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Familie Salzmann Erzählung aus unserer Mitte von Hackl, Erich (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Familie Salzmann

Die Geschichte der Familie Salzmann, die quer durch beide deutschen Staaten, durch Österreich, Frankreich, die Schweiz verläuft, über drei Generationen und ein Jahrhundert. Zugleich eine kollektive Geschichte "aus unserer Mitte", die uns vor Augen führt, was schützens- und liebenswert ist, gerade dann, wenn die Umstände die Menschen zu überfordern scheinen. Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß Abschied von Sidonie

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257600933
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Familie Salzmann
    Größe: 1308 kBytes
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Familie Salzmann

In Hugos Leben wäre vieles anders gekommen: wenn sein Vater ihn je beiseite genommen hätte. Sechs, acht oder zehn Jahre später, als alles vorüber und doch nicht zu [95] Ende war. Wenn er zu ihm gesagt hätte, jetzt will ich dir mal erzählen, wie es mir ergangen ist. Damit du manches begreifst. Die Ungeduld, die Härte, die Reizbarkeit. Man nimmt ja auch Schaden. Wenn er ihn beispielsweise durch das Gerichtsgebäude in der Bellevuestraße geführt hätte, das nur noch in seinen Alpträumen existierte, seit es, im Februar fünfundvierzig, bei einem Luftangriff auf Berlin zerstört worden war. Durch das Labyrinth aus unterirdischen Gängen, Treppen und Kammern, vorbei an einer langen Reihe aneinandergeschweißter Spinde, in denen nicht Kleider, sondern Menschen steckten (Verurteilte, die bis zum Abtransport nach Plötzensee hier aufbewahrt wurden), hinauf in den Verhandlungstrakt, hinein in den Saal, auf die Anklagebank, die keine richtige Bank war, eher eine Art Koben auf einem Podium und mit einem Sitzbrett an der Rückseite. Wenn er ihm gezeigt hätte, wie der Reihe nach der Offizialverteidiger, der Staatsanwalt und ein Mann in Straßenkleidung, mit einer Mappe unter dem Arm den Gerichtssaal betraten. Den Einzug der Richter und Beisitzer (zwei in roten Roben, einer in der Uniform eines SA -Brigadeführers, einer in der eines Generalarbeitsführers, einer in Zivil, mit Parteiabzeichen auf dem Revers). Wenn er seine Beklemmung beim Anblick des Vorsitzenden mit ihm geteilt hätte: hagere Gestalt, schmaler Schädel mit Halbglatze, scharf geschnittene Nase. (Er glaubte im ersten Moment, Roland Freisler vor sich zu haben, den er von Fotos her kannte, die in der 'Roten Fahne' erschienen waren, aber [96] laut Urteilsschrift handelte es sich um den Senatspräsidenten Kurt Albrecht.)

Wenn also, und wie.

Wenn er ihm zugemutet hätte, ihn anzuhören. Wie Albrecht ihn aufforderte, dem Gericht seinen Lebensweg zu schildern. Wie er plötzlich von einer inneren Ruhe erfaßt wurde und mit kräftiger Stimme, sachlich und vehement zugleich, zu sprechen begann: von Not und Entbehrung im Elternhaus, Fronteinsatz des Vaters, Krankheit und frühem Tod der Mutter, Eintreten für die Arbeitskollegen, Bemühen um die Erwerbslosen. Wie er seine Empörung über die gnadenlosen Bestimmungen des Friedensvertrages und seinen Protest gegen die Besetzung des Ruhrgebiets in die Rede einflocht. Wie es ihm gar nicht schwer fiel, die Schnittmenge zu treffen von dem, was er getan hatte und was die Nazis unter Idealismus verstanden. (Uneigennützig, darauf lief seine Selbstdarstellung hinaus. Dann sagte er noch: Ich bin nicht schuldig.) Wie Albrecht keine Miene verzog, in seinen Akten blätterte, ihnen zwei kleinformatige Zeitungen entnahm, die er an die Beisitzer weiterreichte, wieder einholte, hochhielt. (Er wußte gleich, um welche Blätter es sich handelte, schließlich war jede Ausgabe durch seine Hände gegangen.) Wie Albrecht ihn beschuldigte, diese Schriften nach dem Reich verschickt zu haben, an verdienstvolle Funktionäre in Bad Kreuznach, deren Adressen nur er kennen konnte, der Angeklagte Salzmann, Schriften, die gegen den Führer hetzten, diesen als Mörder [97] schmähten, zum Sturz der deutschen Staatsführung aufriefen. Wie Albrechts schnarrende Stimme immer lauter wurde, sich schließlich überschlug: Das ist Vorbereitung zum Hochverrat, hier sind die Beweise, bekennen Sie sich schuldig! Wie er entschieden bestritt, diese Zeitungen nach Deutschland verschickt zu haben. Wie Albrecht die Anschuldigung wiederholte und wie er sie erneut zurückwies: Wenn ich schwören dürfte, Herr Präsident, ich habe nicht..., worauf Albrecht nach seinen Akten griff, aufstand und verkündete, daß die Verhandlung unterbrochen werde. Wie die Richter und Beisitzer den Saal verließen. Wie er in ihrer Abwesenheit vergeblich auf ein Wort seines Anwalts wartete, aufmunternd oder warnend, wie dieser Dr. Feldmann überhaupt die gan

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