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Ein guter Mensch von Bauer, Jürgen (eBook)

  • Verlag: Septime Verlag
eBook (ePUB)
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Ein guter Mensch

Wie schon in den Jahren zuvor wird Mitteleuropa erneut von einer Hitzewelle heimgesucht. Wasserknappheit, zunehmend schlechte Stromversorgung und steigende Kriminalität bringen die sozialen Strukturen der Großstadtgesellschaft ins Wanken. Die Politik steht der Situation hilflos gegenüber, die Südgrenzen werden geschlossen, der Polizeiapparat wird erweitert und das kostbarste Gut Wasser streng kontrolliert, rationiert und über ein ausgeklügeltes Versorgungssystem zugeteilt. Marko versucht mit seinem Freund Berger als Tankwagenfahrer einen Beitrag zu leisten und die schweigende Mehrheit, die sich mit der Situation abgefunden hat, mit Wasser zu versorgen. Wie den meisten fehlte auch Marko das nötige Geld, um das Land Richtung Norden zu verlassen, zudem er sich auch noch um seinen kranken Bruder kümmert, der den alten Familienhof nicht aufgeben will. Er gibt den Glauben an ein erträgliches Leben auch dann nicht auf, wenn Berger längst an dieser Möglichkeit zweifelt. Gemeinsam arbeiten sie dafür, sich eine lebenswerte Perspektive zu erhalten. Das plötzliche Auftauchen einer mysteriösen, schnell wachsenden Bewegung bringt die Kräfteverhältnisse allerdings durcheinander. 'Die dritte Welle' feiert dekadent auf den nicht zu vermeidenden Kollaps zu und setzt der Rationierung und dem Haushalten die Verschwendung entgegen und stellt somit das gültige System infrage und zwingt beide dazu, ihre Haltungen zu überdenken.

Jürgen Bauer wurde 1981 geboren und lebt und arbeitet in Wien. Mit seinen Theaterstücken nahm er am Programm 'Neues Schreiben' des Wiener Burgtheaters teil. Seine journalistischen Arbeiten erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. 2013 erschien bei Septime sein Debütroman Das Fenster zur Welt, 2015 sein zweiter Roman Was wir fürchten. Jürgen Bauer erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, 2014 etwa das Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. 2016 wurde er zum 'Festival Neue Literatur' in New York sowie zum 'Festival Zeitgeist' in Washington, D.C. eingeladen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061552
    Verlag: Septime Verlag
    Größe: 409 kBytes
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Ein guter Mensch

Das Klingeln des Weckers erreicht Marko auf dem Holzboden der Terrasse liegend. Der unangenehm hohe Ton schneidet durch die Luft, sticht in seinen Kopf. Den einen Arm hat er als Stütze unter dem Nacken, den anderen über der Stirn. Rring-rring-rring. Die Intervalle werden kürzer, das Kreischen penetranter. Er muss hier draußen eingeschlafen sein, nachts, in etwas kühlerer Luft. Jetzt stechen bereits die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel, der Himmel ist azurblau und wolkenlos. Die Holzbretter des Bodens unter seinem nackten Rücken sind brennheiß. Marko stützt sich auf die Unterarme und lässt sich zur Seite fallen wie ein Käfer. Er packt das Geländer und zieht sich hoch, seine Haut klebt am heißen Metall der Streben fest. Sind die verdammten Schwielen denn zu nichts gut? Er zieht den Reißverschluss seiner Hose nach unten, fischt seinen Schwanz aus den Boxershorts und pinkelt in das ausgedörrte Buschwerk unter der Terrasse. Vielleicht hilft es ja gegen Waldbrand. Um ihn herum ist es still und unbewegt. Nur der Wecker kreischt. Ein Blick auf die Uhr: Zeit für seinen Dienst. Noch einmal, dann verstummt das Klingeln. Kein einziges Geräusch mehr. Keine Vögel, kein Hundegebell. Friedhofsruhe.

Im Vorzimmer schlägt Marko gegen das Radio, das sofort ein paar Töne ausspuckt. Seit der Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen nach Verkündigung des neuen Rationierungsplanes hat die Regierung beschlossen, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Notfallbewirtschaftung ... Im Badezimmer schneidet er die zusammengeknüllte Tube mit Sonnencreme auf und schmiert sich die Reste ins Gesicht. Aus der Schublade fischt er ein altes Handtuch, das er sich um den Kopf bindet. Seine Stirn ist rot und verbrannt, trotz aller Vorkehrungen. Aus dem Vorzimmer die bekannte Stimme. Als Reaktion auf die Proteste hat die Regierung dem vom Expertenrat vorgeschlagenen Bau neuer Notreservoirs zugestimmt. An neuralgischen Stellen soll die Sicherheit durch Einsatz des Militärs geregelt werden. Gelobt wird die große Ruhe der Bevölkerung. Vor allem der Einsatz Freiwilliger sichert einen reibungslosen Ablauf. Marko versucht einen Sender mit Musik zu finden, doch überall die gleichen Verlautbarungen. Im Kühlschrank steht noch eine Flasche Wasser. Warm wie Pisse, obwohl das kleine Lämpchen in der Tür leuchtet. Er klappt die Holzläden vor den Fenstern zu, bringt das Radio zum Schweigen. Endlich findet er auch den Autoschlüssel in der Schale neben der Tür, unter den Flugblättern. Er bemüht sich, die aufgedruckten Parolen zu ignorieren.

Wasser, marsch! Mit Spaß und Freude!

Verschwendung war nie notwendiger als jetzt!

Unterstütze uns. Verschütte auch du deine Ration!

Bevor er das Haus verlässt, gießt er noch die Reste des gestrigen Spülwassers in den Topf der Pflanze neben seinem Bett und wirft ein herumliegendes Hemd über. Er geht die geplanten Einsätze des Tages im Kopf durch, während er die Stiegen nach unten läuft. Hoffentlich kommen keine Notfälle dazwischen, keine unangenehmen Überraschungen. Seit dem Vorfall mit der Durstigen schafft er es einfach nicht mehr, die Einsätze mit der früheren Selbstsicherheit zu fahren, was ihn ärgert.

Vor dem Haus sammeln sich die Nachbarn im Schatten der Häuserzeile. Seit zwei Tagen haben ganze Straßenzüge im Viertel kein Trinkwasser mehr. Durch die planmäßige Abschaltung vor ein paar Tagen blieb so wenig Flüssigkeit in den Leitungen, dass es immer noch gesundheitlich bedenklich ist, das nun wieder fließende Wasser zu trinken. Seitdem wird Trinkwasser zugeliefert. Marko sieht seine Kollegen etwas abseits stehen. Bis auf Weiteres. So heißt es in den offiziellen Meldungen. Für wenige Tage. Bis sich die Situation normalisiert hat. Marko kennt die Floskeln aus den Briefen, aus den Gesprächen mit Mitarbeitern, er führt sie bei allen Einsätzen selbst im Mund, auch wenn ihr Klang mittlerwe

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