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Die verborgenen Stimmen der Bücher Roman von Collins, Bridget (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Die verborgenen Stimmen der Bücher

Jeder braucht eine Geschichte - auch wenn es schmerzhaft ist. Emmett Farmer arbeitet auf dem Hof seiner Eltern, als ein Brief ihn erreicht. Er soll bei einer Buchbinderin in die Lehre gehen. Seine Eltern, die wie alle anderen Menschen Bücher aus ihrer Welt verbannt haben, lassen ihn ziehen - auch weil sie glauben, dass er nach einer schweren Krankheit die Arbeit auf dem Hof nicht leisten kann. Die Begegnung mit der alten Buchbinderin beeindruckt den Jungen, dabei lässt Seredith ihn nicht in das Gewölbe mit den kostbaren Büchern. Menschen von nah und fern suchen sie heimlich auf. Emmett kommt ein dunkler Verdacht: Liegt ihre Gabe darin, den Menschen ihre Seele zu nehmen? Nach dem plötzlichen Tod der Buchbinderin erkennt der Junge, welch Wohltäterin sie war - und in welche Gefahr er selbst geraten ist... Ein unvergleichliches Buch über die Macht der Erinnerung, verbotene Liebe und darüber, was das Menschsein bedeutet: Geschichten zu erzählen. Bridget Collins hat an der London Academy of Music and Dramatic Art studiert. Sie hat bisher mehrere Romane geschrieben sowie zwei Stücke, die beim Edinburgh Festival uraufgeführt wurden. "Die verborgenen Stimmen der Bücher" wurde in mehrere Länder verkauft.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 15.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841217042
    Verlag: Aufbau Verlag
    Originaltitel: The Binding
    Größe: 4737 kBytes
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Die verborgenen Stimmen der Bücher

1

Als der Brief kam, band ich draußen auf dem Feld die letzte Weizengarbe mit Händen, die so sehr zitterten, dass ich den Knoten kaum fertig brachte. Ich war schuld daran, dass wir auf die altmodische Weise arbeiten mussten, und ich würde, verdammt, nicht aufgeben. Ich hatte mich durch die Nachmittagshitze gekämpft, die dunklen Flecken weggeblinzelt, die am Rand meines Gesichtsfelds aufflackerten. Die Nacht zog herein, und ich war fast fertig. Die anderen waren aufgebrochen, als die Sonne unterging, hatten mir über die Schulter hinweg zum Abschied zugerufen, und ich war froh darüber. Zumindest war ich nun allein und musste nicht so tun, als könne ich mit ihnen mithalten. Ich machte weiter, versuchte nicht daran zu denken, wie leicht alles mit der Erntemaschine gewesen wäre. Ich war zu krank gewesen, um die Maschinen zu überprüfen - nicht dass ich mich an viel erinnerte, was zwischen den immer wieder kurz aufblitzenden Augenblicken von Klarsichtigkeit lag. Für mich bestand der Sommer nur aus Echos und Geistern und dunklen, schmerzenden Lücken. Es hatte auch niemand sonst daran gedacht, nach der Maschine zu sehen. Jeden Tag stolperte ich über eine andere Aufgabe, die nicht erledigt war; mein Vater hatte sein Bestes gegeben, aber er konnte ja nicht alles schaffen. Meinetwegen würden wir das ganze Jahr in allem hinterherhinken.

Ich zog die Stängel fest um die Mitte der Garbe und lehnte sie gegen die anderen. Fertig. Nun konnte ich nach Hause gehen ... Doch rings um mich pulsten und wirbelten Schatten, tiefer als das blaue Violett der Abenddämmerung, und mir zitterten die Knie. Ich ließ mich in die Hocke sinken, keuchte vor Schmerzen in allen Knochen. Es war schon besser als sonst - besser als die schwindelerregenden Krämpfe, die mich monatelang immer wieder ohne Vorwarnung überfallen hatten -, doch ich fühlte mich noch so spröde und zerbrechlich wie ein alter Mann. Ich biss die Zähne zusammen. Ich war so schwach, dass ich hätte heulen mögen; aber das würde ich nicht, eher würde ich sterben, obwohl das einzige Auge, das mich beobachtete, der volle, runde Herbstmond war.

"Emmett? Emmett!"

Es war nur Alta, die sich zwischen den Korngarben hindurch auf mich zuschlängelte; ich rappelte mich auf und versuchte, das Schwindelgefühl zu unterdrücken. Über mir wankten die wenigen Sterne erst hierhin, dann dorthin. Ich räusperte mich. "Ich bin hier."

"Warum hast du nicht einen von den anderen gebeten, das fertig zu machen? Ma hat sich solche Sorgen gemacht, als die anderen die Gasse entlangkamen und du nicht dabei ..."

"Sie hat keinen Grund zur Sorge. Ich bin doch kein Kind mehr." Mein Daumen blutete, wo ein scharfer Halm in die Haut eingedrungen war. Das Blut schmeckte nach Staub und Fieber.

Alta zögerte. Vor einem Jahr war ich so stark gewesen wie all die anderen. Jetzt schaute sie mich mit schief gelegtem Kopf an, als wäre ich jünger als sie. "Nein, aber ..."

"Ich wollte den Mond aufgehen sehen."

"Ja, sicher." Im Zwielicht wirkten ihre Züge weicher, aber ich sah trotzdem, wie überlegt sie mich anschaute. "Wir können dich nicht dazu zwingen, dich auszuruhen. Wenn dir nichts daran liegt, gesund zu werden ..."

"Jetzt redest du schon wie sie. Wie Ma."

"Weil sie recht hat. Du kannst nicht erwarten, dass du mit einem Schlag wieder so bist, als wäre nichts geschehen. Nachdem du so krank warst."

Krank. Als hätte ich mit einem Husten oder mit Erbrechen oder von Pusteln übersät das Bett gehütet. Selbst durch den Nebel meiner Alpträume hindurch konnte ich mich an mehr erinnern, als ihnen bewusst war; ich wusste um das Schreien und die Halluzinationen, um die Tage, an denen ich nicht zu weinen aufhören konnte oder niemanden erkannte; um die Nacht, als ich mit bloßen Händen das Fenster eingeschlagen hatte. Ich wünschte, ich hätte mir wirklich tagelang hilflos die Eingeweide aus dem Leib und in den Nachttopf geschi

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