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Die weißen Inseln der Zeit Lektüren, Orte, Bilder. von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Die weißen Inseln der Zeit

Von magischen Momenten an ungewöhnlichen Orten Hanns-Josef Ortheil erzählt von den Orten seines Lebens. Er berichtet von fesselnden Lektüren, von Bildern und Klängen, die ihn verzaubert haben. Vor unseren Augen lässt er ein Selbstporträt entstehen, das ihn als einen Enthusiasten der Kunst und als einen Entdecker zeigt, der unser Leben auf seine verborgenen Kräfte hin untersucht. Die Taschenbuchausgabe ist vom Autor um wichtige Texte erweitert worden, die seit der gebundenen Ausgabe des Buches erschienen sind und für einiges Aufsehen gesorgt haben. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 30.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641187873
    Verlag: btb
    Größe: 1605 kBytes
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Die weißen Inseln der Zeit

Meine Eltern und ich

I ch wurde am 5. November 1951 in Köln geboren, meine Eltern wohnten damals im Norden der Stadt, in Köln-Nippes, am großen Erzbergerplatz, der heute wieder von alten, schön renovierten Mietshäusern aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg umsäumt wird.

Köln war nicht die Heimatstadt meiner Eltern, aber es war die Stadt, in der sie sich zeitlebens am wohlsten fühlten. Mein Vater hatte nach seinen Kriegssoldatenjahren in Köln eine Anstellung bei der Bundesbahn gefunden, von Beruf war er Geodät oder, wie er sagte, "Landvermesser". In den Diensten der Bahn vermaß er Strecken, berechnete Tunneldurchbrüche und entwarf Brücken, er hatte eine Leidenschaft fürs Detail, fürs Exakte, für die ästhetische Zeichnung, für Millimeterpapier, Zirkelkästen und gut gespitzte Bleistifte. Wenn ich ihn zeichnen könnte, sähe man ihn auf einem drehbaren, arm- und lehnlosen Schemel vor einer weißen Tischplatte, die von einer tief hängenden Lampe beleuchtet wird. Vater beugt den Oberkörper über die Platte, die Zungenspitze wischt nervös über die Unterlippe, der Zirkel kreist auf dem hauchdünnen Papier, das sich an beiden Seiten zusammenrollt. Es ist still, niemand stört ihn, es ist die Stunde der Geometrie.

Meine Eltern kamen aus dem Siegerland, aus dem kleinen Ort Wissen an der Sieg, kaum fünfzig Kilometer östlich von Köln. Siegerland, sage ich, aber eigentlich müßte ich Nördlicher Westerwald sagen, denn meine Eltern, besonders aber mein Vater, der mit zehn Geschwistern auf einem großen Bauernhof aufgewachsen war, verstanden sich als Westerwälder.

Westerwälder - das sind die schwarz gekleideten, in sich gekehrten und landtreuen Menschen auf den Fotografien August Sanders, Bauern auf dem Sonntagsspaziergang zur Kirche, Frauen mit dunklen Kopftüchern, gezeichnet von vielen Geburten, Kinder, ängstlich und maulfaul, in einer dichten Traube um die auf zwei Stühlen thronenden Eltern geschart. So existieren sie auf meinen inneren Bildern als Gestalten der Vorzeit, als Gestalten der archaischen Gesten und Jahreszeiten, fromm, katholisch, die Männer oft mit breiter Stirn, störrisch, unbeirrbar, eine Sippe, die daheim blieb, jahrhundertelang, und nie aufgestört wurde von Eindringlingen oder Fremden.

Die Eltern meines Vaters waren Bauern, der große Hof lag an der Nister, einem Nebenflüßchen der Sieg, zum Hof gehörte eine Gastwirtschaft, all das gibt es heute noch, und drinnen, hinter der Theke der Gastwirtschaft, steht heute mein Vetter Johannes und begrüßt die Gäste.

Die Eltern meiner Mutter aber waren Kaufleute und hatten, wie es hieß, "ein großes Geschäft", anfangs Spedition, dann Baustoffe, Kohlen, Öl und vor allem alles, was die Bauern brauchten, die mit ihren Traktoren vorfuhren, um de Säucher zu wiegen.

Zwischen dem Hof meines Vaters und dem Elternhaus meiner Mutter, das im alten Teil von Wissen, nahe der Kirche, steht, sind meine Eltern, seit sie sich kennengelernt hatten, hin und her geeilt, meist zu Fuß oder auf Fahrrädern. Meine Mutter hat in der Gastwirtschaft ausgeholfen, und mein Vater saß sonntags am Mittagstisch seiner späteren Schwiegereltern, dunkel gekleidet, der einzige Studierte weit und breit, seiner Passion nach aber ein Jäger oder ein Förster, witterungsabhängig, naturbegeistert, einer, der in Naturbildern dachte.

Da, wo meine Eltern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, haben sie sich in den fünfziger Jahren ein Haus gebaut, gleich weit entfernt von beiden Elternhäusern. Lange Zeit war das Haus vermietet, solange sie, wie es hieß, "unterwegs", in der Fremde, waren.

Doch Anfang der siebziger Jahre haben sie sich dort wieder niedergelassen, von wo sie 1939, im Jahr des Kriegsbeginns, "in die Welt" aufgebrochen waren.

Sie bezogen ihr Haus, sie waren wieder angekommen im warmen Kreis der Verwandten und Freunde, und an den S

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