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Flughafenwandern Band 1: Europa und Nordamerika von Scholz, Aleks (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.12.2016
  • Verlag: CulturBooks Verlag
eBook (ePUB)
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Flughafenwandern

"Wie in einem mittelalterlichen Abenteuerepos eilt der Held von Schauplatz zu Schauplatz und bekämpft das drachenhafte Techno-Imaginäre ... in seinem erfrischend klugen, genresprengenden Text." FAZ, Oliver Jungen Das Problem mit Flughäfen ist wohl, dass wir nicht dort sein wollen. Wir wollen woanders sein, und Flughäfen sind nur die Trittsteine in diese andere Welt. Es sind sonderbare Zwischenorte, die sich anders verhalten, als wir es gewohnt sind, und wenig Interesse daran haben, uns dort zu behalten, Orte, die einen einsaugen, nur um einen am anderen Ende wieder auszuspucken. Dabei geben sie sich große Mühe, möglichst geheimnisvoll zur wirken. Flughäfen sind so unlogisch wie Luftschokolade. Überall öffnen sich sinnlose Höhlen. Parkgaragen und Autobahnen verknoten sich in der vierten Dimension. Busse fahren ins Niemandsland. Es gäbe soviel zu verstehen, aber Flughäfen haben kein Interesse daran, verstanden zu werden, im Gegenteil, man gewinnt den Eindruck, dass sie uns für dumm halten. Flughäfen behandeln uns wie weiße Mäuse in einem seltsamen weltumspannenden Tierversuch. Aus der Gefangenschaft zu entkommen, die Struktur der Flughäfen zu erkunden, ihre Topographie zu kartieren, ihre Funktion zu enthüllen, zu überleben in einer inhumanen Umgebung, das ist die Aufgabe des Flughafenwanderers. "Flughafenwandern ist der Versuch, den Flughafen zu transzendieren, das große, störrische Ding, ihn aus den Angeln zu heben. Was bleibt übrig, wenn man den Kern des Flughafens, seinen Daseinszweck, ignoriert?" "Aleks Scholz, Autor und Astronom, erzählt leise, unspektakulär, genau und ironisch. Sehr beeindruckend, wie er Wissen in eine erzählerische Struktur gibt, die unterhält und nachklingt." Anne Kuhlmeyer Aleks Scholz, geb. 1975, ist Astronom und Autor. Zurzeit arbeitet er als Direktor des Observatoriums an der Universität von St. Andrews in Schottland. Zusammen mit Kathrin Passig veröffentlichte er das "Lexikon des Unwissens" und "Verirren" (beides bei Rowohlt Berlin). Er war Redakteur des Weblogs Riesenmaschine und schrieb für die Süddeutsche Zeitung, den Standard, die taz, die Zeit, Spiegel Online und CULTurMAG. Von 2009 bis 2013 lebte und arbeitete er in Dublin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 02.12.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783959880428
    Verlag: CulturBooks Verlag
    Größe: 688 kBytes
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Flughafenwandern

There is no there there.
Gertrude Stein, "Everybody's autobiography" (1937)

Man kann sich natürlich leicht lustig machen über die Binnenmajuskel in FitzGerald. Das ändert nichts daran, dass die FitzGeralds eine der ältesten und ruhmreichsten Familien in Irland sind. Ihre Geschichte fängt damit an, dass Maurice FitzGerald, Lord aus dem walisischen Llansteffan, im Jahr 1169 nach Irland einwandert, als einer der Führer der ersten normannischen Invasion. Von diesem Ereignis führt eine direkte genealogische Linie zur Gründung des Flughafens in Dublin. Desmond FitzGerald, ein Nachfahre von Maurice, war der Architekt, der das erste Terminal des Flughafens konstruierte, eröffnet im Jahr 1941. Zwar ließ Desmond die meiste Arbeit von seinen Büroangestellten erledigen und inwieweit er über seine Ahnen informiert war, lässt sich nicht herausfinden. Aber als Tiefendimension des Flughafens ist die FitzGerald-Geschichte perfekt. Ein großformatiges Gemälde der Normannen-Landung als Wallpaper hinter dem Flughafenbetrieb - flache Boote, jedes mit einem großen Segel, aus denen Ritter in Kettenhemden springen, diszipliniert und gut ausgebildet, gepanzerte Pferde in der Brandung, Lanzen, Pfeile, Bogen.

Das alte FitzGerald'sche Terminal in Dublin ist eines der wenigen Flughafengebäude, die architektonisch relevant sind, und zwar nicht nur für Leute wie mich, die Altglascontainer für architektonisch relevant halten, sondern anscheinend auch für Architekten. Die Idee war, es wie einen riesigen Ozeandampfer aussehen zu lassen, einen Dampfer, der hilflos im Trockenen am Rande der Landebahn steht und nicht vom Fleck kommt, während neben ihm ständig die Flugzeuge abheben. Von vorn erkennt man klar die Umrisse einer Kommandobrücke, was seltsam ist, weil das Terminal viel breiter als tief ist. Wenn es wirklich ein Ozeandampfer sein soll, der irgendwie eine Chance hat, jemals in See zu stechen, dann muss es, von der Brücke aus gesehen, seitwärts schwimmen.

Erst im Kontext ergibt alles einen Sinn: In Wahrheit ist der gesamte Flughafen das Schiff, der Bug ragt weit in die Zubringerstraßen hinein, während das Heck sich irgendwo auf der Landebahn befindet. Das Terminal der alten Normannen ist der Brennpunkt des gesamten Flughafenkonstrukts, das ideelle Zentrum des Flughafens. Und das, obwohl es heute nur noch für Wettervorhersagen verwendet wird. Als Passagier sieht man das alte Terminal nur vom Flugzeug aus, oder aber durch die dicken Glasscheiben einer Galerie, die in der Luft hängend vor dem Ozeandampfer vorbei und zu einem der Flugsteige führt. Man kann sich die Nase am Fenster plattdrücken, man kann sich über das seltsame Gebäude da draußen wundern, man kann die gesamte Geschichte im Smartphone-Internet nachlesen.

Aber um das alte Normannenterminal anzufassen, muss man die Wege verlassen, die der Flughafen seinen Passagieren vorschreibt. Denn mittlerweile fließt der gesamte Verkehr am Dubliner Flughafen an seinem ursprünglichen Zentrum vorbei. Den Strom verlassen: Zum Beispiel am Ausgang von Terminal 1 nach links, an allen Bussen vorbei, und dann unter der schon erwähnten Galerie hindurch in die Wiesen vor dem alten Terminal. An dieser Stelle ist die sorgsam konstruierte Zeitreise perfekt: Ich stehe auf dem Vorderdeck des FitzGerald'schen Ozeandampfers, der Boden schwankt, die Irische See rollt unter mir hinweg. Mein Schiff fährt an der Spitze der normannischen Invasion, umschwirrt von Insekten der Marke Boeing und Airbus. Ich bin im Begriff, neue Kontinente zu erobern.

Die Sonne verschwindet hinter schwarzen Wolken, und Minuten später setzt der Regen ein. Ich suche Schutz auf der Kommandobrücke, aber die ist verriegelt. Die irische Wetterbehörde hat Feierabend. Unter Flüchen über das ozeanische Klima sitze ich den Regen aus, auf der Wiese, die in ihrer Konsistenz eher einem Sumpf ähnelt. Ein kleiner, sauber gemähter Sumpf. Sicher ist es nur ein Schauer.

Immer no

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