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Einsam von Aho, Juhani (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.08.2015
  • Verlag: OTB eBook publishing
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Einsam

Juhani Aho, eigentlich Juhani Brofeldt, ( 11. September 1861 in Lapinlahti, 8. August 1921 in Helsinki), war ein finnischer Schriftsteller und Journalist. (Auszug aus Wikipedia)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 79
    Erscheinungsdatum: 11.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956768163
    Verlag: OTB eBook publishing
    Größe: 586kBytes
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Einsam

II.

Ich habe sie gekannt, als sie noch ganz klein war. Das erstemal sehe ich sie, als mich der Bruder in die Familie einführt und mich als seinen besten Freund vorstellt. Die Mutter ist eine stille, freundliche Witwe, von mildem, sanftem Aussehen und mit ergrauendem Haar. Sie scheint nur für ihre Kinder zu leben.

Man bringt Kaffee, und den Brotkorb trägt ein kleines, helläugiges Mädchen, das mir offen in die Augen sieht und sich nicht im geringsten bemüht, seine Lachlust zu bezwingen. Ihre Verneigung besteht aus einem kurzen, ruckweisen Knicks, gleichsam aus Zwang gemacht und aus Gnade geschenkt, der aber seine bestimmte Zeit hat, ebenso wie die kurzen Kleider. Zwei schwarze Flechten reichen ihr bis in die Taille hinab. Du wirst sicher viele Herzen brechen, wenn du nur erst erwachsen bist, denke ich im Vorübergehen.

Wir werden gute Bekannte. Ich besuche die Familie oft, und die Kleine geht um dieselbe Zeit zur Schule, wie ich auf die Universität gehe. Entweder hole ich sie ein, oder ich mäßige meine Schritte, wenn ich sie um die Straßenecke biegen sehe. Oft, wenn ich sie nicht bemerkt habe, bekomme ich einen Schneeball in den Rücken. Und wenn ich mich dann nach ihr umwende, ballt sie schon lachend einen zweiten in ihren rotgefrorenen Händen zusammen. Sie ist so morgenfrisch, den Hut auf dem einen Ohr, während der Muff an einer Schnur an der Seite hängt wie eine Jagdtasche. Zuweilen geschieht es, daß ich ihr um acht Uhr begegne, wenn ich von einem Trinkgelage heimkehre, das die ganze Nacht gewährt hat. Sie ahnt nicht, woher ich komme, springt an mir vorüber und pufft mich im Vorbeigehen. Wenn ich dann nach Hause komme und mich entkleide, alles, was mir von der durchwachten Nacht anhängt, abwasche und mich auf mein unberührtes Bett lege, steht sie in Gedanken einen Augenblick vor mir, gleich einem kleinen, reinen Vogel, den man kennt und den man oft vor sich über den Weg huschen sieht.

Sie ist offenbar stolz auf ihren erwachsenen Kavalier, der sie oft gar bis an die Schultüre begleitet. Wenn sie mir begegnet, läßt sie es sich nicht nehmen, mir eine Verbeugung zu machen, und ich lüfte den Hut wie vor einer erwachsenen Dame. Und oft springt sie aus dem Mädchenschwarm auf der anderen Seite der Straße auf mich zu und gibt mir ihre Bücher zu tragen, um sich vor ihren Freundinnen mit ihrer Bekanntschaft zu brüsten. Wenn es ihr einfällt, kann sie wohl sagen: "Kommen Sie doch, bitte, bald einmal zu uns!" Natürlich steht mein Name in ihrem Stammbuch und daneben ein Gedicht, und ich glaube, daß ich zu jener Zeit ihr "Ideal" war.

Ich verlobe mich, und als ich mit meiner Braut die erste Visite mache, ist sie nicht zu bewegen, in den Salon zu kommen. Die Mutter will sie hereinholen, aber sie antwortet nur: "Nein, ich komme nicht!" und ritzt Bilder auf die betauten Fensterscheiben. Ich sehe das alles durch die Türspalte und höre die Mutter schelten: "Anna, besudele das Fenster doch nicht so!"

Meine Braut sitzt am Sofatisch und besieht Photographien. Ich empfinde eine augenblickliche Schwäche in meinen Gefühlen. Ihre Züge erscheinen mir, von vorn gesehen, so grob und alltäglich.

Am nächsten Tage erzählt mir der Bruder lachend, daß meine Braut, die Lehrerin an der höheren Töchterschule ist, in Annas Augen "häßlich" und "hochmütig" sei, und daß niemand in ihrer Klasse sie "ausstehen" könne. "Wie kann man auch nur einen solchen Geschmack haben!"

Auf mehrere Jahre verschwindet sie aus meinen Augen und Gedanken. Ich mache mein Examen, ziehe aufs Land und komme nur selten nach Helsingfors. Ich habe aus dieser Zeit kein anderes Bild von ihr als das eines heranwachsenden, gewöhnlichen Schulmädchens in den oberen Klassen der finnischen höheren Mädchenschule. Sie ist schüchterner als früher, und wenn der Bruder sie einmal mit irgendeiner "Flamme" neckt, so geht sie beleidigt fort und zeigt sich nicht mehr.

Vor einem Jahre sehe ich sie zum erstenmal in ihrer jetzigen Gestalt

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