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Eine Bonne namens Aicha Ein marokkanisches Dienstmädchen zwischen zwei Welten von Matz, Anja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.08.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Eine Bonne namens Aicha

Dieser Roman erzählt aus dem Leben der Aicha, einem Dienstmädchen (Bonne) in Marokko. Als sie mit gerade 15 Jahren von ihren Eltern verstoßen wird, ist sie auf sich allein gestellt. Ihre einzige Vertraute ist die eigene Bonne ihrer Familie: Saloua. Aicha muss bereits als junges Mädchen für die Oberschicht arbeiten und bewegt so zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten. Dabei stellt sie immer wieder fest, dass man Glück auch nicht mit viel Geld kaufen kann. Auf ihrem Weg begegnet sie den verschiedensten Menschen, erlebt tiefe Enttäuschungen und Verletzungen, aber auch ungeahnte Zuwendung und Liebe. Die Geschichte dreht sich um häusliche und sexuelle Gewalt, menschliche Ausbeutung und Nächstenliebe. Halt und Zuflucht geben ihr immer wieder das Gebet, ihre Religion - der Islam. Im Laufe der Geschichte nimmt Aicha sich eines schwarzafrikanischen Flüchtlings an, der bei den Mülltonnen lebt. Menschen aus der Subsahara werden mit dem Versprechen, sie könnten weiter nach Europa gelangen und dort ein besseres Leben finden, gegen viel Geld nach Marokko gebracht. Was ihnen in Marokko bleibt, ist lediglich die Hoffnung und die Bettelei. Die Autorin lebte vier Jahre lang mit ihrem Ehemann in Marokko und hat dabei eine tiefe, persönliche Beziehung zu diesem Land aufgebaut. Während einer Autopanne im Atlasgebirge wuchs in ihr der Wunsch zu schreiben. Ihre in Marokko geborene Tochter hat sie letztendlich zu diesem Buch inspiriert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 24.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741286278
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 380kBytes
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Eine Bonne namens Aicha

Kapitel 1: Auch wir hatten eine Bonne

Geboren und aufgewachsen bin in L'Ocean, was so klingt, als wäre es nirgendwo anders als an der Côte d'Azur. In Rabat gab es jedoch eine ganze Reihe von Armenvierteln, sogenannte "Quartiers populares". Tatsächlich hatte ich alles, was man zum Leben so braucht. Eltern, Schwestern, Omas, einen Opa, Onkels, Tanten, Cousinen, Nachbarn, Freundinnen, genug zu Essen und Bücher zum Lernen. Doch die für mich wichtigste Person war Saloua. Unsere Bonne.

Meine Mutter sagte immer, sie sei von ihrer Familie verstoßen worden. Sie hätte nicht zu ihnen gepasst. Ich frage mich bis heute, was wirklich passiert ist und ob es etwas geändert hätte, wenn ich es damals hinterfragt hätte. Hätte es etwas an der Beziehung zwischen Saloua und mir, an unserer Bindung, geändert? Ich habe sie so geliebt wie sie war, das weiß ich bestimmt. Sie sah mich an und schaute mir tief in die Seele. Sie wusste, wie sehr ich darunter litt, mich als Erstgeborene für meine kleinen Schwestern aufzuopfern. Meine Mutter arbeitete ganztags bei einer marokkanischen Familie und manchmal nahmen sie sie sogar mit, wenn sie über die Feiertage zu ihrem Ferienhaus nach Frankreich fuhren.

Vater war in einer kleinen Mehlfabrik angestellt. Er arbeitete oft mehr als 12 Stunden am Tag. Nach dem Abendgebet traf er sich mit Bekannten in einem Café. Dort spielten sie Karten und rauchten Zigaretten. Ich glaube, ich habe meinen Vater selten ohne Fluppe im Mund gesehen. Jedenfalls interessierte er sich nicht großartig für unsere Familie. Seine Mutter, meine Oma, sagte immer, er habe sich doch so sehr einen Sohn gewünscht.

Saloua war mein einziger Trost. Auch ich vermisste meine Mutter oft, auch ich brauchte Halt und Zuwendung. Heimlich hatten wir ein Mutter-/Tochterverhältnis, was sie teilweise noch mehr genoss als ich.

Als ich gerade mal 8 Monate alt war, kam sie zu uns. Für mich gehörte sie ab diesem Zeitpunkt zu unserer Familie. Meine Mutter schimpfte anfangs sehr viel mit ihr, da sie nur Tamazight, einen Berberdialekt aus dem Mittleren Atlas, sprach. "Die Sprache der Hyänen" hatte meine Mutter sie abwertend betitelt. "Die Menschen haben Angst vor den Berbern", sagte meine Oma, die Mutter meiner Mutter, immer. "Sie werden so unglaublich alt und es gab sie schon weit vor uns." Und so erzählten sich die alten Leute abenteuerliche abergläubische Geschichten, befragten den Djinn 3 und machten uns Kindern Angst.

Doch vor Saloua hatte ich niemals Angst. Sie sah auch überhaupt nicht beängstigend aus. Sie hatte glasklare mittelblaue Augen, einen leichten Buckel, schwere hängende Brüste und immer lange Fingerund Fußnägel, die sie stets mit Henna 4 färbte.

Für Mutter war sie letztendlich nur eine billige Arbeitskraft. Eine Bonne aus der Umgebung kam für meine Eltern nicht in Frage, die kostete zur damaligen Zeit 18 Dirham 5 . Entweder man holte sich ein Mädchen ins Haus, zumeist aus den sogenannten "Bidonvilles" 6 der Großmetropole Casablanca oder aus Tanger, wo es auch viele Waisenkinder gab. Meine Mutter hätte jedoch keine Zeit dafür gehabt, ein Mädchen auszubilden. "Zuerst musst du sie entlausen, dann bringst du ihnen kochen und putzen bei, noch nicht mal Tee können sie richtig zubereiten und am Ende, da fressen sie dir die Haare vom Kopf." Sie war eine fleißige Frau meine Mutter, wenn dieses ständige Gejammere und ihre chronische Unzufriedenheit nicht gewesen wären. Ständig stritten sich Vater und Mutter wegen des Geldes. Alles wurde haargenau aufgeschrieben. In traditionellen marokkanischen Familien ist es nun mal so, dass die Frau das Geld verwaltet. Doch Mutter übertrieb es ein bisschen mit ihrer verantwortungsvollen Aufgabe. Das Haushaltsgeld lagerte sie immer in der Küche in einer aus Zedernholz gefertigten Schatulle, welche ein kleines Geheimfach in sich trug, in dem sich der Schlüssel verbarg. Mutter dachte, nur sie wisse, wie man sie öffnen könne, doch ich h

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