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Flokati oder mein Sommer mit Schmidt von Schult, Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.03.2016
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Flokati oder mein Sommer mit Schmidt

"Als das mit Frau Schellack passiert ist, waren mir Mädchen zwar nicht egal, aber sie gehörten der gleichen Gruppe von Menschen an wie meine Schwester. Und wenn ich schon das zwischen David Cassidy und meiner Schwester nicht verstehen konnte, wie sollte ich dann überhaupt den Rest begreifen?" Es ist der WM-Sommer 1974. Der 12-jährige Paul lebt in behüteten Verhältnissen: Der Vater ist ein fußballverrückter Friseur, der sich durch Zettels Traum kämpft, die Mutter eine emanzipierte Linke, die mit dem taxifahrenden RAF-Sympathisanten Bruder Kolja lange, ominöse Ausfahrten unternimmt. Seine Schwester redet nur in Abkürzungen. Mit seinem besten Freund Boris träumt sich Paul ins Weltall und stromert durch die Nachbarschaft. Dort führt der seltsame Emil Bartoldy seine Schildkröte spazieren. Als am Ende des Sommers die Ehe der Eltern zerbricht und seiner Freundin, der alten Nachbarin Frau Schellack, etwas Schreckliches passiert, flüchtet Paul, um sich final der Welt zu stellen. Martin Schult erzählt einfühlsam und mit Liebe zum Detail eine Geschichte über Freundschaft, Schuld und einen unvergesslichen Sommer. "Martin Schult hat einen rasanten, warmherzigen und unwiderstehlich witzigen Debütroman geschrieben. Diese Coming-of-Age-Geschichte zwischen Fußball, Anarchie und Arno Schmidt winkt aus dem Frankfurter Jahr 1974 dauernd der Gegenwart zu. Dieser Flokati kann fliegen!" Felicitas von Lovenberg Martin Schult, Jahrgang 1967, studierte Afrikanistik und Ethnologie in Frankfurt und Berlin. Nach mehreren Aufenthalten in West- und Ostafrika und Lehrtätigkeiten in Berlin und Zürich, arbeitet er seit 2004 beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Er ist der stellvertretende Leiter des Berliner Büros und betreut den Friedenspreis. Martin Schult lebt mit seiner Frau in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 14.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843713252
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2067 kBytes
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Flokati oder mein Sommer mit Schmidt

Dienstag, 15 . Oktober 1974

Sehr geehrte Frau Ludwig!

"Nicht mit der Tür ins Haus fallen." Sie erinnern sich sicher noch daran, dass Sie das zu uns gesagt haben, als wir einmal als Hausaufgabe einen Brief schreiben sollten. Denn es sollte kein normaler Brief sein, so wie "Liebe Oma, wie geht es dir, mir geht es gut". Nein, wir sollten uns überlegen, wie man jemanden mit einem Brief von etwas überzeugen kann, das der gar nicht will. Meine Kleine Oma hätte das Intrige genannt, und ihr wäre sicherlich irgendein passendes Sprichwort dazu eingefallen. Und die Böse Omi vermutet sowieso hinter jeder Postkarte, die ich ihr schreibe, ein Komplott.

Ich habe meinen Brief an Breschnew geschrieben, den Chef von der Sowjetunion. Schaffen Sie die Atombomben ab, habe ich gefordert, ganz direkt. Ohne Hintertür.

Sie haben geseufzt.

"Als Elfjähriger kann man das natürlich so machen, kindliche Ungeduld hat ihren Reiz, Paul, gerade bei einem solchen Thema. Aber nimmt man dich dann wirklich ernst?"

Damals habe ich mit den Schultern gezuckt. Jetzt frage ich mich, wie dieser Brief an Sie bloß beginnen soll. Breschnew oder Hintertür?

Außerdem: Ich bin schon zwölf. Fast dreizehn.

Und ich stecke in Schwierigkeiten.

Wenn Sie das hier lesen, werden Sie zum Teil schon wissen, was passiert ist. Damit meine ich, dass ich nicht in die Schule gegangen bin. Sie denken, ich sei krank. Aber das ist gelogen. Seit gestern sitze ich nämlich hier unten. Im Keller. Direkt bei der Heizungsanlage. Ich bin auf Tauchstation, allerdings nur am Vormittag. Danach gehe ich nach oben und tue so, als wäre alles normal. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand merkt, dass Mutters Unterschrift gefälscht ist.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nicht gleich ganz weggelaufen bin. So, wie man das normalerweise tut: Tasche packen, nachts aus dem Fenster klettern, mit dem Bus, mit dem Zug oder per Anhalter aus der Stadt raus, in Scheunen schlafen, vor Hunden wegrennen, bei einem Bauern unterkommen, der einen als Knecht anstellt, später dann die Tochter des Bauern heiraten, den Hof übernehmen und als reicher Mann und verlorener Sohn zurückkommen, und die Mutter, Sie wissen schon, die nimmt einen dann in die Arme.

Ich bin tatsächlich einmal weggelaufen, als kleines Kind, aber das ist völlig schiefgegangen. Man braucht nämlich ein Ziel. Man sollte unbedingt wissen, wohin man will. Das habe ich damals nicht gewusst ... und heute auch nicht.

Gestern habe ich zuerst vorne im Keller auf einer Holzkiste gesessen, die meiste Zeit im Dunkeln. Es war echt mühselig, jede Minute auf den Lichtschalter zu drücken. Eine Schaltuhr für ein Kellerlicht zu benutzen, ist so ziemlich der größte Unsinn, den man sich vorstellen kann, und ich war nahe daran, das Ganze sein zu lassen. Dann, als ich wieder einmal den Lichtschalter gedrückt hatte, bemerkte ich zufällig, dass weiter hinten, in der Eisentür zum Heizungskeller, ein Schlüssel steckte.

Früher ist der Raum der Luftschutzkeller im Haus gewesen, kurz " LSK ", das steht auch an der Tür. Während des Zweiten Weltkriegs haben sich hier die Mieter versteckt. Für die hat man in Schnörkelschrift "Ruhe bewahren" an eine Wand geschrieben. Aber dann haben die Amerikaner das Haus doch nicht bombardiert.

Ich habe mir den Keller sofort genauer angeschaut. Ein bisschen gruselig war es schon, sich vorzustellen, wie die Menschen hier unten gesessen haben und bei jeder Explosion zusammenzuckten. Aber trotzdem: Der Keller sah ziemlich in Ordnung aus, ein bisschen muffig vielleicht, aber wegen des Heizkessels schön warm. Das perfekte Versteck. Es gibt ein eigenes, unglaublich grelles Neonlicht mit einem normalen Schalter, eine Steckdose und sogar eine Toilette. Sie hat zwar kein Wasser. Aber das kann ich vom Wasserhahn gleich neben der Kellertreppe holen.

Und wissen Sie, w

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