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FM4 Wortlaut 16. FALLEN

  • Erscheinungsdatum: 22.11.2016
  • Verlag: Luftschacht Verlag
eBook (ePUB)
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FM4 Wortlaut 16. FALLEN

FM4 bot NachwuchsautorInnen und allen, die Lust am Geschichtenschreiben haben, die Chance, sich in kurzer Form literarisch über das Thema 'FALLEN' auszulassen. Zehn der cirka 1.000 Beiträge wurden von einer hochkarätigen Jury gekürt und schafften es in die Anthologie Wortlaut 16. Die urteilenden Fallenstellerinnen und Gefallenen: Marcus Fischer (Wortlaut-Gewinner 2015), Hans Platzgumer (Autor und Musiker), Teresa Präauer (Autorin und Künstlerin), Monique Schwitter (Autorin), Andreas Spechtl (Musiker). Mit Texten von: Klaus Berger-Schwab Fabian Bürkin Elisabeth Etz David Fuchs David Hassbach Dietmar Nemeth Henrik Pohl Noemi Schneider Andrea Wulfert Mario Wurmitzer Zita Bereuter (Hg.), 1973 in Egg/Vorarlberg. Seit 2001 bei FM4, u. a. Leiterin des Literaturressorts, Organisatorin von Wortlaut und Betreiberin der FM4-Bücherei. Rezensiert für FM4 und Ö1. Claudia Czesch (Hg.), 1967 in Wien, arbeitet seit 1995 bei ihrem Lieblingssender FM4. Sie ist Redakteurin und stellvertretende Senderchefin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 98
    Erscheinungsdatum: 22.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903081574
    Verlag: Luftschacht Verlag
    Größe: 1295 kBytes
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FM4 Wortlaut 16. FALLEN

Fingerfallen

David Fuchs

Foto: Daniela Fuchs

geb. 1981 in Linz, Medizinstudium in Wien. Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin in Linz, wo er als Onkologe und Palliativmediziner arbeitet. Verheiratet, zwei Kinder.

Absolvent der Leondinger Akademie für Literatur 2015/16, Arbeitsstipendium des Landes OÖ 2016. Arbeitet an seinem ersten Roman mit den Fingerfallen als Keimzelle.

www.davidfuchs.at
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Ambros Wegener heißt wie eine Krankheit. Das kann man im Lexikon nachschlagen, Gefäßentzündung mit Knötchenbildung. Obwohl die Krankheit eigentlich nicht mehr so heißt, seit man weiß, dass Wegener, also der, nach dem die Krankheit benannt ist, ein Nazi war.

Ambros Wegener ist nicht krank, auch kein Nazi, sondern mein Sitznachbar in der Schule und geht jetzt direkt vor mir die Treppe hoch.

Wegen der Aussicht, hat der Klassenvorstand gesagt, wegen der Aussicht sollen wir hinaufgehen, und ich habe mir gedacht, nie im Leben gehe ich auf den Petersdom rauf. Aber dann ist Ambros gegangen und ich auch.

Das Treppenhaus ist eng und so schief, dass ich den Oberkörper schräg halten muss, um weiterzukommen. Wenn man die Ellenbogen ausstreckt, scheuert man links und rechts an den gefliesten Wänden. Ambros schaut zurück und sagt, Marius, beeil dich. Seit zwei Tagen nennt er mich Marius. Wahrscheinlich, weil es lateinisch klingt.

Ich heiße Benjamin Marius Maier. Marius benutze ich nicht. Das klingt, als hätten meine Eltern mich eigentlich Maria nennen wollen, aber nicht den Mut dazu gehabt. Und Benjamin, nicht Ben. Ben klingt wie steifer Schwanz.

Ich habe noch nie eine so enge Wendeltreppe gesehen. Beim Hinaufgehen kann man sich mit den Händen ein paar Stufen weiter oben abstützen, wie beim Bergsteigen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn jemand hier drin eine Panikattacke bekäme. Zum Glück ist Ambros relativ robust und ich habe vorhin heimlich ein Bier getrunken.

Die Wendeltreppe ist zu Ende, noch ein enges Stiegenhaus. Dann treten wir auf die Aussichtsplattform hinaus. Ich schaue auf die Stadt und stelle mir vor: fliegen. Ambros, sage ich, kannst du mir eine schnorren? Er klemmt seine Zigarette in den Mundwinkel. Selbst gedreht. Er holt den Tabak raus, die Papers, den Filter. Er hat eine kleine Maschine zum Selberdrehen, stellt sie auf dem Steingeländer ab. Aber mit einer Maschine geht das Coole am Selberdrehen verloren. Schön werden sie schon, die Zigaretten. Da bitte, sagt er und ich sage, danke, hast du mal Feuer?

Die Mädels wollen wieder runter. Zu kalt ist es und langweilig. Außerdem wollen sie auf einen Kaffee gehen und, wenn möglich, vorher den Papst sehen. Der Klassenvorstand geht mit. Wir sollen nachkommen, in zehn Minuten. So lange wollen sie warten, ob der Papst aus einem Fenster winkt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Papst aus einem Fenster winkt. Wahrscheinlich ist er nicht einmal da, sondern auf Auslandsreise. Und falls er doch da ist, hat er als Papst sicher Wichtigeres zu tun als Schülerinnen zuzuwinken.

Aber wenn, dann müsste man natürlich ein Foto machen. Ambros könnte das, er hat eine Spiegelreflex. Die Kameratasche steht neben ihm auf dem Boden. Nur das Stativ hat er im Hotel gelassen.

Willst du nicht die Aussicht fotografieren, frage ich und er sagt, Aussichten fotografiere ich nicht. Hundertdreizehn Fotos hat er schon gemacht, seit wir hier sind, aber keine einzige Aussicht, kein Gebäude. Nur Kunstfotos, die er immer als Dias herzeigt. Nur als Dias, nie als echte Fotos.

Ich hole meine Kamera raus. Irgendjemand muss ja die Touristenfotos machen. Nur mehr vier Fotos übri

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