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Fenitschka und Eine Ausschweifung Zwei Erzählungen von Andreas-Salomé, Lou (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.04.2016
  • Verlag: Nexx
eBook (ePUB)
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Fenitschka und Eine Ausschweifung

Beide Novellen handeln von modernen Frauen, die sich in einem Zwiespalt zwischen Liebe, Wünschen, Sehnsüchten und einem selbstbestimmten Leben befinden. Dieses Thema hat bis heute Nichts von seiner Aktualität verloren. Lou Andreas-Salomé (1861-1937) war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie mit hugenottischen Vorfahren. Sie war mit Nietzsche befreundet und lebte später mit Rilke zusammen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 05.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705531
    Verlag: Nexx
    Größe: 562 kBytes
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Fenitschka und Eine Ausschweifung

Eine Ausschweifung

Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein - denn von sämtlichen Männern, die ich gekannt, gehörst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was mich als Künstlerin angeht: mehr vielleicht noch, wie wenn du selbst ausübender Künstler wärst. Wenigstens kommt es mir immer vor, als übte ich mit Kunstmitteln das ein wenig aus, was du mit dem ganzen Leben lebst, in deiner reichen Art, die Dinge voll und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Schönheit zu verhelfen. Für solch ein volles, ganzes Ding nahmst du auch mich, und liebtest darum mich vor allen andern - ich weiß es wohl. In meinen Bildern und Skizzen, denen niemand so fein nachgegangen ist wie du, schien dir mein ganzes Ich enthalten zu sein, und dahinter - ach dahinter lag nur eine alte Jugendschwärmerei, die kaum von der Wirklichkeit berührt worden ist. Du hast darin ja auch recht. Und doch - und doch -? Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum gehst du jetzt umher mit zögernder, halb schon versagender Hoffnung auf unsre Zukunft - und ich, anstatt in fröhlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu stehen, warum sitze ich hier am Tisch gebückt, tief gebückt, und schreibe und schreibe, in allen Nerven gebannt vom Rückblick in meine Vergangenheit? Oder warum dann dein Argwohn, und mein Eingeständnis, dass ich nicht mehr kann, was ich so heiß möchte - nicht mehr mit voller Kraft und Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein aufgegebener, erschöpfter Mensch wäre?

Handelte es sich um Überwindung von Vorurteilen, um zu vergebenden Leichtsinn und Fehl im üblichen Sinn - o handelte es sich doch darum! Du, so ohne Bedenklichkeit zweiten Ranges, du, der jegliches versteht und mitfühlt, würdest mir dadurch nicht verlorengehen. Aber das ist es nicht, und dennoch ist es so: mich hat eine lange Ausschweifung zu ernster und voller Liebe unfähig gemacht.

Jetzt, wo ich mir das klarzumachen versuche, kommt der Gedanke voll Erstaunen über mich: wieviel weniger unser Leben von dem abhängt, was wir bewusst erfahren und treiben, als von heimlichen, unkontrollierbaren Nerveneindrücken, die mit unsrer individuellen Entwicklung schlechterdings nichts zu schaffen haben. Seit ich überhaupt denken kann, seit ich von eigenen Wünschen und Hoffnungen bewegt werde, bin ich der Kunst entgegengegangen, habe ich mich an ihr entzückt oder um sie gelitten, und lange noch ehe ich mich ihr wirklich widmen durfte, in irgendeinem Sinne schon im Umkreis der ihr verwandten Sensationen gelebt. Und trotzdem würde jetzt, wollte ich dir mein Leben erzählen, von der Kunst kaum die Rede sein, und kaum würde sie ärmlichsten Raum finden, riesengroß aber müsste in den Vordergrund treten, was doch in meinem individuellen Bewusstsein kaum existiert und was mir selbst immer schattenhaft undeutlich geblieben ist.

An einem heißen Sommertag, weit hinten an der deutschgalizischen Grenze, wo mein Vater damals in Garnison stand, saß ich einst als ganz kleines Mädchen auf dem Arm meiner früheren Amme und sah zu, wie sie von ihrem Mann über den Nacken geschlagen wurde, während ihre Augen in verliebter Demut an ihm hingen. Der kraftvolle gebräunte Nacken, den sie der Hitze wegen offen trug, behielt einen tiefroten Striemen, doch als ich im Schrecken darüber zu weinen anfing, da lachte meine galizische Amme mir so glückselig ins Gesicht, dass mein Kinderherz meinen musste, dieser brutale Schlag gehöre zweifellos zu den besonderen Annehmlichkeiten ihres Lebens. Und vielleicht war es in der Tat ein wenig der Fall, denn weil sie sich, mit der fast hündischen Anhänglichkeit mancher slawischen Weiber, geweigert hatte, unser Haus zu verlassen, nachdem sie mich neun Monate lang mit ihrer Muttermilch genährt, fürchtete sie nun immer, ihr Mann möchte einmal aufhören, zu ihr zu kommen, und weder Liebe noch Zorn für sie übrigbehalten. Jed

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