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Eine Liebe in den Tagen des Lichts - Roman um Edvard Munch von Haavardsholm, Espen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.07.2015
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Eine Liebe in den Tagen des Lichts - Roman um Edvard Munch

Als im Kriegsjahr 1942 endlich der Frühling kommt, erwacht der launische und von Bronchitis heimgesuchte Maler aus dem Winterschlaf. Eigentlich hat er keinen Grund zum Klagen. Zu Zeiten seiner großen Erfolge hat er sein Geld klug angelegt und lebt mit Personal auf seinem Gut Ekely am idyllischen Oslofjord. Wenn da nicht dieser Vorwurf wäre: Sein Werk gilt als "entartet". Da taucht plötzlich die 23-jährige Studentin Doffy auf. Sie stellt sich als grenzenlose Bewunderin des eigensinnigen Meisters vor und bietet ihm an, für ihn Modell zu sitzen. Er willigt ein. Die fiebrige Atmosphäre rund um die junge Frau bestimmt fortan sein Leben und seine Kunst. Doffy weckt in ihm feinste Seelenregungen und unheilvolle Fantasien. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. AUTORENPORTRÄT Espen Haavardsholm, geboren 1945, galt sofort mit seinem ersten Buch als literarisches Wunderkind. Seine Novellen und Romane wurden in viele Sprachen übersetzt, drei wurden verfilmt. Espen Haavardsholm wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet und ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren überhaupt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 318
    Erscheinungsdatum: 03.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711448502
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1128 kBytes
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Eine Liebe in den Tagen des Lichts - Roman um Edvard Munch

1

Dreiundzwanzigster Januar, Morgendämmerung.

Wie sonderbar, dass noch immer Leben in ihm ist. Ganz oben im Hals hat sich der Katarrh festgesetzt, er hat Fieber- und Hustenanfälle, zu allem Überfluss noch eine Bronchitis.

Wie jeden Winter.

Nur schlimmer! Jahr für Jahr wird es schlimmer!

Mit einer hastigen Bewegung zieht Herr M. die Jalousien hoch. Er kneift die Augen zusammen und blinzelt benommen auf einen schmalen Streifen Gelb und Zinnoberrot, der zwischen den mit Raureif überzogenen Baumkronen zum Vorschein kommt.

Finster und erbärmlich. So sieht es in ihm aus.

Er zieht Pantoffeln an und wirft sich Ulster, Schal und Morgenrock über den Schlafanzug. Während er ein paar alte Zeitungen zusammensucht, um damit Feuer zu machen, fällt sein Blick auf eine Bekanntmachung, die besagt, dass allen norwegischen Juden jetzt ein "J" in den Pass gestempelt wird.

"Pah!"

Er verzieht das Gesicht, reißt die Zeitungsseiten entzwei und knüllt sie zusammen. Dann stopft er das Papier in den rußigen Ofenschlund und legt Späne und Kleinholz dazu. Schließlich hält er ein Streichholz an das Ganze.

"Na, also!"

Schon lange klingt seine Stimme nur wie ein krächzendes Flüstern. Sobald die Flammen aufzüngeln, stellt er das Ofenventil ein und lässt die Luft durch einen schmalen Spalt an der Aschenschublade eindringen. Die Geräusche aus der Küche verraten ihm, dass seine Haushälterin da draußen schon eingeheizt hat, hier drinnen jedoch kümmert er sich um so etwas lieber selbst.

Dies hier ist seine Seite des Hauses. Die Haushälterin soll ihm nicht zu nahe kommen.

Nicht jeder Raum, in dem es Bilder gibt, bedarf des Ofenfeuers - hier unten allerdings, wo seine Utensilien sind, will er es etwas behaglicher haben. Denn die elektrische Heizung allein kann gegen die Eiseskälte nicht genügend ausrichten. Diese Arbeitszimmer sind sein Zuhause, hier hängen all seine Bilder und auch Briefe an den Wänden. Graphische Blätter, Skizzen und unfertige Entwürfe liegen über den Fußboden verstreut - hier laufen alle Fäden zusammen.

Der gebrechliche Hausherr von Ekely erhebt sich mühsam von den Knien und blickt umher, bevor er mit schleppenden Schritten den Nebenraum betritt, um auch dort den Ofen anzuheizen. Es knackt in seinem dünnen Leib.

"Scheiße!"

So lange hatte er in Deutschland gewohnt, dass Deutsch zu seiner zweiten Muttersprache wurde. Wochen und Monate sind vergangen, seit er zuletzt der eigenen Stimme trauen konnte.

Der Krieg verbreitet sich von Ozean zu Ozean, von Kontinent zu Kontinent. Bald gibt es wohl keinen Fleck mehr auf Erden, der unberührt ist. Allenfalls in Landstrichen, die sich den Fängen der Zivilisation bisher entzogen haben, bei den Polynesiern in Tahiti, zum Beispiel; oder den wilden Indianerstämmen irgendwo am Amazonas.

Doch andererseits - wer weiß? Vielleicht wird die Blutspur aus dem Schlachthof des Zweiten Weltkriegs sogar bis zu solch entlegenen Orten führen?

Womöglich endet alles mit diesem Krieg.

Denn zweifelsohne gibt es Umstände, die darauf hinweisen, dass es sich um die alles verschlingende Apokalypse handeln könnte - die Endzeitkatastrophe, die sein alternder Vater den Kindern in dunklen Stunden ausmalte.

Gleichwohl gilt es, die düsteren Gedanken im Zaum zu halten.

Sein Freund, Doktor Schreiner, gemahnt ihn ständig daran. Der Anatom! Der Pathologe! Der Totendoktor! Sein Hausarzt, den der alte Maler vor einer geöffneten Leiche im Obduktionssaal porträtiert hat und zu dem er ein gewisses Vertrauen hegt.

Sobald Herr M. die Öfen versorgt hat, geht er ein Stück an der Wand entlang, mit geschlossenen Augen. Ein kleiner Trick, den er manchmal anwendet - zumindest wenn er ein wenig Aufmunterung braucht. Wie ein Blinder bewegt er sich vorwärts, bevor er schließlich stehen bleibt und die Augen öffnet. Er darf nicht mogeln. Das ist ja gerade der Witz an diesen Morgenspaziergäng

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