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Die verlorene Schwester Roman von Winterberg, Linda (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.11.2018
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Die verlorene Schwester

Das Leben, von dem wir träumten. Bern, 1968: Nach dem Tod des Vaters werden die Schwestern Marie und Lena der kranken Mutter von der Fürsorge entrissen. Die Mädchen werden getrennt und an Familien 'verdingt', bei denen sie schwer arbeiten müssen. Als sich die ältere Marie verliebt und schwanger wird, nimmt man ihr das Kind fort. Sie schafft es, sich ein Leben in Freiheit zu erkämpfen, doch der Gedanke an das Kind und an ihre Schwester lässt sie nie mehr los. Erst Jahre später findet sich eine Spur, die nach München führt - und eine Geschichte unermesslichen Leids offenbart. Ein ergreifender Roman über die Verdingkinder der Schweiz, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht. Nach historischen Fällen erzählt.

Hinter Linda Winterberg verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus und begann schon im Kindesalter erste Geschichten zu schreiben, ganz besonders zu Weihnachten, was sie schon immer liebte. Bei atb liegen von ihr die Romane "Das Haus der verlorenen Kinder", "Solange die Hoffnung uns gehört" und 'Unsere Tage am Ende des Sees' vor.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 09.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841216076
    Verlag: Aufbau Verlag
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Die verlorene Schwester

Kapitel 2

BERN, OKTOBER 1969

Lena lief neben ihrer Freundin Franzi und streckte ihre Nase der Sonne entgegen. Allzu lange würde diese wohl nicht mehr scheinen. Eine dicke Wolkenwand am Horizont kündigte Regen an. Die beiden Mädchen waren auf dem Rückweg vom Bärenplatz, wo Franzis Vater einen Kiosk hatte. Franzi brachte ihm jeden Tag um zwei seine Mittagssuppe, wobei Lena sie häufig begleitete. Franzis Vater, ein rundlicher Mann mit Nickelbrille, schenkte den Mädchen oft ein Karamellbonbon, manchmal sogar bunte Aufkleber oder ein Comic-Heft der letzten Woche. Heute war einer dieser Tage gewesen. Zwei Comic-Hefte hatte er Lena geschenkt, eines für sie und eines für ihre Schwester Marie. Dazu zwei Karamellbonbons, von denen eines gerade auf Lenas Zunge zerging. Lena gefiel der Zeitungskiosk, der mit seinen vielen Zeitungen und Illustrierten so schön bunt war. Sie mochte auch die Tauben, die auf dem Dach des runden Häuschens saßen und gurrten. Franzis Vater hingegen nannte die Vögel "Ratten der Lüfte" und scheuchte sie fort, da sie ihm auf die Zeitungen machten und ihm das Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes versauten. Der Verkaufsstand war schon lange in Familienbesitz. Vermutlich würde auch Karl, Franzis Bruder, Zeitungen verkaufen, weshalb seine Schwester neidisch auf ihn war, die das Geschäft selbst gern weitergeführt hätte. Aber innerhalb der Familie Gruber wurde der Kiosk nur an Männer weitergegeben. Allerdings fand Karl, der einige Jahre älter als Franzi war, die Aussicht, Zeitungen zu verkaufen, völlig uninteressant. Er schraubte lieber an Autos herum und hasste es, wenn er im Geschäft helfen musste. Franzi hoffte darauf, dass ihr Vater doch noch ein Einsehen hätte und ihr den Kiosk überließe. Allerdings war sie genau wie Lena erst elf Jahre alt, und es würde noch viel Wasser die Aare hinunterlaufen, bis es so weit wäre, und die beiden Mädchen hatten ein anderes Thema.

"Im Bäckerladen reden sie über dich und Marie", sagte Franzi. "Die Stellmacherin und die Großackerin. Sie sagten, dass was passieren muss und es so nicht weitergehen kann. Ihr würdet verwahrlosen. Und andere Frauen würden auch ihren Mann verlieren und sich nicht so anstellen."

"Sollen sie doch reden", antwortete Lena und reckte das Kinn nach vorn. "Mama geht es schon viel besser." Franzi warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, der alles sagte. "Na gut. Fast besser", gab sie zu. "Aber gestern hat sie Marie immerhin angelächelt, als sie ihr die Suppe brachte."

"Aber sie redet noch immer nicht, oder?", fragte Franzi.

Lena schüttelte den Kopf und spürte einen Kloß im Hals. Gleich würde sie heulen, und das wollte sie nicht. Niemand sollte wissen, wie verzweifelt sie war. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr war ihr Leben ein anderes geworden. Ihre Mutter hatte sich sehr verändert. Sie redete nicht mehr, schlich wie ein Geist durchs Haus und kümmerte sich um nichts. Es schien, als wäre sie mit Papa gestorben. Ihre Schwester Marie meinte, die Traurigkeit der Mutter würde gewiss enden und bald schon würde sie sich wieder um ihre beiden Töchter kümmern. Lena wollte so gern daran glauben, doch besonders in der letzten Zeit zweifelte sie immer häufiger daran. Und der Bericht ihrer Freundin befeuerte ihre Ängste noch mehr. Kinder, die verwahrlosten, kamen ins Heim und wurden verdingt. Das wusste Lena von Martin aus der Nachbarschaft, der hatte einen Freund, der im Heim gewesen war und nun bei Martins Vater im Laden arbeitete und bei ihnen wohnte. Sein Name war Simon, und seine Mutter war eine Hure, jedenfalls sagte Martin das. Und damit Simon nicht verwahrloste, sei er ins Heim gekommen und wurde verdingt, wie man es nannte, wenn die Heimkinder arbeiten gingen.

Aber Lenas Mutter war keine Hure, und sie verwahrlosten auch nicht.

"Die Stellmacherin soll mal schön still sein, das alte Tratschweib", sagte Lena. "Ständig hat sie bei uns anschreiben lassen, und nicht nur einmal hat Papa nachfragen m

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