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Ein Leben Roman von Maupassant, Guy de (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.08.2018
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
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Ein Leben

Ein feudales Landgut an der Küste der Normandie zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Frisch aus der Klosterschule entlassen, kann die junge Jeanne es kaum erwarten, die große weite Welt zu entdecken. Sie ist entzückt, als der gut aussehende Julien de Lamare sie zur Frau erwählt. Doch schon die Hochzeitsnacht ist ein Schock für die zu Naivität und Unmündigkeit erzogene Jeanne. Während der Flitterwochen muss sie darüber hinaus feststellen, dass sie einen unerträglichen Geizhals geheiratet hat. Und dies sind nur die ersten in einer langen Reihe von Enttäuschungen ... "Da wurde ihr klar, dass sie nichts mehr zu tun hatte", heißt es über Jeanne kurz nach ihrer Hochzeit. In seinem 1883 erschienenen Roman bringt Maupassant die damalige eheliche Situation wohlhabender Frauen und die Nichtsnutzigkeit einer ganzen sozialen Klasse auf den Punkt. Die Darstellung weiblicher Psychologie und Sexualität mutet außergewöhnlich modern an und führte seinerzeit dazu, dass der Roman aus Bahnhofsbuchhandlungen verbannt wurde und sogar im Parlament Aufsehen erregte. Dieser Gesellschaftsroman, den Tolstoi zu den besten französischen Romanen seiner Zeit zählte, erscheint nun erstmals in einer modernen deutschen Übersetzung im Taschenbuch. Guy de Maupassant wurde 1850 in der Normandie geboren. Er gilt neben Stendhal, Balzac, Zola und Flaubert als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. In einem Leben zwischen allen Gesellschaftsschichten seiner Zeit schuf er als weit gereister Journalist, Novellist und Romancier wegweisende Werke der klassischen Moderne. Er starb nach langer Krankheit 1893 in Paris.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 20.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832184391
    Verlag: DuMont Buchverlag
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Ein Leben

I

A ls Jeanne ihre Koffer gepackt hatte, trat sie ans Fenster, aber der Regen nahm kein Ende.

Die ganze Nacht hatte die Sturzflut auf Scheiben und Dächer geprasselt. Der tief hängende Himmel schien unter seiner Wasserlast geplatzt zu sein und sich auf die Erde zu ergießen, sie aufzuweichen in Brei, sie aufzulösen wie Zucker. In heftigen Böen strich drückende Hitze vorüber. Das Gurgeln der übergelaufenen Rinnsteine erfüllte die verlassenen Straßen, wo die Häuser wie Schwämme die eindringende Feuchtigkeit aufsaugten, was die Wände vom Keller bis zum Dachboden zum Schwitzen brachte.

Jeanne, die am Vorabend das Kloster verlassen hatte, endlich für immer frei und bereit, alles Lebensglück zu ergreifen, von dem sie seit so Langem träumte, befürchtete, ihr Vater werde die Abreise verschieben, wenn sich das Wetter nicht aufhellte; und zum hundertsten Mal seit dem Morgen blickte sie forschend zum Horizont.

Dann fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, ihren Kalender in ihre Reisetasche zu legen. Sie nahm die nach Monaten eingeteilte kleine Pappkarte von der Wand, welche inmitten einer Zeichnung in goldenen Ziffern die laufende Jahreszahl 1819 anzeigte. Dann löschte sie mit dem Bleistift die vier ersten Spalten, indem sie bis zum 2. Mai, dem Tag ihres Austritts aus dem Kloster, jeden Heiligennamen durchstrich. Eine Stimme hinter der Tür rief: "Jeannette!" Jeanne erwiderte: "Komm herein, Papa." Und ihr Vater trat ein.

Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds war ein Edelmann aus dem vergangenen Jahrhundert, kauzig und gutmütig. Als begeisterter Schüler von J.-J. Rousseau war er voll zärtlicher Liebe für Natur, Felder, Wälder und Tiere.

Adelig von Geburt, hasste er Dreiundneunzig instinktiv; doch seinem Wesen nach Philosoph und liberal erzogen, verabscheute er die Tyrannei mit einem sich harmlos ereifernden Hass.

Seine große Stärke und seine große Schwäche war die Güte, eine Güte, die nicht genügend Arme hatte zum Liebkosen, Schenken, An-sich-Drücken, die Güte eines schöpferischen Menschen, haltlos, widerstandslos, als sei der Willensnerv betäubt, als habe die Energie eine Lücke, nahezu lasterhaft.

Als Theoretiker ersann er für seine Tochter eine Erziehung ganz nach Plan, er wollte sie glücklich, gut, aufrecht und liebevoll machen.

Sie war bis zu ihrem zwölften Jahr im Hause geblieben, dann wurde sie, trotz der Tränen ihrer Mutter, ins Sacré-Coeur gebracht. Er hatte sie dort streng hinter Klostermauern abgesondert, unbeachtet und ohne jede Ahnung von menschlichen Belangen. Er wollte sie mit siebzehn Jahren in ihrer ganzen Unschuld zurückerhalten, um sie dann selbst in die rechte Poesie zu tauchen; ja, auf dem Weg über die Felder, auf befruchtetem Boden sollte ihre Seele geöffnet und ihr die Ahnungslosigkeit genommen werden beim Anblick der unverdorbenen Liebe, der schlichten Zärtlichkeiten der Tiere, der heiteren Gesetze des Lebens.

Nun kam sie aus dem Kloster, strahlend, voller Lebenskraft und Verlangen nach Glück, bereit zu allen Freuden, allen reizenden Zufällen, die sie sich in der Untätigkeit der Tage, der Länge der Nächte, der Einsamkeit der Hoffnungen bereits ausgemalt hatte.

Sie glich einem Porträt von Veronese mit ihrem leuchtend blonden Haar, das auf ihre Haut abgefärbt zu haben schien, eine vornehme Haut, unmerklich rosig getönt, überschattet von einem zarten Flaum, einer Art mattem Samt, den man ein wenig sah, wenn die Sonne sie streichelte. Ihre Augen waren blau, von jenem undurchsichtigen Blau, wie die Augen holländischer Fayencefiguren es haben.

Auf dem linken Nasenflügel hatte sie ein kleines Schönheitsmal und ein anderes rechts auf dem Kinn, wo sich ein paar Härchen lockten, die so sehr dem Teint entsprachen, dass man sie kaum wahrnahm. Sie war groß, mit voll entwickelter Brust und biegsamer Taille. Ihre klare Stimme klang bisweilen zu hell; doch ihr offenes Lachen verbreitete rund um sie her Freude. In eine

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