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Drei tränenlose Geschichten von Hackl, Erich (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Drei tränenlose Geschichten

Die Geschichte des Häftlings und "Lagerphotographen" von Auschwitz, Wilhelm Brasse. Eines seiner Fotos ging um die Welt. - Aufstieg, Enteignung, Flucht und Widerstand der jüdischen Familie Klagsbrunn. - Und die Spurensuche nach der Österreicherin Gisela Tschofenig, die ihre Trauung in Dachau feiern musste. Drei Geschichten, die sich an Fotografien entzünden und diese doch übertreffen, denn sie machen das Abgebildete wieder lebendig. Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und ein paar Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Madrid und Wien. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß Abschied von Sidonie

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257604122
    Verlag: Diogenes
    Größe: 1684 kBytes
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Drei tränenlose Geschichten

[7] Familie Klagsbrunn

Vorschein einer Geschichte

1

Ein Stammbaum fehlt, deshalb müssen wir uns dringend an das Foto halten, auf dem sie uns, aus der Entfernung eines Jahrhunderts, betrachten. Ignaz Klagsbrunn, das Familienoberhaupt, freundlich, gelassen oder gar mit einem ironischen Lächeln unter dem gepflegten Schnurrbart. Mit der rechten Hand hält er seine Enkeltochter Flora am Arm, die linke liegt auf dem runden verschnörkelten Tisch, auf den sich auch seine Frau Johanna stützt, die Rosi, das zweite Enkelkind, auf den Schoß genommen hat. Johanna Klagsbrunn, geborene Thieberg, hat dunkles, kräftiges, durch einen Mittelscheitel mühsam gebändigtes Haar, während das helle ihres Mannes dünn und an den Schläfen schon gelichtet erscheint. Zwei Menschen mit überraschend zeitnahem, heutigem Aussehen, die zufrieden wirken, aber weder abgeklärt noch aufgespalten in eine autoritäre Stirn, ein duldsames Herz. Und erstaunlich jung noch. Im besten Alter.

Um das Ehepaar sitzen oder stehen in einem angedeuteten Halbkreis alle elf Kinder. Vorne, auf roh gezimmerten Gartenstühlen, die zwei ältesten, die Töchter Lola und Bertha. Schräg hinter ihnen, einander in Statur, Haarschnitt, Bartgestrüpp zum Verwechseln ähnlich, ihre Männer Karl [8] Goldstein und Benno Ostiller. Doktoren beide, der gesamten Heilkunde, außerdem Nachbarn im selben Haus, Leopoldsgasse 51, in dem sie ihrem Beruf nachgehen. Auffallend, wie weit Bertha Ostiller sich zurückgelehnt, die Unterarme dabei hinter den Rücken geschoben hat, die ungewöhnliche Haltung und die Andeutung einer Wölbung unter dem weiten bodenlangen Kleid bringen uns auf den Gedanken, daß sie schwanger sein könnte.

Es fällt nicht schwer, die Söhne Klagsbrunn und die Schwiegersöhne (der dritte, Sidas Ehemann Johann Frey, trägt Kneifer und Knebelbart) auseinanderzuhalten, denn die einen sind, wie auch die Töchter, der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten: die dunklen Augen, der schwermütige Blick, der widerspenstige Haarschopf. Nur Josef und Hugo, die beiden ältesten Söhne, ähneln auch dem Vater, weniger im Aussehen als im wohlwollenden Interesse, das sie dem Fotografen, oder seiner Plattenkamera, entgegenbringen. Aber an Aufmerksamkeit läßt es ohnehin niemand fehlen. Vielleicht, daß Cilla, die jüngste Tochter, ein wenig verdrossen dreinschaut. Oder ungeduldig, weil sie für ihren Geschmack schon zu lange stillhalten muß.

Keiner von ihnen lächelt, weder Bruno, der vierzig Jahre später samt seiner Frau Grete in einem Außenlager des KZ Jasenovac umkommen wird, noch Samek, von dem wir lesen, daß er seit 1938 verschollen ist, noch Molo (d. i. Maximilian), der in der Wiener Innenstadt eine Zahnarztpraxis führen, dann mit seiner Frau Frieda nach Shanghai flüchten, schließlich in San Francisco bettelarm sterben wird, noch Noli (Dietrich Arnold), der mehr als fünf Jahrzehnte später ebenso hartnäckig wie erfolglos die Rückstellung oder Abgeltung [9] der Geräte und sonstigen Einrichtungsgegenstände verlangen wird, die die Kaufleute Josef Prossnitz und Theodor Partik im September 1942 aus seiner Dentistenordination in Wien-Mariahilf entfernt haben. Geraubt, besser gesagt, und weil man ihnen zugesteht, "über Auftrag der ehem. Vermögensverkehrsstelle" gehandelt zu haben, wird das österreichische Bundesministerium für Finanzen keinen Anlaß sehen, dem Rückstellungsbegehren stattzugeben.

Auch Leo lächelt nicht, der Zweitjüngste der Familie. Er steht in der letzten Reihe, vor der Terrassentür mit den spiegelnden Scheiben, und trägt einen hohen Stehkragen, der ihn wie eine Halskrause umschließt. Er ist zum Zeitpunkt der Aufnahme sechzehn Jahre alt.

2

In Rio de Janeiro bin ich seinem Enkel vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal begegnet. Die Universidade Federal Fluminense, deren Campus in Niterói liegt, auf

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