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Frag nicht nach gestern Roman

  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Frag nicht nach gestern

Grau und trist präsentiert sich Finnland, als die 19-jährige Leonie dort ankommt. Nach ihrem Aufenthalt in einem deutschen Gefängnis soll sie nun den Rest ihrer Zeit in einem Resozialisationsprojekt absitzen. Dort leben acht junge Frauen gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin auf einem Hof an einem abgelegenen See. Leonie ist, nett ausgedrückt, sehr skeptisch, auch dann noch, als sie erfährt, dass sie sich auf dem Gelände frei bewegen kann und nicht überwacht wird. Sie beschließt abzuhauen, doch während sie ihre Fluchtpläne schmiedet, gibt sie vor, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Dabei lernt sie ihre Mitgefangenen besser kennen und freundet sich mit einigen an. Besonders zu Mia baut Leonie ein enges Verhältnis auf, denn Mia scheint ganz anders zu sein als die anderen, und so drängt sich Leonie die Frage auf: Warum ist Mia überhaupt im Camp? Doch die Antwort behält Mia für sich. Im Laufe der ersten Monate wird Leonie klar, dass Mia mehr für sie bedeutet, als sie sich eingestehen wollte. Als Mia eines Abends Hals über Kopf im Wald verschwindet, merkt Leonie, dass die Dunkelheit kein ungefährlicher Ort ist. Sophie Herrndorf wurde 1984 geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Köln. Mit dreizehn Jahren sagte sie: 'Entweder werde ich Nonne oder lesbisch' und entschied sich drei Jahre später für Zweiteres. Nach ihrem Abitur folgte sie ihrer ersten Liebe nach Berlin und absolvierte dort ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Später wurde sie Grundschullehrerin. Heute lebt sie mit ihrer Liebsten und ihrer Tochter wieder in Köln. Im Querverlag erschien 2017 ihr erster Roman Frag nicht nach gestern.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 100
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896566478
    Verlag: Querverlag
    Größe: 509 kBytes
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Frag nicht nach gestern

Leonie

Das Schwarz der Nacht weicht langsam dem Grau eines dichten Morgennebels, der nur widerwillig den Blick auf die Welt vor dem Autofenster freigibt. Ich starre hinaus und die Welt starrt zurück, als wäre sie zu Eis gefroren. Vorgestern bin ich im T-Shirt durch den Sonnenschein der ersten warmen Tage spaziert und nun fahre ich in einem uralten Volvo durch einen finnischen Winterwald. Die Straße ist vereist und die Spikes der Autoreifen geben ein nervtötend klackerndes Geräusch von sich. Am Rand liegt der Schnee meterhoch, dahinter der finstere Wald. Der Schnee auf den Bäumen lässt kaum Licht hindurch.

Ich stelle mir vor, wie wir ankommen werden. Lange kann es nicht mehr dauern, wir sind schon ewig unterwegs. Sieben andere junge Frauen warten dort auf mich, so viel weiß ich schon, ebenfalls abgeschoben in Kälte und Einsamkeit. Vielleicht ist es so günstiger für den Steuerzahler.

Der Nebel lichtet sich etwas und hängt nun in Fetzen zwischen den Fichten und Kiefern. Es tropft von den Bäumen und ab und zu rutscht eine Ladung Schnee von den Zweigen auf den Boden.

Es könnte schön sein, denke ich, aber es kommt keine Freude in mir auf. Dieses Land scheint so zu sein, wie ich mich fühle, und bietet dabei nichts, wonach ich mich sehne.

"Bald kommt der Frühling", erklärt Su vom Fahrersitz. "Es hat nun schon länger nicht mehr geschneit und wenn wir Glück haben, tut es das auch nicht mehr. Du kannst froh sein, im Frühling hierherzukommen. Der Winter ist nicht immer ganz so leicht."

Ich antworte nicht. Was soll ich auch sagen? Dass ich es jetzt schon hasse? Dass ich hier nicht bleiben werde? Verstohlen mustere ich Su. Ich schätze sie auf Mitte dreißig. Sie hat kurze Haare, die zu allen Seiten abstehen, und trägt eine alte, zerschlissene Jeans, klobige Wanderschuhe und eine Outdoorjacke. Als sie mich an dem kleinen Flughafen abholte, konnte ich sehen, wie darunter ein Flanellhemd hervorguckte. Ob es hier üblich ist, sich so bescheuert zu kleiden?

Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir. Sieben Gesichter, misstrauisch und zugleich neugierig. Vermutlich wird eine von ihnen vor den anderen stehen, mit harter Miene und gekreuzten Armen. Und dann wird die obligatorische erste Frage kommen: "Und? Warum bist du hier?"

Diese Frage dient zweierlei: Zum einen macht die Fragende gleich klar, dass sie an der Spitze der Gruppe steht. Zum anderen wissen danach alle, zu welcher Sorte die Neue gehört: Unschuldslamm, Heldin oder Kratzbürste.

Die Ersten erzählen gleich ihre ganze Lebensgeschichte, schildern detailliert, wie sie auf die schiefe Bahn geraten sind, und schauen dabei unschuldig drein. Typ zwei gibt eine knappe Auskunft, die ihrer Polizeiakte entstammen könnte. "Raubüberfall" oder "Beschaffungskriminalität" heißt es dann, oft mit dem stolz wirkenden Zusatz "in 23 Fällen". Die dritte und letzte Kategorie lässt das Gegenüber aggressiv wissen, dass das "niemand etwas angeht".

Hierzu gehöre auch ich. Ich hasse diese Frage nach der Vergangenheit. Ich will mich weder als Unschuldslamm noch als Superheldin darstellen. Ich will nur meine Ruhe. Aber die werde ich in den ersten Tagen nach der Ankunft wohl kaum bekommen.

Nun lichtet sich der Wald und ich entdecke die dunkle Oberfläche eines Sees. Die Straße ist zu einem Weg geworden, der sich am schneebedeckten Ufer entlangschlängelt.

Su deutet mit einem Finger übers Lenkrad: "Da vorne ist es."

Ich sehe nur Wald. Der Volvo biegt um eine Kurve und folgt dem Schotterweg um eine Bucht herum. Da taucht eine Gruppe von Häusern auf.

Es sind Häuser aus Holz, hellgelb gestrichen. Aus den Schornsteinen steigt Rauch auf und ich bemerke, wie ich mich nach einer heißen Dusche sehne. Etwas irritiert mich beim Anblick

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