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Die Offenbarung Roman von Schneider, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.06.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Die Offenbarung

Das Mysterium der Musik. Am Heiligabend des Jahres 1992 entdeckt der Naumburger Organist Jakob Kemper im morschen Gehäuse der Kirchenorgel ein unbekanntes Oratorium von Johann Sebastian Bach: ein Jahrhundertfund, der sein Leben völlig aus der Bahn wirft. Je genauer der eigenbrötlerische Musikforscher und Organist die Melodien analysiert, desto Unerklärlicheres trägt sich zu. Bald ahnt er, dass die Partitur ein Geheimnis birgt: Sie ist nicht allein Musik, sondern vermag Erinnerungen an Vergangenes, Verdrängtes und Zukünftiges zu beschwören. Bach schien am Ende seines Lebens eine Art kosmisches Gesetz entdeckt zu haben, an dem die Seele des Menschen gesunden kann - oder in die tiefste Verzweiflung stürzen. Noch hält Kemper seinen Fund geheim. Doch dann treffen vier Experten der Bachgesellschaft ein - sie überwachen die Restaurierung der Orgel, auf der Bach selbst einmal gespielt hat - und die Geschichte nimmt einen rasanten Lauf ... Robert Schneider, der mit 'Schlafes Bruder' einen Welterfolg erzielte, eröffnet uns in diesem Roman durch seinen liebenswürdig verschrobenen Helden einen erstaunlichen Blick auf die Macht der Musik und nicht zuletzt auf den großen Meister Bach selbst. 'Robert Schneider bleibt ein Stilmagier.' Die Welt. 'Ein literarisches Glanzstück.' W. A. Z. 'Entwaffnender Humor, bissige Ironie und ein verblüffender Sinn für Situationskomik.' DeutschlandRadio Kultur Robert Schneider, geboren 1961, lebt als freier Schriftsteller in Meschach, einem Bergdorf im vorarlbergischen Rheintal. Sein Debütroman 'Schlafes Bruder' wurde zum Welterfolg (Übersetzungen in 32 Sprachen). Zuletzt erschienen die Romane 'Schatten' (2003), 'Kristus' (2004) und 'Die Offenbarung' (2007).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 285
    Erscheinungsdatum: 03.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841218810
    Verlag: Aufbau Verlag
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Die Offenbarung

"Wieso hast du die Vorhänge zugezogen?", fragte Eva, indem sie die Vorhänge aufzog.

"Er hat Dreck am Stecken", bemerkte der Vater.

Jakob schwieg, kniff die Lider zusammen und stöhnte, weil ihn das Tageslicht schmerzte.

"Sieht schon viel gemütlicher aus", fuhr Eva fort, wobei sie die Arme zum Kopf hob und ein Hohlkreuz machte, so dass Jakob unweigerlich auf ihre Brüste sehen musste, die sich groß und rund unter dem T-Shirt abzeichneten. Evas Augen blitzten kurz auf, weil sie erreicht hatte, was sie wollte.

"Das sind also alles Noten", wiederholte der Vater. "Nicht ein Buch über Geschichte."

"Ich kann euch nichts anbieten", entgegnete Jakob hastig, um vom verhassten Thema abzulenken.

"Anbieten konntest du noch nie etwas."

"Walter, bitte!", zischte Eva.

"Wie gesagt: Es ist nichts im Haus", sagte Jakob und ignorierte den Sarkasmus des Vaters.

"Bloß keine Umstände!", beruhigte Eva ihn. "Setz dich einfach zu uns. Weißt du, wir haben uns richtig Sorgen gemacht."

"Der Junge", sprach der Vater unbeirrt weiter, "ist da zum Glück ganz anders. Das ist ein richtiger Kemper. Der hat Rasse. Und zäh ist er wie ..."

Eva schnitt ihrem Mann das Wort ab. "Macht Leo gute Fortschritte im Klavierspielen? Man sagt, dass die musischen Fächer wieder sehr im Kommen sind, von daher."

"Wir sind zufrieden", antwortete Jakob. "Nicht wahr, Leo?"

Der Junge nickte und drehte sich weg. Jakob konnte nicht länger seinen Gesichtsausdruck studieren, um herauszufinden, auf welcher Seite Leo nun wirklich stand. Auf der Seite der Bachgesellschaft oder auf seiner, Jakobs, Seite.

"Der Kleene hat einen Mordsspaß mit dem Dings ... Boydings!", sagte Eva nach einer Weile, um das peinliche Schweigen zu durchbrechen, das entstanden war. "Hier ist es aber wirklich ungemütlich. Jakob, warum heizt du nicht?"

"Um die Kempersche Rasse abzuhärten. Nicht wahr, Vater?", erwiderte er, und seine ansonsten ruhigen braunen Augen wurden giftig.

"Jakob! Sollst du so mit deinem Vater reden? Walter liebt dich. Er liebt dich wirklich. Wann werdet ihr endlich Frieden machen?"

"Beim Zapfenstreich im Rosengarten", sagte der Vater mit einer wegwerfenden Handbewegung in Richtung Eva, "wird man dich vermutlich nicht sehen."

"Bestimmt nicht!", antwortete Jakob und lachte dabei fast schmerzlich laut heraus.

"Was gibt es da zu lachen? So ein Fackelzug ist was Erhebendes. Leo wird zum ersten Mal die Fackel tragen. Schöne, stramme Sache."

Es entstand wieder ein bleiernes, fast unerträglich langes Schweigen. Eva blickte immerzu auf die chinesische Porzellanuhr über Tschaikowskys Klavier. Leo spielte mit dem Gameboy, und der Alte starrte, die Hände auf dem Rücken, zum Erkerfenster hinaus. Plötzlich erinnerte sich Eva, dass sie einen wichtigen Anruf machen wollte. Zu dumm, dass Jakob noch immer kein Telefon besitze, sagte sie erleichtert und stand vom Sofa auf, dann hätte sie von hier anrufen können. Es sei wirklich schade, dass man sich so selten sehe, wo man so nahe beieinander wohne, von daher...

Etwas überstürzt trat die Familie Kemper den Heimweg an. Zwar verstand der Vater die Eile seiner Frau nicht, wusste auch von keinem Anruf, fügte sich aber.

Im Weggehen zwinkerte Leo dem Bruder vielsagend zu. Jakob wusste nicht, wie er es deuten sollte. War es als Zeichen ihrer Komplizenschaft gedacht, oder war es als Warnung zu verstehen?

Jakob wollte gerade die Wohnungstür schließen, als er im Treppenhaus Eva keifen hörte.

"Walter, mit deiner braunen Scheiße gehst du mir langsam auf den Keks!"

Kemper spitzte die Ohren, vernahm keinen Laut von Verteidigung. Der Alte musste Eva völlig verfallen sein. Andererseits war sie ihm verfallen. Davon war er ebenfalls überzeugt.

"Primaten!", flüsterte er.

Aufatmend drehte er den Schlüssel herum und rückte den Garderobenschrank wieder vor die Tür. Er fühlte sich auf einmal stark

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