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Ein Niemand Roman von Goetsch, Daniel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2016
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Ein Niemand

Es lief schon besser für Tom Kulisch: Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Arbeit als Übersetzer von Betriebsanleitungen treibt ihn in den Wahnsinn und die Nächte werden immer länger - als er eines Morgens Zeuge eines tödlichen Unfalls wird. Eine Verwechslung katapultiert ihn in ein anderes Leben und er läuft Gefahr, sich darin zu verlieren. Als Tom Kulisch von der Notärztin für den Bruder des Unfallopfers gehalten wird, beginnt für ihn ein anderes Leben. Er staunt, wie leicht es ihm fällt, in die Identität des gleichaltrigen Ion zu schlüpfen. Er lebt in dessen schicker Prager Altstadtwohnung und selbst enge Freunde verwechseln ihn. Nur Mascha, Ions Geliebte, lässt sich nicht täuschen. Denn Ion hatte noch ein paar Rechnungen offen: Anscheinend ging er nicht nur leichtfertig mit Frauen um, sondern auch mit Geld und Versprechungen. Doch für einen Rückzieher ist es zu spät, denn keiner glaubt ihm mehr, wenn er behauptet: Ich bin Tom Kulisch. Daniel Goetsch, geboren 1968 in Zürich, lebt als freier Autor in Berlin. Er verfasste mehrere Romane, darunter "Herz aus Sand" und "Ben Kader", sowie Dramen und Hörspiele. Für "Ein Niemand " erhielt er das HALMA-Stipendium des europäischen Netzwerks literarischer Zentren.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 222
    Erscheinungsdatum: 20.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608101157
    Verlag: Klett-Cotta
    Größe: 2395 kBytes
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Ein Niemand

Flughafenwache Tegel, 27 . Dezember 2006

Man hatte mir den Fall in groben Zügen geschildert. Ich machte mich auf einen leicht erregbaren Mann Ende dreißig gefasst, der sich mit großspurigen Gesten aus der Situation herauszureden versuchte und sich gelegentlich dumm stellte, wie ich es oft erlebt hatte. Ich täuschte mich. Er wirkte aufgeräumt, wenngleich erschöpft, wie er in seinem Parka und dem nachtblauen Rollkragenpullover am Tisch saß, den Blick auf seine Hände gesenkt, ein wenig ratlos, aber ohne eine Spur von Verzwei fl ung, sein Gesicht auffallend blass, wozu die Neonbeleuchtung beitrug, seine Frisur zerwühlt, als wäre er sich in den letzten vier Stunden häufig durchs Haar gefahren, das übrigens an den Schläfen ergraut war.

Man hatte ihm offenbar mein Erscheinen angekündigt. Er begrüßte mich mit Titel und Namen und schickte sich an, aufzustehen. Ich bat ihn, sitzen zu bleiben. Er lehnte sich zurück und schaute mich erwartungsvoll an. Erst als ich einige Aktenstücke, die im Grunde nichts Wesentliches enthielten, aus meiner Mappe nahm, begann sein Blick hin und her zu flirren. Vorsichtig stellte ich das Aufnahmegerät in die Mitte des Tischs. Ich befürchtete, er würde Einwände erheben. Das Gegenteil war der Fall.

"Das ist gut", meinte er. "Sie müssen unbedingt alles aufnehmen."

"Wie soll ich Sie ansprechen? Mir wurde gesagt, Sie bestehen darauf, dass der Name in Ihrem Pass nicht Ihr richtiger Name sei."

"Ich heiße Tom Kulisch."

Man hatte mich in diesem Punkt vorgewarnt. Unnötigerweise, wie ich anmerken muss. Es war nicht das erste Mal, dass ich jemandem gegenübersaß, der seine Identität zu vertuschen suchte.

"Na schön, Herr Kulisch. Unser Gespräch wird aufgenommen. So verlangt es das Gesetz. Ich gehe davon aus, dass Sie mit diesem Vorgehen einverstanden sind."

"Mehr als das. Ich bestehe darauf."

"Für die Transkription wird festgehalten: Heute ist Dienstag, der 27 . Dezember 2006 , fünfzehn Uhr zwanzig, wir führen dieses Gespräch im Zimmer 103 der Flughafenwache Tegel."

Bei der Erwähnung der Örtlichkeit konnte ich beobachten, wie er sich auf die Unterlippe biss. Er rückte mit seinem Stuhl dicht an den Tisch heran und beugte sich vor, als wollte er nichts zwischen sich und das Aufnahmegerät kommen lassen.

"Schön, Herr Kulisch. Dann erklären Sie noch mal, warum Sie sich heute Morgen mit den Beamten des Grenzschutzes angelegt haben. Ich vermute, Sie wissen, dass Sie als rumänischer Staatsangehöriger über einen gültigen Reisepass verfügen müssen, um nach Deutschland einzureisen."

"Ich bin Deutscher", stieß er hervor und sah mich flehend an.

Er wiederholte es einige Male, wobei seine Stimme immer dünner wurde. Natürlich war er frustriert, er hatte das alles bereits mehrfach gegenüber den Beamten vorgebracht, doch ich hatte keine Wahl, ich musste mit der Zermürbungstaktik fortfahren. Ich schenkte ihm Mineralwasser ein. Als er das Glas zum Mund führte, fiel mir auf, wie er versuchte, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken. Ich begann zu erahnen, was die Beamten in den letzten vier Stunden durchgemacht und warum sie schließlich um meinen Beistand ersucht hatten.

"Sie geben an, die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen. Aber Sie werden verstehen, dass wir in diesem Punkt unsere Zweifel haben. Ihr Pass weist Sie eindeutig als Rumänen aus. Ihr Name lautet Ion Rebreanu."

"Das ist ein Missverständnis. Das habe ich den Polizisten schon hundertsiebzig Mal erklärt. Ich heiße Tom Kulisch. Ich bin Deutscher. Ich lebe normalerweise hier in Berlin."

"Das müsste doch e

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