text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Eine Hochzeit ohne Musikanten von Scholem Alejchem (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.08.2015
  • Verlag: OTB eBook publishing
eBook (ePUB)
0,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Eine Hochzeit ohne Musikanten

Scholem Alejchem , 1859-1916 war einer der bedeutendsten jiddisch sprachigen Schriftsteller und gilt neben Mendele und Perez als der dritte Klassiker der jiddischen Literatur. Er wurde auch der jüdische Mark Twain genannt. Scholem Alejchem, aus der Ukraine stammend, wanderte 1905 in die Schweiz und dann nach Amerika aus. Bereits mit einundzwanzig Jahren Rabbiner, begründete er mit lebensnahen Milieu-Romanen seinen Ruf als größter Humorist der jiddischen Literatur. Die von ihm geschaffenen Charaktere aus allen Schichten des jüdischen Volkes Osteuropas haben geradezu metaphorische Bedeutung erlangt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 61
    Erscheinungsdatum: 11.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956767630
    Verlag: OTB eBook publishing
    Größe: 259 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Eine Hochzeit ohne Musikanten

Die ewige Seligkeit

Wenn ihr wollt, erzähle ich euch eine hübsche Geschichte, wie ich einmal hineingefallen bin und beinahe für mein ganzes Leben unglücklich wurde. Und wie das kam? Doch nur, weil ich damals unerfahren und nicht allzu klug war. Es mag sein, daß ich auch heute nicht übermäßig gescheit bin; denn wäre ich gescheit, so hätte ich Geld: wenn man Geld hat, so ist man bekanntlich klug und schön und ein guter Sänger dazu.

Ich war damals noch ein junger Mann, aß 'Köst' bei den Schwiegereltern, saß ruhig da, lernte und sah zuweilen hinter dem Rücken des Schwiegervaters und der Schwiegermutter auch in ein weltliches Buch hinein; das heißt, weniger hinter dem Rücken des Schwiegervaters als hinter dem der Schwiegermutter. Denn ihr müßt wissen, meine Schwiegermutter war ein Mannsbild, das heißt, sie hatte die Mütze auf. Sie leitete die Geschäfte, sie verheiratete die Kinder und besorgte die Mitgift für die Töchter. Auch mich hatte sie selbst für ihre Tochter gewählt, in den Wissenschaften geprüft und aus Radomischl nach Swohil gebracht. Ich bin nämlich ein Radomischler, ihr habt wohl sicher von dieser Stadt gehört.

Ich saß also in Swohil, aß Köst, schwitzte über dem Maimonides und ging niemals aus dem Hause. Als aber die Zeit der Assentierung kam, mußte ich nach Radomischl hinüberfahren, um meine Papiere in Ordnung zu bringen, mich um ein Befreiungsprivileg zu bemühen und mir einen Paß zu beschaffen, wie es einmal nötig ist. Das war meine erste Reise in die weite Welt hinaus. Ich ging selbst auf den Markt, um mir eine Fuhre zu mieten; ich tat es ganz allein, weil ich der Welt zeigen wollte, daß ich selbständig bin. Gott schickte mir eine billige Gelegenheitsfuhre: ich erwischte einen Goj aus Radomischl mit einem wunderbaren Schlitten - es war im Winter - mit breitem Rücken und zwei Flügeln an den Seiten, wie bei einem Adler; auf das Pferd hatte ich aber gar nicht geachtet: es war nämlich weiß, und ein weißes Pferd, sagte die Schwiegermutter, bedeutet Unglück. "Gebe Gott, daß ich unrecht behalte, aber ich habe das Gefühl", sagte sie, "daß diese Reise mit einem Unglück enden wird ..."

"Beiß dir die Zunge ab!" fiel ihr der Schwiegervater ins Wort, was er übrigens sofort bereute, denn er bekam von ihr auf der Stelle ein ordentliches Donnerwetter. Mir sagte er aber leise: "Das sind so Weibereinfälle!"

Ich machte mich also reisefertig, nahm Talles und Tfillin, etwas Buttergebäck, ein wenig Geld für die Auslagen und drei Kissen: ein Kissen, um darauf zu sitzen, ein Kissen, um mich anzulehnen, und ein Kissen für die Füße. Und nun kam der Abschied. Wie es aber zum Abschiednehmen kommt, ist meine Zunge wie gelähmt! Es kommt mir so unschicklich vor, einem Menschen den Rücken zu kehren und ihn allein zurückzulassen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist das Abschiednehmen eine der schwierigsten Sachen. Doch halt! Ich glaube, daß ich zu weit von der Geschichte abschweife ...

Ich nahm also Abschied und machte mich auf nach Radomischl. Es war anfangs Winter, es hatte ordentlich geschneit, und der Schlittenweg war ausgezeichnet. Das Pferd war zwar weiß, flog aber so schnell dahin wie ein Psalm. Und der Goj, den ich erwischt hatte, gehörte zu den Schweigsamen: er war einer von den Gojim, die auf jede Frage entweder mit einem 'Ehe!', das heißt 'ja', oder mit einem 'Ba-ni!', das heißt 'nein', antworten und von denen man sonst nichts zu hören bekommt. Ich fahre von zu Hause nach dem Essen ab, bin in der besten Laune und habe ein Kissen unter mir, ein Kissen im Rücken und ein Kissen auf den Füßen. Das Pferd rennt, der Goj schnalzt mit der Zunge, der Schlitten fliegt, der Wind weht, und die Schneeflocken legen sich wie Bettfedern auf die Landstraße. Es ist mir so wohl zumute, ich fühle mich so frei und heiter: ich fahre ja zum ersten Mal in Gottes Welt hinaus und bin mein eigener Herr! Und ich lehne mich zurück und mache mich breit wie ein

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen