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Dunkler Weg zum Teich Roman von Haas, Jean-François (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.09.2015
  • Verlag: Lenos Verlag
eBook (ePUB)
17,99 €
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Dunkler Weg zum Teich

Ein Dorf in der französischen Schweiz der frühen sechziger Jahre. In den Felsen und am Teich im Wald spielen Jungs Abenteuer- und Soldatenspiele. Die Kriegserzählungen ihrer Väter und Grossväter beflügeln ihre Phantasie und erfüllen die erinnerungsschweren Orte mit Faszination und Schauer. Ihre Entdeckerlust führt sie auch zu den geheimnisvollen "Tschinggen", den italienischen Saisonarbeitern in der Barackensiedlung unweit des Dorfes, über die in der Molkerei Schauergeschichten erzählt werden. Doch fast ebenso suspekt ist der Dorfgemeinschaft die junge Myriam, deren Mutter sich in der Stadt prostituiert. Das Waisenhaus platziert das zwölfjährige Mädchen bei den meistbietenden Bauern, wo es schamlos ausgenutzt und sexuell belästigt wird. Als ein mysteriöser Mord das Dorf erschüttert, geraten auch die Jugendlichen in den Sog von Fremdenhass und moralischem Dünkel, dem die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit zum Opfer zu fallen droht. Der Roman verführt in eine poetische Welt voller Spannung und kindlicher Phantasie, er erzählt von der Adoleszenz in einer von Ausgrenzung und Angst geprägten Dorfgemeinschaft und entwirft ein authentisches Bild der ländlichen Schweiz in der Nachkriegszeit. Für seinen Roman wurde Jean-François Haas 2013 mit dem Prix Lettres frontière ausgezeichnet. Jean-François Haas, geboren 1952, arbeitete als Lehrer. 2007 wandte er sich dem Schreiben zu. Für seinen ersten Roman 'Dans la gueule de la baleine guerre' wurde er mit dem Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. 'Dunkler Weg zum Teich' ist sein dritter Roman. Der Autor lebt im Kanton Freiburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 376
    Erscheinungsdatum: 18.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783857879364
    Verlag: Lenos Verlag
    Größe: 3812 kBytes
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Dunkler Weg zum Teich

1

Mein Urgrossvater, an jenem 1. Februar 1871 ein blutjunger Schweizer Soldat, eingesetzt bei Les Verrières an der Grenze zu Frankreich, hatte einen sterbenden jungen französischen Soldaten in die Arme genommen ("man kann ihn ja nicht im Schnee krepieren lassen wie ein Tier"), einen von den 87 847 gewissenhaft gezählten Männern, die seit fünf Uhr morgens ihre Waffen, Trommeln, roten Käppis in verschlammten Löchern und Schneewehen am Wegrand niederlegten, zu Füssen von warm angezogenen, gutgenährten Kriegern, die vom Schrecken des Krieges nicht berührt waren, und das sollte nun drei Tage lang so weitergehen für diese Soldaten in Lumpen, eine schlafwandelnde Truppe, sprachlos, benommen, ausgehungert, frierend, erstarrt, hier und da von krapproten Flecken gezeichnet in der fahlen Kälte, eine Truppe, die einmal die Ostarmee gewesen war, hastig zusammengestellt während der völligen Auflösung, um noch einmal zu kämpfen, und die jetzt zerrann in einem langen chaotischen Strom, durcheinandergewürfelt, mutlos, verzweifelt (und manche liessen sich sogar - ich meine sie in mir zu spüren - in den Schnee fallen, um zu sterben), nachdem sie auf Befehl von General Bourbaki vergeblich in einem vollkommen zerrütteten, zerstörten, besiegten Land gekämpft hatten, erfolgreich zwar durch den Sieg bei Villersexel, aber wozu?, einen Sieg für einen einzigen Tag (wie die Remission in einem Körper, in dem der Tod überall voranschreitet), ehe sie geschlagen wurden und schliesslich bei der jungen Schweizerischen Eidgenossenschaft um Asyl bitten mussten, woraufhin diese, indem sie ihre Spitäler, Kirchen und Scheunen für die im Schnee zerfallende, zersprengte, gescheiterte Armee öffnete, ihr Bild von einer humanitären Insel im Herzen Europas feierlich erschuf. Und wenn wir uns im Familienkreis an diese Geschichte erinnerten, sagte meine Mutter zum Abschluss jeweils: "Und er hat ihm die Augen geschlossen", was mich dann immer wunderte: Hat man wirklich die Augen offen, wenn man tot ist? Es stimmte jedoch, denn als ich einmal gleich nach dem Aufstehen unsere alte Katze tot in ihrem Schlafkarton fand, da waren ihre Augen weit offen, die schwarzen Pupillen, die mich nicht mehr sahen, erweitert, erstarrt in einer unseren armseligen Augen unzugänglichen Ferne (ich mochte noch so weinen ...), einer unendlichen Abwesenheit, einem Anderswo, in dem ich sie nie mehr antreffen würde.

Bei allen Toten jedoch, die ich gesehen habe (und auch bei meinem grossen Bruder, gestorben mit elf Jahren, als ich gerade neun werden sollte, zweieinhalb Jahre sind wir auseinander), waren die Augen geschlossen, wenn wir zum Beten zu ihnen in die Häuser gingen, wo ihre Familien sie zwei, manchmal auch drei Tage bei sich in der guten Stube beliessen, wie um sie noch eine Weile in ihrem plötzlich völlig durcheinandergebrachten Alltagsleben bei sich zu halten, für die Zeit der fassungslosen Tränen, für die Zeit, in der man mit der Hand über die wächserne, kalte Stirn streicht, die Zeit für einen Kuss auf die Wange oder auf den von nun an geschlossenen Mund, gefangen in der eisigen Stille eines unüberwindlichen Winters, ehe man sie dann der Zeit der anderen übergab, mit dem Schliessen des Sarges, dem Gerüttel des vom weissen Pferd gezogenen Leichenwagens, den Gesängen und dem Weihrauch in der Kirche, dem Kollern der Erde, die von den Schaufeln auf den Holzdeckel fiel und unten im Grab widerhallte. Die armen Toten, die uns so arm hinterliessen, hatten die Augen geschlossen, wenn man sie sah, und ich glaubte, dass so der Tod war: die Augen geschlossen haben und die Nacht sehen, für immer die Nacht, und jetzt, da meine Augen geschlossen waren, versank ich in einer Nacht, in der ich steckenzubleiben, unterzugehen glaubte, dann wieder wie mit Flügeln in die Höhe stieg, während die Nacht sich immer weiter ausbreitete, immer tiefer wurde.

Tot? Aber das Licht berührte mit einem Hauch sanft meine Augen, einem blendend mohnroten Flim

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