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Federkleid von Yoshimoto, Banana (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Federkleid

Wie verfallen sie ihrem Geliebten war, spürt Hotaru erst, als dieser nach acht Jahren die Beziehung plötzlich beendet. Hotaru steht vor dem Nichts. Erst in ihrer Heimatstadt, umgeben von Vertrauten und neuen Freunden, die alle einen besonderen Draht zur Welt des Übernatürlichen zu haben scheinen, werden ihre Lebensenergien wieder geweckt. Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch Kitchen red banana flower

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257606478
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Hagoromo
    Größe: 1257 kBytes
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Federkleid

[5] Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, liegt wie eingezwängt in den Windungen und Biegungen eines großen Flusses. Die Sommer sind angenehm kühl, die Winter aber bitter kalt, mit viel Schnee in den Bergen.

Vom Hauptstrom, der durchs Zentrum fließt, zweigen unzählige Seitenarme ab. Nachts glänzen die feinen Adern klebrig schwarz wie die Fäden eines Spinnennetzes.

Wohin man auch geht, in der Dunkelheit verfolgt einen das Rauschen des Flusses auf Schritt und Tritt. Überall in der Stadt gibt es große und kleine Brücken. Sie erzeugen einen bestimmten Rhythmus, sind wie Satzzeichen in die Flußlandschaft gesetzt, um die Leute immer wieder plötzlich vor dem Wasser innehalten und verweilen zu lassen.

Nachts, wenn die Menschen schlafen, schlängelt sich der Fluß durch ihre Träume. Er hat sich tief in ihre Herzen gegraben und begleitet sie überallhin, egal, welche Wendungen das Leben nimmt.

Nach einer Regennacht, angeschwollen zum [6] reißenden Strom, glitzert der Fluß unbändig und übermütig im grellen Morgenlicht, als wäre er zu neuem Leben erwacht. Am Nachmittag verströmt das verdorrte Ufergras seinen stickig-fauligen Geruch.

Manchmal war ich mir nicht sicher, ob ich all das wirklich mochte. In meiner Vorstellung war "Heimat" stets verbunden mit dem Bild des dahinströmenden Flusses. Doch das endlos vorüberziehende, mal klare, mal trübe Wasser verlieh der Stadt etwas Träges, Verträumtes - als versetze der Fluß die Menschen in eine Art Halbschlaf.

Es beschlich einen das unbestimmte Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben.

Diese Landschaft, so vertraut und behaglich sie erschien, zeigte bisweilen auch ihr schroff abweisendes, schauerliches Gesicht. Plötzlich lag da irgendein Hasen- oder Katzen- oder sonstiger Kadaver, oder man trat in Hundekot. Im Gras wimmelte es nur so von Insekten, und es gab Tage, an denen selbst die frische Wäsche, die am Ufer gegenüber zum Trocknen hing, schmuddelig aussah. Es ist wie mit der großen Liebe, von der nichts als ein großer Scherbenhaufen übrigbleibt. Die Dinge haben eben nicht nur ihre guten Seiten.

Natürlich sah man in der klaren Strömung auch Fische in allen Regenbogenfarben glitzern oder das [7] im Wasser sich spiegelnde, herrliche Blau des Himmels. An lauen Sommerabenden, wenn der mit Steinen gepflasterte Damm im Abendlicht leuchtete, konnte man mit einem Gefühl wie aus Kindertagen ewig lange den Fluß entlang spazieren, und wenn es einem nicht so gut ging, brauchte man sich nur auf den Damm zu setzen, und gleich fühlte man sich wieder besser.

Das Wasser floß vor unseren Augen dahin, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und wir bedauerten es nicht. Es würde doch nie wiederkommen. Der Wind wehte darüber hinweg, und mit der verfließenden Zeit verwandelte sich die Landschaft, gemächlich, aber gewiß.

Ich betrachtete die Gänseblümchen zu meinen Füßen und berührte die Blütenblätter, so fein wie Fäden. Den kühlen Wind im Gesicht, spürte ich, wie sich auch meine Gedanken auffrischten. Solche Momente verloren nie an Intensität. So oft sie sich wiederholten - sie waren jedesmal neu. Bestimmt wäre es mit allen Dingen dieser Welt so, würde man ihnen nur genug Aufmerksamkeit schenken, sie lange und genau beobachten, dachte ich, wohl wissend, wer mich das gelehrt hatte: der Fluß.

Als ich aufstand und meinen kalt gewordenen Hintern abklopfte, fühlte ich, wie mir der Sinn der Welt ein klein wenig näherrückte. Es war, als [8] atmete der pulsierende Organismus unter meiner verletzlichen Haut die Gewißheit, daß sich dieses große weite Ganze vor meinen Augen kaum je ändern würde. Grandiose Gedanken, kleinliche Sorgen - sie waren wie diese Landschaft einfach da, ohne bestimmte Absicht und doch Ausdruck eines wohlgeordneten Ganzen. So zeigte sich mir die Welt, abe

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