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Erzählungen aus dem nahen Osten, Jiddische Erzählungen von Scholem Alejchem (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.08.2015
  • Verlag: OTB eBook publishing
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Erzählungen aus dem nahen Osten, Jiddische Erzählungen

Scholem Alejchem , 1859-1916 war einer der bedeutendsten jiddisch sprachigen Schriftsteller und gilt neben Mendele und Perez als der dritte Klassiker der jiddischen Literatur. Er wurde auch der jüdische Mark Twain genannt. Scholem Alejchem, aus der Ukraine stammend, wanderte 1905 in die Schweiz und dann nach Amerika aus. Bereits mit einundzwanzig Jahren Rabbiner, begründete er mit lebensnahen Milieu-Romanen seinen Ruf als größter Humorist der jiddischen Literatur. Die von ihm geschaffenen Charaktere aus allen Schichten des jüdischen Volkes Osteuropas haben geradezu metaphorische Bedeutung erlangt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 257
    Erscheinungsdatum: 11.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956767623
    Verlag: OTB eBook publishing
    Größe: 443 kBytes
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Erzählungen aus dem nahen Osten, Jiddische Erzählungen

Der Deutsche.

Wie ich euch bereits gesagt habe, stamme ich aus Draschna, versteht ihr, aus Draschna. Draschna ist ein Städtchen im Gouvernement Podolien, ein ganz kleines Städtchen. Heute ist Draschna - man kann sagen - schon eine ansehnliche Stadt mit Eisenbahn und Bahnhofsgebäude ...

Als Draschna Eisenbahnstation wurde, hat uns die ganze Welt beneidet. Eisenbahn - Kleinigkeit! ... Man glaubte, es würde eine Goldgrube werden, man würde das Gold mit vollen Händen schöpfen, man würde einfach glücklich werden!

Juden kamen aus den Dörfern in die Stadt gefahren, die Hausbesitzer begannen ihre Häuser umzubauen, neue Läden einzurichten, die Fleischsteuer wurde erhöht, und man dachte bereits daran, einen neuen Schächter zu nehmen, ein neues Bethaus zu bauen und ein Stück Feld zu kaufen, um einen neuen Friedhof anzulegen, - es herrschte Jubel und Freude! Es war ja auch Grund genug, sich zu freuen! Man bekam die Eisenbahn, eine Bahnhofsstation und ein Bahnhofsgebäude. Im Anfang lehnten sich die Kutscher auf und waren mit dieser Neuerung sehr unzufrieden. Aber wer fragt nach ihnen? Das Geleise wurde gelegt, Waggons wurden herbeigeschafft, ein Bahnhofsgebäude errichtet, eine Signalglocke angebracht und ein großes Schild mit der Aufschrift "Draschna" ... Nun mach einer was!

Als die Eisenbahn in Gang gebracht wurde, sagte meine Frau zu mir:

"Was gedenkst du zu tun, Jojnele?"

"Was soll ich tun?" erwiderte ich, "dasselbe, was die anderen Juden tun. Alle Juden von Draschna drehen sich bei der Bahn, so werde auch ich mich dort herumdrehen." Hierauf, nahm ich meinen Stock, ging nach dem Bahnhof und wurde mit Gottes Hilfe Spediteur. Was ist ein Spediteur? ... Spediteur sein heißt folgendes: Einer handelt mit Getreide und muß es in Waggons laden und fortschicken. Hierfür gibt es einen Spediteur. Da aber fast sämtliche Draschner Juden Spediteure geworden sind, so ist das sehr schlimm. Man quält und windet sich, man kauft von irgendeinem Besitzer einen Sack Getreide und verkauft ihn sofort wieder von Hand zu Hand, dabei verdient man oder setzt auch Geld zu; manchmal vermittelt man auch einen Verkauf und verdient eine kleine Provision, wenn's glückt. Man fängt dies und jenes an ... aber es geht schlecht, es gibt nichts zu tun! Nun, was wollt ihr, früher gab es ja auch nichts zu tun! Nur als es keine Bahn gab, meint ihr, war man darüber nicht so ungehalten. Was nützt uns also die Eisenbahnstation mit dem Bahnhofsgebäude, der Glocke und dem ganzen Tumult! Da geschah folgendes: Ich stand eines Tages auf dem Bahnhof, sorgenvoll, als gerade der Personenzug abgehen sollte. Die dritte Glocke war bereits ertönt, die Lokomotive hatte wiederholt gepfiffen, aus dem Schornstein stieg eine dicke Rauchwolke ... Ich warf einen Blick auf den Perron und bemerkte einen vornehmen Herrn, groß gewachsen, schlank, mit schwarzweißkarierten Beinkleidern, einen steifen Hut auf dem Kopf und mit großem Reisegepäck. Er stand mit vorgestrecktem Hals und sah sich wie ein Sünder nach allen Seiten um.

'Dieser Herr kann dich gebrauchen,' dachte ich mir und hatte das Gefühl, als ob mich jemand am Rockzipfel fasse. 'Jojne', sagte ich mir, 'sprich ihn an und frage ihn, ob er etwas braucht.'

Kaum hatte ich mich von meinem Platz gerührt, als er mir bereits entgegenkam, den Hut zog und mich auf deutsch, mit langgedehnter Betonung anredete:

"Guten Morjen, mein Herr!"

"Ein gutes Jahr wünsche ich Euch," erwiderte ich halb deutsch, halb jiddisch und den Rest mit den Händen. Ich fragte ihn, von wo er käme. Darauf entgegnete er mir, ob ich ihm nicht ein passendes Quartier, ein Hotel, empfehlen könne. "Gewiß," erwiderte ich. "Warum soll ich es Ihnen nicht empfehlen können?" und bedauerte im stillen, daß ich nicht selbst ein Hotel hatte und daß ich ihn nicht in mein Hotel führen konnte. Solch ein feiner deutscher Herr! Bei dem war etwas zu verdienen! Aber im selben Augenblick ging es mir durch den Kopf: 'Dummkop

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