text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die schöne Gegenwart Roman von Ossowski, Leonie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die schöne Gegenwart

"Die schöne Gegenwart" ist die berührende Geschichte von Nele, einer reifen Frau, die am Scheideweg ihres Lebens steht. Da legt ihr der Zufall eine große Erbschaft in den Schoß - und Nele beginnt ihren späten Traum vom "weißen Haus", einer illustren Senioren-WG, in die Tat umzusetzen. Leonie Ossowski erzählt von Freiheit, Fantasie und Unabhängigkeit. Und davon, wie man den Wert des eigenen Lebens erkennt. Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, ist Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und zuletzt mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als "Dichterin der Menschlichkeit" einen Namen gemacht. Seit 1980 lebt Leonie Ossowski in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492972642
    Verlag: Piper
    Größe: 2374kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die schöne Gegenwart

Wären die Spiegel in meiner Wohnung von einem Tag auf den anderen blind geworden, ich hätte es nicht bemerkt. Ich sah nicht hinein. Ich nahm mich nicht mehr wahr und schien mir auf beängstigende Weise fremd geworden zu sein.

Wie siehst du denn aus, hatte Susan nach meiner Veränderung zu mir gesagt und mitleidig die Nase gerümpft, während sich Hannes für eine wortlose Umarmung entschied. Ich hatte weder die Frage noch die Umarmung meiner längst erwachsenen Kinder beantwortet, sondern nur die Schultern und ein wenig die Augenbrauen angehoben, was soviel wie: Ich will nicht mit euch darüber reden, bedeuten sollte. Unser wöchentliches Zusammensein wurde immer schweigsamer und verkürzte sich von Mal zu Mal, bis Susan Ausreden erfand. Sie müsse für ihr Sprachstudium lernen, sagte sie am Telefon, und ich möge ihr verzeihen. Ein andermal war es Felix, ihr neuer Freund, ein Fernsehmoderator, der nur an diesem Tag frei habe. Ich zeigte weder Enttäuschung noch Verständnis, mir war es egal.

Hingegen versäumte mein Sohn nicht eine Verabredung mit mir. Ständig war er um mich besorgt, wollte wissen, ob in der Wohnung alles in Ordnung sei, holte mir Sprudelwasser, bepflanzte, ohne mich zu fragen, die Blumenkästen, trug den Müll herunter, wenn er mich besuchte, und behandelte mich wie eine Achtzigjährige, obwohl ich erst neunundsechzig war. Ich ließ mir alles gefallen, sagte weder danke noch bitte und war froh, wenn er wieder ins Geschäft mußte. Erst als er eines Tages vorschlug, sich auch um meine Finanzangelegenheiten zu kümmern, protestierte ich. Ob er vielleicht glaube, ich sei nicht mehr zurechnungsfähig, fauchte ich und erschrak über meinen Ton. Hannes errötete, senkte den Kopf und behauptete kleinlaut, doch nur mein Bestes zu wollen.

Da ich es nicht fertig brachte, ihm zu sagen, daß mir seine Fürsorge auf die Nerven ging, täuschte ich Kopfschmerzen vor und bat ihn zu gehen. Er merkte wohl nicht, daß ich ihn belog, sondern zeigte sich besorgt und verließ nur ungern meine Wohnung.

Am Abend wolle er mich anrufen, sagte er, und mir blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, atmete ich auf und setzte mich, ohne das Licht anzumachen, in meinen Lesesessel am Fenster.

Die Wohnung, die ich vor einem halben Jahr bezogen hatte, bestand aus drei großen Zimmern, Balkon, Bad und Küche. Die Fenster reichten bis zum Boden und gingen auf einen Park mit alten Bäumen hinaus. Fred hatte sie nicht nur für mich gemietet, er hatte mir auch die Einrichtung zur Verfügung gestellt. Entweder könne ich mir aus der gemeinsamen Wohnung mitnehmen, was ich wollte, hatte er gesagt, oder aber ich könnte mich komplett mit Möbeln aus der Firma ausstatten. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Nicht ein Teller, geschweige denn Bett, Stuhl oder Tisch sollte mich an meine vierzigjährige Ehe mit Fred erinnern. Wenn alles neu ist, dachte ich, würde ich über die Trennung und den Verlust meiner Position im Einrichtungshaus leichter hinwegkommen.

Wir hatten kurz vor unserer Hochzeit mit einem kleinen Möbelgeschäft angefangen, hatten uns dank unseres Fleißes, mit Umsicht und Energie mehr und mehr vergrößert, bis wir schließlich gemeinsam ein Möbelhaus von Rang, Namen und Geschmack besaßen, in dem es über mehrere Stockwerke alles zu besichtigen und zu kaufen gab, was des Menschen Herz begehrte, wenn es galt, ein Haus oder eine Wohnung einzurichten. Ich kümmerte mich um das Personal und betreute Großkunden, während Fred von Anfang an Chef und Besitzer des Unternehmens war. Selbst nach der Geburt von Hannes und Susan arbeitete ich weiter im Geschäft und glaubte bis vor einem halben Jahr, als rechte Hand von Fred unersetzlich zu sein. Was für ein Irrtum.

Wenn ich nur daran denke, mit welcher Zärtlichkeit Fred nach der Einweihung des Firmenhauses zu mir sagte, daß er ohne mich nie dahin gekommen wäre, wo er jetzt sei. Wie er mich in den Arm genommen u

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen