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Frühling in Paris Roman von Blum, Fiona (eBook)

  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Frühling in Paris

In der Rue d'Estelle blühen die Platanen. Es ist Mai, und das Leben scheint heiter und unbeschwert. Doch den Bewohnern des Hauses Nr. 5 ist nicht nach Frühling zumute. Isaac, der alte russische Jude, verlässt kaum mehr seinen Tabakladen. Dem Studenten Nicolas, der als Straßenclown arbeitet, gelingt es nicht mehr, die Menschen zum Lachen zu bringen. Und die ehrgeizige Tänzerin Camille hat alle Leichtigkeit verloren. Bis eines Tages die junge Louise auftaucht und ein kleines Café eröffnet. Mit ihrer Unbekümmertheit stellt sie alles auf den Kopf und sorgt für einen Zauber, den es in der Rue d'Estelle schon lange nicht mehr gegeben hat. Fiona Blum ist das Pseudonym der Schriftstellerin und Juristin Veronika Rusch. Sie hat Rechtswissenschaften und Italienisch in Passau und Rom studiert und mehrere Jahre als Anwältin gearbeitet. Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus in Oberbayern. Für ihren Roman "Liebe auf drei Pfoten" erhielt sie den begehrten DELIA-Literaturpreis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641180409
    Verlag: Goldmann
    Größe: 555 kBytes
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Frühling in Paris

3

Doch zunächst gilt es noch, einen kurzen Blick in die Rue d'Estelle zu werfen. Nicht dass es sich um eine besonders spektakuläre Straße gehandelt hätte, im Gegenteil. Sie war weder prächtig noch elegant, nicht bunt oder quirlig, weder erhaben noch geschichtsträchtig. Mitten im lebhaften Viertel Marais, rechts der Seine gelegen, dem Fluss gleichermaßen nahe wie dem ehemaligen Hallenviertel, wo sich jetzt das Centre Pompidou befand und Röhren und Rolltreppen wie Gedärme, Adern, Knochen nach außen stülpte, war es nichts als eine kurze Sackgasse, die ihr abruptes Ende an einem stillen, von einem Eisenzaun begrenzten Park fand, in dem Tag um Tag die Tauben gurrten. Am ehesten könnte man diese Straße noch verträumt nennen. Sie hatte den Aufwärtstrend, den das Viertel seit geraumer Zeit schon durchmachte, verschlafen oder sich ihm verweigert, was auf das Gleiche hinauslief. In der Geschichte, die hier erzählt wird, spielt die Straße jedoch eine wichtige Rolle. Hier, im Haus Nr. 5, laufen die Fäden zusammen, die sich im Zug von Calais nach Paris und auf der Balustrade von Notre-Dame langsam auszurollen beginnen, und auch solche, deren Anfang bereits weiter zurückliegt. Ein zart schimmernder Faden, der vor vielen Jahren seinen Weg auf der Bühne der Opéra National begann und der jetzt Gefahr läuft, seinen Glanz einzubüßen. Und noch ein anderer Faden, ja eigentlich zwei Fäden, ineinander verwoben, die sich vor über zwanzig Jahren an einem trüben Wintermorgen von St. Petersburg aus auf den Weg nach Paris machten, über die Jahre langsam ausfransten, dünner und dünner wurden und einander schließlich verloren.

An diesem Morgen nun, als Nicolas von seinem Besuch bei Notre-Dame in die Rue d'Estelle zurückkam, pfeifend, die Hände noch immer in den Jackentaschen, stand im ersten Stock des Hauses Nr. 5 eine junge Frau am Fenster, goss eine weiße Orchidee und sah dabei gedankenverloren hinaus in den noch verhangenen dunstigen Morgen. Sie war dunkelhaarig, ihr glattes Haar war in der Mitte gescheitelt, und sie hatte eine kurze, gerade Nase, auf der ein paar wenige Sommersprossen saßen, die nicht so recht zu dem ansonsten so makellosen Gesicht passen wollten. Als sie ihren Nachbarn vom nahen Park heranschlendern sah, beugte sie sich vor und spähte durch den Spalt zwischen den dünnen weißen Vorhängen, um ihn genauer betrachten zu können. Wo mochte er wohl so früh schon gewesen sein? Oder war er etwa die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen? Möglicherweise hatte er eine Freundin. Sie stellte die zierliche Gießkanne ab und wischte einen Wassertropfen vom Fensterbrett. Zweimal die Woche ein Schnapsglas voll, hatte Madame Bonnet ihr kurz vor der Abreise mehrmals eingeschärft, nichts ahnend, dass es für sie selbst gar keine Rolle mehr spielen würde, ob die Orchidee in ihrer Wohnung verdurstete oder ertrank. Doch sie tat weder das eine noch das andere, denn Camille pflegte sie gewissenhaft, und solange sie das tat, würde die Orchidee hoffentlich weiterleben. Madame hatte Camille bei ihrer Abreise nicht nur die Pflanze, sondern gleich die ganze Wohnung anvertraut, in der Camille eigentlich nur eineinhalb Zimmer zur Untermiete bewohnte. Sie hatte sie gebeten, hin und wieder Staub zu wischen, zu lüften und sich im Übrigen "wie zu Hause" zu fühlen. Dann hatte sie Camille mit ihren kräftigen, kurzen Bäckerfingern wie so oft in beide Wangen gezwickt, da Camille ihrer Meinung nach viel zu blass war, und war winkend in das Taxi gestiegen, das sie zum Flughafen brachte.

Camille fuhr sich mit den Händen über ihr Gesicht. Zuerst zart, dann heftiger und heftiger, so lange, bis ihre Wangen brannten. Natürlich war sie zu blass. Scheiße noch mal. Sie ließ die Hände sinken und warf erneut einen Blick aus dem Fenster. Nicolas stand jetzt direkt vor dem Haus und sah nach oben. Camille zuckte zurück. Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen, sonst würde er denken, sie spioniere. Ein seltsamer Kerl, diese

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