Mr. Aubrey, "und ihre Konjunktion den trockenen Zerfall."

"Mein Stein ist pfriemenförmig, fast lanzettlich", berichtete Mr. Hooke, "eine gute halbe Drachme schwer, von hellgrüner Färbung, die Oberfläche warzig und kristallin. Ich trank Meerrettich-Bier, die Entleerung war schmerzlos. Der Stein ist überaus beachtenswert."

Josiah stenographierte, mit der Linken näherte er das Radiermesser Mr. Hookes abgebildeter Männlichkeit. Er saß allein an seinem Schreibpult

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