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Ferngespräch Stories von Zambra, Alejandro (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.05.2017
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
18,99 €
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Ferngespräch

In diesem Buch wird zurückgeschaut: auf die allerletzte Zigarette, den ersten eigenen Computer, auf Rückeroberungsversuche, hirnverbrannte Jobs, die Schule. Von liebenden, lügenden, kriminellen Männern, die die Paraderollen versäumt haben, die niemand Papa nennt, Chef oder Schatz. In einem Chile, für dessen Heldengeschichten sie zu allem Überfluss auch noch zu spät kamen. Ihre elf Stories finden sich in diesem Buch, jede ein Ferngespräch mit der eigenen Vergangenheit und eine Suche nach der Zeit, als Ängste wie Träume maßlos und unbegründet waren. Alejandro Zambra schreibt die neueste Weltliteratur, und Ferngespräch ist ein schillerndes Meisterwerk. Mit einer Art des Erzählens, die kein Vorbild kennt, führt er uns an den Abgrundkanten von Alltag und Geschichte entlang - lässig, witzig und wehmütig. Alejandro Zambra, geboren 1975 in Santiago de Chile, gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren seiner Generation. Der promovierte Hispanist leitet den Studiengang Editionswissenschaft an der Universität Diego Portales in Santiago und arbeitet als Kritiker für namhafte Tageszeitungen, darunter das chilenische El Mercurio und das spanische El País. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte erscheinen in über zwanzig Ländern und erhielten zahlreiche nationale und internationale Preise. Sein Romandebüt Bonsai verhalf Zambra zum Durchbruch. Unter der Regie von Christián Jiménez wurde es für die Leinwand adaptiert und 2011 in Cannes uraufgeführt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 237
    Erscheinungsdatum: 08.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518751008
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Mis Documentos
    Größe: 1745 kBytes
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Ferngespräch

EIGENE DOKUMENTE

für Natalia García

1

Einen Computer habe ich zum ersten Mal um 1980 gesehen, mit vier oder fünf Jahren, aber es ist eine verschwommene Erinnerung, womöglich vermische ich sie mit späteren Besuchen im Büro meines Vaters in der Calle Agustinas. Ich erinnere mich an meinen Vater, die unvermeidliche Zigarette in der Rechten, die schwarzen Augen auf meine gerichtet, wie er mir die Funktionsweise dieser riesigen Maschinen erklärt. Er erwartete Verblüffung, und ich täuschte Interesse vor, ging aber bei der nächstbesten Gelegenheit zum Spielen zu Loreto, einer Sekretärin mit langem Haar und schmalen Lippen, die sich meinen Namen nicht merken konnte.

Loretos elektrische Schreibmaschine war für mich dagegen ein Wunderwerk mit ihrem winzigen Bildschirm, auf dem sich die Wörter stauten, bis eine blitzschnelle Garbe sie aufs Papier nagelte. Der Mechanismus mochte dem eines Computers ähneln, aber dieser Gedanke kam mir nicht. Jedenfalls gefiel mir die Maschine besser, eine herkömmliche Olivetti in Schwarz, die ich gut kannte, weil zu Hause genau so eine stand. Meine Mutter hatte Programmieren studiert, war aber bald von den Computern abgekommen und bei dieser bescheideneren Technologie geblieben, die immer noch aktuell war, der Computer würde erst viel später zur Massenware werden.

Meine Mutter benützte die Schreibmaschine nicht für bezahlte Arbeiten, sie tippte die Lieder, Erzählungen und Gedichte meiner Großmutter ab, die ständig an Wettbewerben teilnahm oder an einem Projekt feilte, das sie endlich aus der Anonymität reißen sollte. Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Esstisch saß, behutsam das Durchschlagpapier einspannte und Fehler sorgfältig mit Tipp-Ex korrigierte. Sie schrieb sehr schnell, mit allen Fingern, ohne auf die Tasten zu sehen.

Vielleicht kann ich es so ausdrücken: Mein Vater war ein Computer, meine Mutter eine Schreibmaschine.

2

Schnell lernte ich, meinen Namen zu tippen, ahmte auf der Tastatur aber lieber die Trommelwirbel der Märsche nach. Zur Militärkapelle zu gehören war für uns die höchste aller Auszeichnungen. Jeder wollte hinein, ich auch. Vormittags hörten wir in der Schule das ferne Dröhnen der Trommeln und Pfeifen, das Schnauben von Trompete und Posaune, die wundersam klaren Noten von Triangel und Glockenspiel. Die Kapelle probte zwei, drei Mal die Woche. Beeindruckt sah ich ihnen nach, wie sie in Richtung einer Koppel verschwanden, die an die Schule grenzte. Imponierend war vor allem der Tambourmajor, der nur bei wichtigen Anlässen zum Einsatz kam, weil er ein Ehemaliger der Schule war. Er führte den Tambourstab mit bewundernswertem Geschick, obwohl er einäugig war - er besaß ein Glasauge, und die Legende besagte, er habe es bei einem bösen Schlenker mit dem Stab verloren.

Im Dezember pilgerten wir immer zur Votivkirche. Von der Schule aus war es ein endloser Fußmarsch, zwei Stunden lang, allen voran die Kapelle, dann wir in absteigender Ordnung, vom Zusatzjahr der Oberstufe (wir waren ein technisches Gymnasium) bis zur ersten Klasse. Die Leute winkten aus den Fenstern, Frauen schenkten uns Orangen, damit wir nicht schlappmachten. Meine Mutter tauchte in Abständen am Wegrand auf. Sie parkte, suchte mich am Ende des Zugs, kehrte zum Auto zurück, hörte Musik, rauchte eine Zigarette, fuhr wieder ein Stück, um uns weiter vorne abzupassen und mich von neuem zu grüßen mit ihrem langen, glänzenden hellbraunen Haar, die schönste Mutter der Klasse, kein Zweifel, was mich eher in Bedrängnis brachte, denn einige Mitschüler stichelten, sie sei eine viel zu hübsche Mutter für einen so hässlichen Kerl wie mich.

Auch Dante kam, um mir zu winken, grölte dabei meinen Namen und blamierte mich vor den Klassenkameraden, die sich über ihn lustig machten und über mich auch. Dante war ein autistischer Junge, viel älter als ich, fünfzehn oder sechzehn vielleicht. Er war sehr groß, ein Mete

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